Kinderkram
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Neues aus dem Elternleben

Hilfe, die Kinder verdursten

Die größte Gefahr für Schüler an deutschen Grundschulen ist offensichtlich die der spontanen Dehydrierung. Warum sonst wird beim Elternabend länger als es ein gut ausgebildetes Nervenkostüm erlaubt, darüber diskutiert, wie die konstante, zu jeder Zeit verfügbare und zu 100 Prozent verlässliche Versorgung der Kinder mit frischem Trinkwasser im Klassenzimmer zu gewährleisten ist?
Auf den ersten Blick scheint das Problem beherrschbar. Schließlich ist im Unterrichtsraum vorn neben der Tafel ein Waschbecken angebracht. Theoretisch wäre es also für jeden und zu jeder Zeit möglich, zur Bekämpfung des Durstgefühls, den eigenen Platz zu verlassen, um sich dort an gutem Trinkwasser zu laben. Immerhin – so liest man ja immer wieder – gehört deutsches Hahnenwasser zu den bestkontrollierten Lebensmitteln des christlichen Abendlandes.
Aber Lana-Charlene hat ein Problem. „Sie mag kein Leitungswasser“, teilt ihre Mutter der interessierten Elternschaft mit. Und damit ist die arme Kleine nicht allein. Auch Anna, Pauline und Enzo führen – ausweislich ihrer Erziehungsberechtigten – einen täglichen Kampf mit ihrer Aversion gegen das geschmacklose Element. Damit geht es ihnen immer noch besser als dem zierlichen Anton. Dem soll der Kinderarzt neulich sogar eine äußerst seltene und deshalb auch kaum ausreichend wissenschaftlich untersuchte H2O-Intoleranz attestiert haben. Nur gegen oral verabreichtes Hahnenwasser wohlgemerkt! Beim sommerlichen Spritzpistolenduell fiel Anton jedenfalls noch nicht wegen ängstlicher Vorbehalte gegenüber dem nassen Element auf.
Die Zeit fließt dahin, doch längst sind noch nicht alle Einzelschicksale besprochen. „Wasser ist nicht gleich Wasser“, wirft der Vati von Elias in die Runde. Sein Sohnemann habe nichts dagegen, solange es nur ordentlich spritzelt. Elias lässt an seine durstige Kehle nur Wasser und CO2. Viel CO2.
Jetzt wird’s spritzig. Voll sprudeliger Sprudel? „Niemals“, empört sich Lisa-Noemies Mama. Der empfindliche Magen ihrer Tochter vertrage das ganz und gar nicht. Cheyennes Papa, ein Mann des Ausgleichs, plädiert für Medium. „Das mag der Ludwig aber gar nicht“, sorgt sich dessen Mama.
Der schöne Abend plätschert dahin. Zwei ganze Stunden lang wird über die Versorgungsproblematik einer 26-köpfigen zweiten Schulklasse in Deutschland diskutiert. Nach Einlassungen der Klassenlehrerin sowie der Elternbeirätin – gefolgt von einer mehrminütigen Ansprache ihres Stellvertreters – zeichnet sich endlich eine Lösung ab. Reihum werden die Eltern verpflichtet, jede Woche drei frische Wasserkästen in den Klassenraum zu stellen. Sprudel, Medium und Still. Nach Abstimmung, Feststellung und Beschluss ist die Durststrecke überwunden. Bleibt nur eine Frage: Wie machen das eigentlich die Kinder in Afrika?