Stau in der Acherner Innenstadt - mittlerweile ein gewohntes Bild. Nun sollen weitere 700 Wohnungen im Zentrum entstehen.
Stau in der Acherner Innenstadt - mittlerweile ein gewohntes Bild. Nun sollen weitere 700 Wohnungen im Zentrum entstehen. | Foto: Roland Spether

Rege Bautätigkeit die Ursache?

Verkehrsprobleme als Preis des Wachstums in Achern?

Was haben die niedrigen Zinsen und die schnell wachsenden Verkehrsprobleme in der Acherner Innenstadt miteinander zu tun? Vielleicht mehr als man auf den ersten Blick meinen könnte. Denn die Hornisgrindestadt erlebte und erlebt einen beispiellosen Bauboom: Viele Lücken gerade im Stadtzentrum wurden geschlossen, teilweise in bemerkenswert verdichteter Bauweise. Gleichzeitig hat zuletzt der Verkehr massiv zugenommen. Was früher eigentlich nur am Samstagvormittag und im Berufsverkehr an der Tagesordnung war, ist inzwischen zum Dauerzustand geworden: Fast jede zentrale Kreuzung in Achern ist zum Brennpunkt geworden, Autofahrer müssen sich in Geduld wappnen und hinten anstellen.

Die Suche nach den Ursachen dieser Entwicklung ist vertrackt: Wird mehr gefahren weil mehr Menschen hier wohnen? Oder weil das Benzin in den letzten Monaten wieder billiger geworden ist? Oder weil die Zahl der Berufspendler in der modernen Arbeitswelt stetig wächst? Eine einfache Antwort auf diese Fragen kennt man auch im Acherner Rathaus nicht: „Wir sind eine wachsende Stadt, das ist doch besser als wenn wir in einem Schrumpfungsprozess wären“, sagt dazu Oberbürgermeister Klaus Muttach. Ein Verkehrskonzept wird gerade ausgearbeitet, und vielleicht bringt es Antworten.

Das Problem

Die Stadt steht unter Zeitdruck. Mit der Bebauung des Glashütten-Areals, der Illenau-Wiesen, des Lott-Geländes und des ehemaligen Süwag-Areals werden in der  Kernstadt und dem direkt angrenzenden Stadtteil Oberachern gleich vier große Brachen erschlossen. Im Rathaus schätzt man, dass auf den genannten Flächen bis zu 700 weitere Wohnungen entstehen können, mit dem entsprechenden Folgen für das Straßennetz ebenso wie für die Situation bei den Parkplätzen. Doch vieles ist ungewiss, wie zum Beispiel die Frage, wie viele Fahrten pro Tag eine hinzukommende Wohnung eigentlich auslöst. Zwischen einer und zehn, schätzt die Stadt Achern. Das hänge generell davon ab, wer einzieht – eine Familie mit Kindern auf dem Land oder ein Single in der Stadt.

Mögliche Alternativen

Im Acherner Rathaus setzt man darauf, dass die Menschen vom Auto umsteigen auf andere Transportmittel. „Wir planen für 2017 eine Fahrradoffensive in Achern“, sagt OB Klaus Muttach, um dieses alternative Transportmittel mehr in den Blickpunkt zu rücken. „Ich fahre selbst oft mit dem Rad und ich bin nicht langsamer als mit dem Auto“. Ungesund sei es zudem ebenfalls nicht, umzusteigen. Zudem hätten sich die Angebote des öffentlichen Nahverkehrs bewährt: Die Pendlerparkplätze ebenso wie die Radboxen am Bahnhof seien stark nachgefragt, teilweise ausgebucht.

Das Verkehrskonzept

Feigenblatt oder Allheilmittel? Das Nahverkehrskonzept wird zunächst einmal die Situation beschreiben, wie es dann weitergeht, das ist die Frage des politischen Willens. „Ich kann nicht garantieren, dass damit alles ganz toll ist“, dämpft der OB hoch fliegende Erwartungen, zumal man es ja mit Menschen zu tun habe. „Manchmal ist auch der Autofahrer ein Faktor, der nervt“. Erst vor einigen Tagen habe man eine Verkehrskontrolle in der Acherner Innenstadt ausgewertet. Erfreuliches Ergebnis: Die Beanstandungsquote lag unter zwei Prozent. Weniger erfreulich: „Es gab eine ganze Reihe von Verkehrsteilnehmern, die den Motoraufheulen ließen und zehnmal die Straße rauf und runter fuhren“. Die Poserszene ist auch in Achern angekommen.

Wer hat den Überblick?

Bei Neubauvorhaben, insbesondere auf dem Weg des vorhabenbezogenen Bebauungsplans, wird in Achern kaum je über die Auswirkung auf den Verkehr in der gesamten Stadt diskutiert. Lässt sich dies angesichts der vier großen Brachen im Stadtzentrum durchhalten? „Eine Gesamtbetrachtung ist ein sinnvoller Ansatz“, sagt der OB. Dies sei auch Teil des Konzepts, das bei der Stadt gerade in Arbeit ist. Zudem gebe es Einzelfragen zu läsen – bei der Erschließung des Glashütten-Areals zum Beispiel die der geeigneten Zufahrt. OB Muttach sieht für das Verkehrskonzept und seine Umsetzung einen zeitlichen Rahmen von zwei Jahren vor – der Neubau von Straßen freilich würde natürlich erheblich länger dauern.

Was bringen neue Straßen?

Nicht selten mehr Verkehr, sagt Peter Vortisch, Leiter des Instituts für Verkehrswesen am Karlsruher Institut für Technologie. Vor zwei Jahrzehnten hätten sich die Fachleute über diese Frage noch gestritten, inzwischen sei es weithin akzeptiert, dass zusätzliche Straßen auch mehr Fahrbewegungen erzeugen. Deshalb werde der Planung neuer Straßen auch immer eine entsprechende Gegenrechnung angestellt, sagt Vortisch.

Der „ruhende“ Verkehr

Auch eine Herausforderung: In manchen Acherner Wohngebieten sorgt der Mangel an Parkplätzen für böses Blut. Im Zuge der Diskussion über das Stolzer-Parkhaus werde man auch auf die Probleme beim Parken zu sprechen kommen, kündigt der OB an. Dabei stehen verschiedene Themen auf der Tagesordnung, nicht zuletzt die Lammbrücke. In einem zweistufigen Wettbewerb werde hier zunächst das Parken geklärt.

Elf Hektar umfasst das Glashüttenareal, die Stadt geht davon aus, dass rund vier Hektar netto bebaut werden sollen. Sie schätzt, dass so 300 bis 400 Wohnungen entstehen.
Das ehemalige Lott-Gelände könnte auf 1,5 Hektar Nettofläche etwa 50 Wohneinheiten aufnehmen.
Das Süwag-Gelände hat rund 2,6 Hektar Bruttofläche, die Stadt schätzt, dass dort zwischen 80 und 140 Wohnungen entstehen.
Das Areal der Illenauwiesen ist 5,3 Hektar groß, etwa zwei Hektar sollen bebaut werden. Die Stadt geht von bis zu 120 Wohneinheiten aus.
Die Auswirkungen der bisherigen Baulückenschließungen auf den Verkehr in Achern sind unklar. Das sei mit vertretbarem Aufwand nicht festzustellen, so die Verwaltung.
Die Landesbauordnung sieht einen Stellplatz pro Wohneinheit vor, die Stadt gehe bei ihren „bauleitplanerischen Überlegungen“ von zwei Parkplätzen pro Wohnung aus.