Kinderkram
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Neues aus dem Elternleben

Es lebe Balkonien

„Urlaub“ – das hat mal ein sehr kluger und offensichtlich familienerfahrener Mensch gesagt – „Urlaub ist die Fortführung des Alltags unter erschwerten Bedingungen.“ Wie wahr! Alle reden immer nur von der schönsten Zeit des Jahres, aber was Urlaub für eine Familie in Wahrheit bedeutet – das sagt keiner. Seien wir also mal ehrlich und stellen fest, dass jegliche Ortsveränderung eines herdenähnlichen Verbandes mit erheblichem Stress einhergeht. Für Menschen beginnt eine Herde übrigens schon bei drei Mitgliedern. Das mag einer Zebramutter in der namibischen Wüste allenfalls ein müdes Schnauben abringen, aber ganz anders als deren Jungtiere, sind Menschenkinder ja leider auch alles andere als genügsam.
Je kleiner das Kind, desto größer der Berg an Accessoires, der zur Instandhaltung des selben zu jeder Zeit mitgeführt werden muss. Zu allgemeinen Hygieneprodukten wie Windeln, Feuchttüchern und Salben, gesellen sich elektronische Gerätschaften namens Fläschchenwärmer und Babyphone, dazu das Mobiliar, bestehend aus Kinderstuhl, Reisebett und Babywippe. Nicht zu vergessen sind auch das für die geistige Zufriedenheit des Kleinkinds unerlässliche Spielzeug und natürlich die sechs Ersatz-Schnuller. (Wer je an einem Sonntagabend ohne Schnuller in einem toskanischen Bergdorf strandete, weiß, warum redundant nicht in jedem Fall mit überflüssig zu übersetzen ist.)
Das jüngste Familienmitglied hat eine Reise-Utensilien-Bedarfsliste, so lang wie der halbe Weg zum Urlaubsort und, einmal angekommen, ergeben sich dort völlig neue Probleme. Das der steilen Treppe ins Obergeschoss des Ferienhauses zum Beispiel. Während zu Hause sämtliche Auf- und Abgänge mit mehrfach TÜV-geprüften und DIN-zertifizierten Sperrgittern geschützt sind, setzt der toskanische Vermieter voll und ganz auf die Wachsamkeit der Eltern. Die verbringen die ersten drei Urlaubstage damit, potenzielle Gefahrenquellen in der neuen Umgebung auszuloten und mit Bordmitteln zu sichern, um den erkundungsfreudigen Nachwuchs möglichst effizient vor Treppenstürzen, Verbrennungen oder vor dem Ertrinken im Pool zu bewahren.
Zwei weitere Wochen dauert es, bis das Menschenkind mit der neuen Umgebung schließlich so vertraut ist, dass es sich weitgehend risikofrei bewegen und vor allem ohne Umschweife zu Bett begeben kann. Endlich, am letzten Abend des Urlaubs, sitzen die beiden Herdenführer erstmals auch zum gleichen Zeitpunkt auf der Terrasse, blicken schwärmerisch in die Gegend und fühlen sich – ganz wie zu Hause.