Im BNN-Interview erklärt Sven Regener, der Sänger von Element of Crime, unter anderem, warum Social Media aus seiner Sicht überschätzt wird.
Im BNN-Interview erklärt Sven Regener, der Sänger von Element of Crime, unter anderem, warum Social Media aus seiner Sicht überschätzt wird. | Foto: dpa

BNN-Interview mit Sven Regener

„Jeder Trottel ist im Internet“

Sven Regener (55) ist nicht nur Frontmann der Berliner Kultband Element of Crime, sondern auch Bestsellerautor und seit neuestem sogar Professor. Im BNN-Interview spricht der streitbare Künstler über die Vorzüge gescheiterter Liebesbeziehungen, sein distanziertes Verhältnis zu Facebook und darüber, was sein Romanheld „Herr Lehmann“ beim Karlsruher „Fest“ denken würde. Dort spielen Regener und seine Bandkollegen diesen Sonntagabend zum Finale des Musikfestivals.

Sven Regener und seine Band Element of Crime bilden den "Fest"-Abschluss am Sonntag.
Sven Regener und seine Band Element of Crime bilden den „Fest“-Abschluss am Sonntag. | Foto: dpa

Guten Morgen Herr Regener. Toll, dass das Telefon-Interview klappt, Sie sind ja auf Tour …

Regener: Hallo, sind Sie noch dran? Da kommt immer so ein Piepton …

Das habe ich auch gehört, kommt der Ton vielleicht von Ihnen?

Regener: Ja, mein Ohr macht am Handy irgendwelchen Quatsch. Jetzt ist es besser.

Schön. Sie sind also mit Element of Crime  auf großer „Lieblingsfarben und Tiere“-Tour und spielen diesen Sonntag erfreulicherweise auch beim „Fest“ in Karlsruhe. Mögen Sie Festivals?

Regener: Ja sehr, deshalb verzichten wir auch auf die ganz großen Rockfestivals wie Southside oder Hurricane, weil die einen Gebietsschutz wollen, also dass man in einem Umkreis von 300 Kilometern ein viertel Jahr nicht mehr spielen darf, oder so. Wenn man die auslässt, dann kann man viele andere schöne Festivals machen. Wir haben für uns gemerkt, dass wir das so besser finden.

„Das Fest“, das es übrigens wie „Element of Crime“ seit 1985 gibt, ist ja auch ein besonders vielfältiges Festival. Der Sonntag, den Sie mit Ihrer Band als Top-Act beschließen, startet mit einem Klassikfrühstück. Wäre das auch was für Sie?

Regener: Warum nicht? Immerhin habe ich ja mal Musikwissenschaften studiert …

Dann würde Frank Lehmann zum Klassikfrühstück gehen, seine Gedankenmaschine würde rattern …

Und was würde Herr Lehmann zu einem Klassikfrühstück sagen? Ihrer Romanfigur haben wir immerhin die wohl großartigste „Sonntagsfrühstücker“-Beschimpfung der Weltliteratur zu verdanken.

Regener: Was Frank Lehmann sagt, ist bekannt, er ist nun einmal ein ganz ausrechenbarer Charakter. Der würde da nur hingehen, wenn ihn jemand mitschleppt. Jemand, der ihn in irgendwie in der Hand hat. Sagen wir, eine Frau. Dann würde Frank Lehmann zum Klassikfrühstück gehen, seine Gedankenmaschine würde rattern und  irgendwann würde er sich denken: Ist ja gar nicht so schlecht.

Ihr sehr erfolgreicher und von Literaturkritikern wie Marcel Reich-Ranicki gepriesener Roman-Erstling „Herr Lehmann“ erschien vor 15 Jahren. Manche Leute, ich zum Beispiel, sind damals erst durch das Buch auf Ihre Musik aufmerksam geworden. Wie viel hat Herr Lehmann für „Element of Crime“ getan?

Regener: Schwer zu sagen. Wir waren ja auch damals schon sehr populär. Mein Erfolg als Schriftsteller hat sicher dazu beigetragen, dass mehr Leute von der Band erfahren haben. Aber einen Zusammenhang, dass die Leute die Musik auch mögen, den gibt es natürlich nicht. Man kann Herr Lehmann als Buch gut  finden und Element of Crime ganz furchtbar oder umgekehrt. Ich kenne für beides Beispiele.

Im Gegensatz zum phlegmatischen Herrn Lehmann sind Sie offenbar ein sehr zielstrebiger Mensch. Nach den Erfolgen als Musiker und Schriftsteller sind Sie in diesem Jahr auch noch Gastprofessor in Kassel im Rahmen der renommierten Brüder-Grimm-Professur. Aber anstatt  dort etwa Anekdoten zu  erzählen, überraschen sie damit, dass Sie ganz ernsthaft eine Humortheorie entwickeln.

