Kinderkram
Foto: Dolgachov - Fotolia

Kinder und ihre innere Uhr

Die ticken nicht richtig

Babys und Kleinkinder haben eine innere Uhr. Diese ist überraschend präzise und funktioniert in der Regel so: Unter der Woche wachen die lieben Kleinen alle um dieselbe Uhrzeit auf. Das kann bei den einen 6 Uhr sein, andere würden bis 10 Uhr schlafen, wenn man sie ließe. Am Wochenende tritt dagegen ein Effekt ein, der Ironie geradezu plastisch erlebbar macht: Jeden Samstag und Sonntag aufs Neue verschiebt sich der Aufwachzeitpunkt um mindestens eine halbe Stunde, gerne aber auch drei Stunden, nach vorne. Und da stehen sie plötzlich um 5.30 Uhr, je nach Laune freudig rufend oder erbost kreischend, in ihren Bettchen und verlangen nach Essen, Unterhaltung und Nähe. Für die Eltern beginnt in diesem Moment eine knallharte Runde Beamtenmikado: Bewegungslos und betont ruhig atmend liegen sie nebeneinander, wohlwissend: Wer sich bewegt, hat verloren, und muss den Nachwuchs mindestens die nächste Stunde lang versorgen.
Selbstredend haben Geschwisterkinder komplett versetzt tickende Uhren. So ist das beispielsweise bei uns, wo das vierjährige Kind gerne erst dann aufwacht, wenn das seit nachtschlafender Zeit wache einjährige Kind längst wieder bereit für den Mittagsschlaf ist. Ein Rhythmus, der es uns zum Teil erst gegen 16 Uhr möglich macht, das Haus zu verlassen und deswegen grundsätzlich jegliche Pläne fürs Wochenende brutal vernichtet.
Die inneren Uhren von Kindern haben übrigens eine Sonderfunktion, deren Potenzial man nicht unterschätzen sollte – sie riechen Entspannung. Raucher oder ehemalige Raucher kennen das: Sobald man sich eine Zigarette ansteckt, kommt der Bus. Nach demselben Prinzip funktioniert das mit dem Aufwachen bei Kindern. Hat man es geschafft, eines oder bestenfalls alle von ihnen zum Mittagsschlaf zu bewegen, muss man sich nur mit einem Kaffee und einem guten Buch oder Tablet-Computer auf der Couch niederlassen, schon hört man sie wieder hellwach aus dem Kinderzimmer rufen. Erfahrene Eltern nutzen diesen Umstand für sich aus und schmeißen sofort die Kaffeemaschine an, wenn nervige Verwandte anrufen, die es mit Hilfe von im Hintergrund kreischenden Kindern abzuwimmeln gilt.
Es gibt auch Fälle, in denen die Uhren nicht funktionieren. Nämlich dann, wenn sie sollen. Wer jemals den Fehler gemacht hat, am Morgen des Urlaubsfluges oder des wichtigen Termins (oder – wie wir – bei beidem) auf die innere Uhr seiner Kinder zu vertrauen, wurde schmerzhaft eines Besseren belehrt. Denn genau diese Tage werden genutzt, um einen Monatsvorrat Schlaf nachzuholen. Bis zum nächsten Wochenende.