Freispruch im Berufungsverfahren: Weil das Gericht dem vermeintlichen Missbrauchsopfer nicht glaubte, muss ein 49-Jähriger nicht ins Gefängnis.
Freispruch im Berufungsverfahren: Weil das Gericht dem vermeintlichen Missbrauchsopfer nicht glaubte, muss ein 49-Jähriger nicht ins Gefängnis. | Foto: Arne Dedert/Archiv

"Halbseidenes" Geständnis

35-Jähriger wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt

Von Christiane Viehweg

So ein „richtiges Geständnis“ sei das ja wohl nicht gewesen, bemängelte gestern Nebenklagevertreter Bastian Meyer. „Eher ein so halbseidenes.“ Der wegen schweren sexuellen Missbrauchs Wehrunfähiger angeklagte 35-Jährige hatte bei der Verhandlung vor dem Schöffengericht angegeben, er könne sich an die Tat nicht erinnern. Es könne sein, dass er die 18-Jährige „im Schlaf“ angefasst habe. Wobei er trotz des Schlafes recht zielgerichtet vorgegangen sein musste; seine DNA-Spuren fanden sich sowohl im Slip der jungen Frau als auch in ihrem BH.

Auf Grillparty gefeiert

Aufgewacht war sie in jener Juni-Nacht 2015 nach einer feuchtfröhlichen Party, weil sie eine Hand dort fühlte, „wo ich sie absolut nicht haben wollte“, wie sie dem Gericht unter Vorsitz von Amtsgerichtsdirektor Oliver Weik sagte. Zuvor war es ein netter Grillabend gewesen. Es war zu Wurst und Steaks getrunken worden. Etwas angeheitert waren wohl alle, aber keiner betrunken. Zuletzt waren nur noch die Geschädigte übrig, die bei ihrer Freundin, der Gastgeberin, übernachten wollte, und der Angeklagte.

18-Jährige hatte tief geschlafen

Die 18-Jährige hatte sich dann auf die Couch gelegt und war tief eingeschlafen, als der Angeklagte sich zu dem Übergriff „hinreißen“ ließ, wie sein Verteidiger, Jörg Blume, erklärte. Die Frau sprang auf und rannte in die Küche. Der Angeklagte folgte ihr und versuchte sie zu küssen. Allzu tief war sein Schlaf offenkundig nicht. Trotz seiner angeblich schweren Trunkenheit, die zu einem Filmriss mit Gedächtnisverlust einherging, war es ihm möglich, die gastliche Stätte zu verlassen und mit seinem Auto nach Hause zu fahren.
Die junge Frau hatte wochenlang mit dem Vorfall zu kämpfen und musste therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen. Ihr Vater drängte auf eine Anzeige. Der Angeklagte hat zwar einige Vorstrafen (nichts Einschlägiges) auf dem „Kerbholz“, hat sich aber seit acht Jahren nichts mehr zuschulden kommen lassen. Obwohl er weder Schul- noch Lehrabschluss hat, arbeitete er immer und ist ein geschätzter, langjähriger Mitarbeiter in seiner Firma.

Angeklagter muss 1200 Euro Schmerzensgeld bezahlen

Staatsanwältin Christine Roschinski beantragte in ihrem Plädoyer eine zweijährige Bewährungsstrafe. Alkoholisch enthemmt sei der Angeklagte gewesen, habe aber nicht, wie er behauptet habe, „im Unterbewusstsein“ gehandelt, sondern bewusst. Eine sehr schwerwiegende Tat sei es dennoch nicht gewesen, weshalb eine Strafaussetzung zur Bewährung mit Zahlung eines Schmerzensgeldes gerechtfertigt sei. Nebenklagevertreter Meyer schloss sich weitgehend dem Antrag an, ebenso Verteidiger Blume. Und zum Schluss, im sogenannten „letzten Wort“, brachte es auch der Angeklagte fertig, eine tatsächlich reuige Entschuldigung vorzubringen. „Nie mehr“ werde derartiges vorkommen. Es tue ihm leid.
Die Richter urteilten nach den übereinstimmenden Strafanträgen. Der Angeklagte habe „die Kurve gekriegt“, meinte Richter Weik. Für die nächsten drei Jahre ist er dennoch einem Bewährungshelfer unterstellt und hat 1 200 Euro in zwölf Raten an die Geschädigte als Schmerzensgeld zu zahlen.