Früherer Priester Bernhard Frey
Bernhard Frey, einst Seelsorger unter anderem in Renchen-Ulm, arbeitet heute in der Altenpflege. Im Bild Frey mit seiner Ehefrau Claudia sowie den Kindern Myriam (7) und David (10). | Foto: privat

Renchen-Ulms früherer Priester

„Anders könnte ich es mir nicht vorstellen“

Vor mehr als 20 Jahren hat Bernhard Frey seinen priesterlichen Dienst beendet. Frey, der unter anderem zehn Jahre lang für den Renchener Stadtteil Ulm zuständig war, ist der Region noch immer eng verbunden. Den jüngste Weggang des Acherner Pfarrers Matthias Fallert hat er aus der Perspektive eines Mannes erlebt, der dies alles lange hinter sich gelassen hat – und der sich gleichwohl noch gut erinnert, welche Zerrissenheit der Zölibat bei vielen Seelsorgern auslöst. Frey lebt und arbeitet heute in Karlsruhe.

Mit Abstand betrachtet – war es damals die richtige Entscheidung, der Liebe wegen den priesterlichen Dienst aufzugeben?

Frey: In dieser Woche hatten wir unseren 20. Hochzeitstag. Ich bin heute sehr zufrieden, und versöhnt mit dem, was damals war. Als Priester hätte ich seinerzeit nicht weiter arbeiten können, ich wäre krank geworden, psychisch oder am Herzen. Aber natürlich hält das Leben immer seine Herausforderungen bereit: Die Ehe ist, wie der Zölibat auch, eine schwierige Lebensform, und Kinder zu haben ist eine ganz besondere Aufgabe. Aber anders könnte ich mir es auch nicht vorstellen. Wie oft bin ich in der Zeit als Priester von Taufgesprächen heimgefahren und habe geheult weil mir bewusst wurde, dass ich wohl nie Kinder haben würde.

Aber man weiß ja, worauf man sich bei der Priesterweihe einlässt …

Frey: So einfach ist das nicht. Lebenspläne können scheitern. Ich hatte mir damals auch gedacht, dass ich das durchziehen könnte, so ganz ohne Frau und ohne Kinder. Ich habe den Zölibat hingenommen in der Annahme, ich könnte das schaffen. Und dann habe ich gemerkt: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei. Und das sieht man auch. Die Ehe ist zwar kein Allheilmittel für alles, aber manche Pfarrer werden im Laufe ihres Lebens zu Sonderlingen, weil sie keine Partner haben.

Das ist ja eine der grundsätzlichen Fragen, die man sich zum Zölibat stellt: Wie soll jemand, der selbst keine Beziehung hat, damit umgehen wenn die ihm als Seelsorger anvertrauten Menschen mit Problemen in der Familie zu ihm kommen?

Frey: Als ich verheiratet war und unsere beiden Kinder auf der Welt waren, da habe ich mir manchmal gesagt: Meine Güte, was hast Du früher nur geredet. Erst die eigene Erfahrung hat meinen Blick hier verändert. Ich habe hohe Achtung vor Eltern mit Kindern und insbesondere vor Alleinerziehenden. Im Nachhinein habe ich damals wie der Blinde von der Farbe geschwätzt. Der Zölibat bringt uns sehr weit weg vom inneren Verstehen der Nöte einer Familie.

Geht es bei der Debatte um den Zölibat wirklich nur um dieses Thema oder steckt heute die grundlegende Kritik an konservativen Strömungen in der Kirche dahinter?

Frey: Das ist sicher individuell verschieden. Klar ist für mich aber: Die Kirche hat eine Erneuerung an Haupt und Gliedern nötig. Papst Franziskus beeindruckt mich in seiner persönlichen und authentischen Art sehr, aber ich glaube nicht, dass ihm eine wirkliche Reform der Kirche gelingt. Da gibt es viele Themen. Es wird zum Beispiel viel von Barmherzigkeit geredet, wir ehemaligen Pfarrer oder auch wiederverheiratete Geschiedene spüren sie nicht wirklich. Ich darf, da ich geheiratet habe ohne zuvor den Schritt der Laisierung zu vollziehen, offiziell nicht einmal zur Kommunion gehen. Wenn und falls eine umfassende Reform der Kirche kommt, dann müsste auch der Umgang mit dem Scheitern überdacht werden. Wenn die Barmherzigkeit das Letzte der Liebe ist, dann darf es immer neue Wege geben.

In vielen Gemeinden wurde lange mit einem Augenzwinkern hingenommen, dass der Priester eben eine Pfarrhaushälterin hatte – welche Rolle die auch immer spielte. Wie sieht das heute aus?

Frey: Wenn sie mich zur Situation in der Stadt und bei jungen Gläubigen fragen, dann würde ich sagen, es juckt heute kaum noch jemanden, wo und wie ein Pfarrer lebt. Die Lebensform des Pfarrers ist für viele schon weit weg. Auf dem Lande mag das noch anders sein. Doch in vielen Fällen gibt es gar keine Pfarrhaushälterinnen im herkömmlichen Sinne mehr, viele Seelsorger wollen viel lieber in Wohngemeinschaften leben.

Wie ist die Kirche mit Ihnen beim Ausscheiden aus dem Priesteramt umgegangen?

Frey: Sehr anständig. Ich habe meinen Weggang ein Jahr lang innerlich vorbereitet, und ich habe großen Wert darauf gelegt, in Frieden zu scheiden. Wer eine Zukunft haben will, braucht Frieden mit seiner Vergangenheit. Seinerzeit hatte ich mehrere sehr gute Gespräche mit dem Bischof, und man hat mir ein Jahr lang Zeit gelassen, zu mir und zu meiner künftigen Rolle im Leben zu finden und hat mir sogar die Wohnung bezahlt. Als ich mich dann entschieden hatte zu heiraten, kam natürlich umgehend die Suspension. Ich habe dann gleich eine Altenpflegelehre begonnen.

Sind Sie jetzt glücklich?

Frey: Ich bin froh, dass ich es gemacht habe, und ich bin sehr froh über meine Frau und meine beiden Kinder. Sie sind alle ein großes Geschenk an mich. Trotzdem könnte ich mir noch immer vorstellen, als verheirateter Priester in der Kirche zu arbeiten.

Zur Person:
Bernhard Frey wurde 1952 in Bühlertal geboren. Von 1971 bis 1973 absolvierte er ein Theologiestudium in Freiburg, 1978 war seine Priesterweihe. Es folgte von 1978 bis 1981 die Kaplanszeit in Pforzheim und Schwetzingen, von 1981 bis 1991 war er geistlicher Gemeindeleiter in Ulm. Im Juli 1995 verließ er den priesterlichen Dienst, von Oktober 1995 bis 1998 absolvierte er eine Altenpflegelehre. Im August 1996 folgte die standesamtliche Heirat mit Claudia Hildebrandt, von 1995 bis 2002 wohnte und arbeitete er in Offenburg, seit 2002 in Karlsruhe.