Maryam
Erst seit Ende Dezember lebte Maryam bei ihrem Vater in Freistett, jetzt ist sie in einer Pflegefamilie in Ettenheimmünster untergebracht. | Foto: Stefanie Prinz (Archiv)

Jugendamt kritisiert Unterkunft

Doch kein „Happy End“ für Maryam in Freistett

Noch vor rund zwei Monaten schien es, als hätte die Geschichte von Nasir und Maryam Hossaini ein glückliches Ende genommen: Nach der Flucht aus dem Iran und mehr als einem Jahr Trennung werden Vater und Tochter diesmal nicht von einer Grenze auseinander gebracht, sondern von Behörden: Die elfjährige Maryam ist nicht mehr bei ihrem Vater in Freistett, sondern rund 65 Kilometer entfernt bei einer Pflegefamilie in Ettenheimmünster südlich von Lahr.

Pflegefamilie südlich von Lahr

Wie mehrfach berichtet, wohnte das Mädchen bei ihrem Vater Nasir, so lautet inzwischen die Schreibweise seines Namens, in einer Wohnung in Freistett. Beide zogen nach ihrer Ankunft in der Anschlussunterbringung in ein sogenanntes Familienzimmer, das aus zwei Räumen besteht und zur restlichen Wohnung hin abschließbar ist, Küche und Badezimmer teilten sie sich mit drei weiteren afghanischen Flüchtlingen. Maryam besuchte die Grundschule und wurde im Ganztagsangebot bis 16 Uhr betreut. Bis 18 Uhr, wenn der Vater von der Arbeit nach Hause kam, kümmerten sich Mitbewohner oder ehrenamtliche Helfer um sie.

Betreuung in den Ferien fehlte

Problematisch wurde das in den Schulferien, zudem dachten der Helferkreis und die Stadt Rheinau über eine sozialpädagogische Familienhilfe oder Tagesmutter nach. Das wiederum warf die Frage nach der Finanzierung auf, denn Maryam gilt momentan nicht als Flüchtling, sondern als „eingereist“, und bekommt daher keine finanzielle Unterstützung. Der Vater kann mit seinem Lohn zwar für beide sorgen, aber nicht mehr. Das sagt der Ehrenamtliche Gerd Hirschberg, der sich für die Hossainis einsetzt.

Hossaini
Mehr als ein Jahr lang hatte Nasir Hossaini seine Tochter nicht gesehen. | Foto: Stefanie Prinz (Archiv)

An dieser Stelle kam das Jugendamt ins Spiel, und das habe entschieden, dass es für das Mädchen nicht tragbar sei, mit drei fremden Männern allein in der Wohnung zu sein, während der Vater bei der Arbeit sei. „Er wurde überredet, ein Formular zur Vollzeitpflege zu unterschreiben“, sagt Hirschberg. „Es hieß, wenn er das nicht macht, komme die Polizei und hole Maryam ab, das sei in Deutschland so. Unter diesem Redeschwall hat er unterschrieben.“ Erst danach sei ihm erklärt worden, dass es dabei nicht nur um die Fastnachtsferien gehe: „Maryam darf erst zurückkommen, wenn der Vater eine eigene Zwei-Zimmer-Wohnung hat, und das ist in Rheinau schwierig.“ Hätte Nasir Hossaini das gewusst, hätte er nicht unterschrieben, sagt Hirschberg.

Jugendamt sieht Kindeswohl gefährdet

„Wenn es Anhaltspunkte für eine Kindeswohlgefährdung gibt, hat das Jugendamt in Ausübung des staatlichen Wächteramtes das Gefährdungsrisiko einzuschätzen“, teilt Heiko Faller mit, Leiter des Jugendamts im Landratsamt Ortenaukreis. Liege aus Sicht des Jugendamts eine Gefährdung vor, werde versucht, mit den Eltern nach Lösungen zu suchen. „Gelingt dies nicht, wird das Jugendamt in den Fällen, in denen das körperliche, geistige oder seelische Wohl eines Kindes gefährdet ist und Eltern nicht gewillt oder in der Lage sind, die Gefahr abzuwenden, eine Inobhutnahme aussprechen“, so Faller.

Familiengericht entscheidet über Maryam

Wenn die Erziehungsberechtigten nicht zur Zusammenarbeit bereit oder mit der anderweitigen Unterbringung des Kindes einverstanden seien, werde das Familiengericht eingezogen, „das einen Entzug des Sorgerechts und damit die Rechtmäßigkeit der Inobhutnahme prüfen muss“. In diesem Fall habe das Gericht bestätigt, dass die Inhobhutnahme rechtmäßig sei.

Eine weitere Traumatisierung

Für die Elfjährige sei diese Entwicklung eine weitere Traumatisierung, findet der Psychologe Hirschberg, immerhin habe sie gerade begonnen, sich heimisch zu fühlen. „Das ist sicher nicht zu ihrem Wohl. Jetzt ist da schon wieder eine Autorität, die dem Vater Grenzen setzt; das verstärkt die Hilflosigkeit des Kindes, und er selbst versteht die Welt nicht mehr.“ In ihre Klasse sei Maryam integriert worden, die Wohngemeinschaft sei harmonisch gewesen – alle drei Mitbewohner sind Familienväter.

Ehrenamtliche suchen Wohnung

„Das Jugendamt hat beim Kehler Amtsgericht den Antrag auf Entzug des Aufenthaltsbestimmungsrechts des Vaters für Maryam gestellt, und das Gericht hat dem entsprochen, weil es das Wohl des Kindes durch die unzureichende Anwesenheit des Vaters gefährdet sieht“, erklärt Gerd Hirschberg. Der Anwalt der Hossainis legt dagegen Widerspruch ein. „Die Sache ist ziemlich verfahren“, meint Hirschberg, der den Vater bereits einmal zur Pflegefamilie nach Ettenheimmünster begleitete. Gleichzeitig suchen die Helfer nach Betreuungsmöglichkeiten für das Mädchen und vor allem nach einer geeigneten Wohnung, damit Maryam zurück zu ihrem Vater kann – zum zweiten Mal.

So berichteten die BNN über Maryams Ankunft in Freistett: