Die Plakate der ersten Stunde hängen an Absperrgittern in der Klotze.
Die Plakate der ersten Stunde hängen an Absperrgittern in der Klotze. | Foto: Hora

Open Air: bewegte Geschichte

„Wir wollten es zuerst gar nicht ,Fest‘ nennen“

Martin Wacker steht auf der Weinterrasse in der Günther-Klotz-Anlage, die für „Das Fest“ neben dem großen Hügel errichtet wurde. Hinter ihm wird an der Hauptbühne geschraubt und gehämmert, das Dach ist schon oben, die Vorfreude bei Wacker steigt. Dass der „Badener des Jahres“ ein echter Tausendsassa ist, dürfte bekannt sein – ob als Stadionsprecher des KSC, Kabarettist, Schauspieler, Radiomoderator – es gibt wenig, was Wacker nicht gemacht hat. Und so war es für den gebürtigen Karlsruher auch keine Frage, 2010 Verantwortung für seine Heimatstadt zu übernehmen, als er dringend gebraucht wurde. Die Aufgabe: keine geringere als „Das Fest“ zu retten.

Schicksalsjahr 2009

Das Open-Air-Spektakel war Kult und Aushängeschild in Karlsruhe – und dennoch wäre die Großveranstaltung fast an ihrem Erfolg zugrunde gegangen. Mit 350.000 Besuchern war die „Klotze“ 2009 beim Auftritt von Peter Fox aus allen Nähten geplatzt Der Stadtjugendausschuss, der „Das Fest“ 25 Jahre als Veranstalter auf die Beine gestellt hatte, zog sich zurück. Ohne Zugangsbeschränkungen könne man die Sicherheit auf dem Gelände nicht mehr gewährleisten, hieß es damals. Auch der finanzielle Bedarf war deutlich höher als angenommen. Dann kam Wacker. Und mit ihm gab es die Zuschauerbegrenzung auf dem Hauptfest sowie weitere Änderungen und eine Professionalisierung der Organisation.
„Ich komme aus der klassischen Kleinkultur, kenne den Medienbereich und bin zu 100 Prozent Karlsruher“, sagt Wacker heute. „Da war es für mich eine richtige Ehre zu sagen: Okay, wir schauen, dass dieses Fest in Karlsruhe bleibt.“ „Das Fest“ blieb in Karlsruhe und es blieb ein Leuchtturm, der weit über die Grenzen der Stadt hinausstrahlt. Die Fest GmbH, die später in der Karlsruhe Event GmbH aufging, übernahm die Organisation – es wurde wenig anders, aber vieles besser. „Wir haben versucht, die Themen Sicherheit und Finanzierung auf gesunde Beine zu stellen“, macht Wacker deutlich. Das sei gelungen, ohne dass der besondere Charakter des Fests verloren gegangen ist.

Der Mann mit der Mütze ist der Fest-Organisator Martin Wacker - hier beim Sponsorenempfang kurz vor dem Start des Vor-Festes.
Der Mann mit der Mütze ist der Fest-Organisator Martin Wacker – hier beim Sponsorenempfang kurz vor dem Start des Vor-Festes. | Foto: Hora

Fest-Gründer schwärmen von Anfangszeit

Wenn es um den „besonderen Reiz“ der Großveranstaltung geht, schwärmt auch Rudi Metzler, der „Das Fest“ nicht nur initiierte, sondern auch viele Jahre begleitete. „Spaß und Freude standen auch damals schon im Vordergrund“, erzählt der Schlagzeuger und Rock-Shop-Mitgründer, der etliche Male selbst auf dem Fest spielte und viele Jahre für die Beschallung des Publikums von der Hauptbühne aus sorgte. Genau wie „Das Fest“ selbst, wuchs auch die Musikanlage im Lauf der Zeit und wird noch heute vom Rock Shop zur Verfügung gestellt.
Wenn sich Metzler an die Anfangszeit des Fests in den 80er Jahren erinnert, ist der begeisterte Musiker kaum zu bremsen. Mit seinem Rock-Shop-Kollegen Gerd Gruss, Dieter Moser vom Stadtjugendausschuss, dem „Wurschtl“ Horst Geppert und anderen damaligen Weggefährten sei er auf der Suche nach einem geeigneten Gelände für ein Open-Air-Festival gewesen, berichtet Metzler. Da der Schlossgarten und das Rappenwörter Bad nicht zur Verfügung standen, sei die Wahl auf die Günther-Klotz-Anlage gefallen. Bereits zur ersten Auflage der Veranstaltung kamen 1985 rund 10.000 Zuschauer – ein großer Erfolg und gleichzeitig der Anfang einer Erfolgsgeschichte. „Am Anfang war viel Zufall“, sagt Metzler rückblickend. „Es hat sich unkontrolliert, aber positiv entwickelt“, schildert der 64-Jährige seine Erfahrungen aus den ersten Jahren. Für das Wachstum des Open-Air-Festivals hat er eine einfache Erklärung: „Das Fest war schon immer mehr als ein Konzert. Es ist schon immer ein Fest für alle – das hat das Ganze so groß gemacht“, findet der Drummer, der damals wie heute für die Band Poseidon trommelt. Dass es dieselbe Band war, die damals die erste Musikanlage besaß, mit der die Musikgruppen beim Fest 1985 auftreten konnten, schließt den Bogen in der Geschichte, die Metzler mit dem Fest verbindet.

Die Rockshop-Gründer und Fest-Initiatoren Rudi Metzler (links) und Gerd Gruss
Die Rockshop-Gründer und Fest-Initiatoren Rudi Metzler (links) und Gerd Gruss | Foto: Rockshop

„Das Fest“ ist mittlerweile eine Marke

Eine Anekdote hat Metzler noch zu erzählen, wenn er an die Anfangszeit zurückdenkt. „Wir wollten das Ganze überhaupt nicht ,Fest‘ nennen“, erzählt Metzler. Der Name sei ihm zu wenig griffig gewesen. Die Idee kam vom Stadtjugendausschuss, „wenn ich noch wüsste, wer das war, würde ich ihm heute einen Orden verleihen“, sagt Metzler lachend. „Das Fest“ ist mittlerweile eine Marke geworden – auch weit über Karlsruhe hinaus. Und wie vieles bei diesem Open Air weniger durch Absicht, als durch glückliche Fügung.
Die Historie des Fests ist mit vielen Protagonisten verbunden. Der langjährige Organisator Rolf Fluhrer war einer davon, dessen Name wie die von Metzler, Gruss und Moser noch lange mit dem Fest verbunden sein wird. Seit 2009 gehört auch Wacker in die Reihe dieser Persönlichkeiten, auch wenn der Geschäftsführer der Karlsruhe Event GmbH seit 1985 kein Fest verpasst hat. Als er von der Weinterrasse über die Günther-Klotz-Anlage blickt, ist Wacker zufrieden. Die Bühne steht, es kann losgehen. Wacker freut sich darauf – und mit ihm Hunderttausende andere.