Regener: Na ja, das ist ja ein bisschen Wildern in einem fremden Revier. Ein Vogel muss ja kein guter Ornithologe sein und ein Schriftsteller kein guter Germanist oder Kulturtheoretiker. Auf den wissenden Idioten, der Anekdötchen erzählt, hatte ich aber nicht so die Lust drauf. Deshalb habe ich  bei dieser Professur viel mehr über die Grundlagen des eigenen Schaffens nachgedacht, als ich es früher je getan habe.  Dabei bin ich zu überraschenden Ergebnissen gekommen.

Die da wären?

Regener: Ich glaube, dass Sigmund Freud recht hat mit dem Satz: Humor verschafft Lustgewinn durch ersparten Gefühlsaufwand.

Wie bitte?

Regener: Das klingt ein bisschen bürokratisch. Was ich sagen will: Wir befreien uns von unseren Gefühlen durch Humor. Dabei sind Humor und Kunst zwei Kräfte, die miteinander kämpfen müssen, weil es in der Kunst natürlich vor allem um Gefühle geht, in der Musik noch viel mehr als in der Literatur. Wir brauchen den Humor auch deshalb, weil wir ohne ihn bestimmte Sachen gar nicht aushalten könnten.

Unglückliche Liebe zum Beispiel? In Ihren Liedern geht es häufig um gescheiterte Beziehungen. Warum ist das so?

Regener: Es ist doch bekannt, dass das Scheitern die guten Geschichten schreibt. Die Tragödie erzählt vom Scheitern ebenso wie die Komödie, die das aber ohne großes Mitleid tut. Man kann ja auch vielleicht mal ein Lied machen, wo einer glücklich verliebt ist, aber auf die Dauer wäre das nichts. Als Künstler hat man da gar nicht so viele Möglichkeiten der Variation.

Diese asoziale Attitüde gegen die Kunst hat mich damals wahnsinnig geärgert.

Als Künstler hatten Sie vor vier Jahren Jahren Schwung in die Urheberrechtsdebatte gebracht, als sie  lautstark gegen Google und Youtube wetterten. Manche hatten Sie als fortschrittsfeindlich hingestellt. Verstehen Sie die neue Internet-Welt nicht?

Regener: Ach, es ist doch Quatsch, wenn Leute glauben, nur weil sie im Internet sind, hätten sie die Nase vorn. Jeder Trottel ist im Internet. Dagegen habe ich ja auch überhaupt nichts, ich wehre mich nur dagegen, wenn Künstler zu nützlichen Idioten großer Firmen gemacht werden sollen, die das Geld mit Leistungen anderer verdienen wollen. Diese asoziale Attitüde gegen die Kunst hat mich damals wahnsinnig geärgert. Wobei wir wieder beim Thema Gefühle wären. Zum Glück hat sich die Lage mittlerweile wieder verbessert.

Als Band sind Sie ja auch in den sogenannten sozialen Netzwerken unterwegs, etwa auf Facebook. Nutzen Sie das auch persönlich?

Regener: In der Band ist Richard Pappik der aktive Facebook-Mann. Jakob Ilja und ich eher nicht so.

Ich habe überhaupt nichts gegen Facebook. Nur diesen seltsamen, unter dem Mantel der Modernität ausgeübten Konformitätsdruck, von wegen jetzt muss aber jeder unbedingt auf Facebook sein, den finde ich unfassbar nervig. Das ist zum Teil echte Hysterie.

Geben Sie es ruhig zu! Sie finden Facebook eher so mittelgut.

Regener: Ich habe überhaupt nichts gegen Facebook. Nur diesen seltsamen, unter dem Mantel der Modernität ausgeübten Konformitätsdruck, von wegen jetzt muss aber jeder unbedingt auf Facebook sein, den finde ich unfassbar nervig. Das ist zum Teil echte Hysterie. Geht es nicht mal eine Nummer kleiner? Es ist ja nicht so, dass jede Woche die Welt neu erfunden wird. Tatsächlich ist es so, dass das Social Web eine weitere Möglichkeit ist, seine Zeit rumzubringen oder mit Leuten zu kommunizieren. Nicht mehr und nicht weniger. Mir persönlich wäre das aber zu viel an investierter Zeit und Nähe. 

Umso schöner, dass Sie und Ihre Bandkollegen Ihre Zeit zum zweiten Mal in diesem Jahr in Karlsruhe investieren und nach dem Auftritt im April im Tollhaus nun beim Fest spielen.

Regener: Ja, wir freuen uns auch darauf, das Fest ist uns wärmstens empfohlen worden. Sehr gespannt bin ich, wie das mit dem Publikum ist. Normalerweise sind Auftritte ja eher eine sichere Sache, die Leute bezahlen schließlich nicht 40 Euro für etwas, was sie nicht mögen. Beim Fest ist das etwas anders. Ich hoffe, das funktioniert.


Übrigens: Element of Crime ist im Internet und auf Facebook.