Besinnliche Zeit? Nicht für alle Beschicker des Karlsruher Christkindlesmarktes - einige langjährige Schausteller sind über das Vorgehen des Marktamtes irritiert und verärgert.
Besinnliche Zeit? Nicht für alle Beschicker des Karlsruher Christkindlesmarktes - einige langjährige Schausteller sind über das Vorgehen des Marktamtes irritiert und verärgert. | Foto: jodo

Absagen für Traditionsstände

Ärger um Christkindlesmarkt

Der Unmut über den Ausschluss von langjährigen Beschickern auf dem Karlsruher Christkindlesmarkt, der am Donnerstag beginnt, wächst. Nach Wolfgang Gebert und Patrick Neigert von der Pizza-Bäckerei Gebert haben sich nun zwei weitere betroffene Schausteller geäußert. Nach Informationen der BNN soll die Absage zehn Beschicker getroffen haben.

Christkindlesmarkt ohne mehrere Traditionsstände

Auch viele Bürger aus Karlsruhe und der Region bekundeten bereits ihr Unverständnis über die Entscheidung des Marktamtes. Die BNN-Stadtredaktion erreichen täglich Leserbriefe, im Internet läuft eine Online-Petition, die gestern Nachmittag bereits mehr als 1 000 Personen unterschrieben haben, und sich so für den Verbleib der Traditionsstände auf dem Christkindlesmarkt aussprechen.
Ein BNN-Leser zeigt sich zudem sehr verwundert, als er gestern über den Kirchplatz St. Stephan läuft und im dortigen „Kinderland“ – das parallel zum Christkindlesmarkt öffnet – eine Pizzabäckerei entdeckt. „Dabei hatte die Stadt doch argumentiert, dass eine Pizza kein weihnachtlicher Artikel ist und der Familie Gebert eine Absage erteilt“, wundert sich der Mann. „Wie kann es dann sein, dass nur wenige Schritte entfernt nun doch Pizza verkauft wird?“

„Ich bin geschockt“

Fragen hat auch Mario Eichel. Er war nicht nur überrascht über die unerwartete Absage für seinen Langos-Stand. „Ich bin geschockt“, sagt der Karlsruher Schausteller, der über 25 Jahre lang auf dem Christkindlesmarkt mit seinen Langos den Hunger der Besucher stillte. Die Begründungen der Stadt machen ihn sprachlos: „Mein Artikel sei nicht weihnachtlich – und was bitte ist an einem Steak oder einer Bratwurst weihnachtlicher als an Langos? Das ist lächerlich“, empört sich Eichel. Zumal ein anderer Beschicker, der ebenfalls Langos verkauft, eine Zusage bekommen hat.

Nun entscheidet das Gericht

Wie seine Kollegen Gebert und Neigert geht auch Eichel gegen die Absage rechtlich vor. Nun muss der Verwaltungsgerichtshof in Mannheim als zweite Instanz entscheiden. Auch über die Begründung, es würden Beschicker bevorzugt, die ihre Produkte selbst herstellen, kann Mario Eichel nur den Kopf schütteln. „Wir machen unser Produkt jeden Tag frisch“, sagt der 56-Jährige, dessen Familie seit vier Generationen im Schaustellergewerbe ist. „Für uns ist der Christkindlesmarkt die Hauptveranstaltung.“ Der wirtschaftliche Schaden sei immens. „Ich bin froh, dass ein Bekannter mir anbot, einen Stand in Baden-Baden zu übernehmen, wo ich jetzt Marzipan und Nougat verkaufe.“

Die Begründungen der Stadt sind an den Haaren herbeigezogen“

Auch Christina Wagner hat gegen die Stadt geklagt und wartet nun auf das Urteil aus Mannheim. 15 Jahre lang buk die dreifache Mutter Flammkuchen an ihrem Christkindlesmarkt-Stand. Nun sollen ihre Produkte „nicht weihnachtlich genug sein“, sagt Wagner. Abzüge gab es auch für ihren Stand. „Die Begründung lautete, ich hätte kein Satteldach“, so Wagner. Umso überraschter war sie, als sie nun sah, dass an ihrem bisherigen Platz ein Flammkuchenstand platziert wurde – der auch eine andere Dachform hat. Die Begründungen der Stadt findet sie schlicht „an den Haaren herbeigezogen“.

Ich habe das Gefühl, dass man uns loswerden möchte“

Wagner hatte sich wie ihre Mitstreiter rechtzeitig um einen Platz beworben. Die Bewerbungsfrist endete am 30. Juni 2016. Die Satzung über die Änderung der Zulassungsrichtlinien wurde am 21. Juni geändert. Ein entsprechendes Infoblatt soll die Stadt an die Beschicker versendet haben. „Wir hatten vier Wochen Zeit für einen Widerspruch – allerdings kam das Schreiben bei mir erst einen Tag nach Ablauf dieser Frist an. Dafür habe ich Zeugen“, erklärt Wagner. Obwohl sie die Stadt daraufhin kontaktierte und auf das Schreiben reagieren wollte, habe diese kein Interesse gezeigt. „Ich habe das Gefühl, dass man die Schausteller, die jahrelang den Christkindlesmarkt mit aufgebaut und mitgetragen haben, loswerden möchte“, sagt Christina Wagner.

Keine Stellungnahme von der Stadt Karlsruhe

Ein „Geschmäckle“ hat für die Schaustellerin noch eine andere Sache: „Vor zwei Jahren wurden wir von der Stadt aufgefordert, einheitliche Stehtische aufzustellen.“ Zu den über 5 000 Euro Standmiete auf dem Friedrichsplatz sollte Wagner wie auch ihre Kollegen noch 200 Euro Miete sowie weitere 200 Euro Standgebühr pro Tisch bezahlen. Wagner weigerte sich ebenso wie Eichel. „Ich finde das nicht in Ordnung, zumal die Tische nicht der Stadt gehören, sondern einem Mitbewerber auf dem Christkindlesmarkt.“
Die Stadt Karlsruhe will nach wie vor keine Stellungnahme in dieser Sache abgeben und verweist zum wiederholten Mal auf das noch laufende Verfahren.

 

Die BNN haben bereits einen Artikel zu diesem Thema veröffentlicht:

 

Rechtsstreit um Christkindlesmarkt

Pizzabäckerei Gebert erhält nach 40 Jahren überraschend eine Absage vom Marktamt

Wenn in einigen Tagen der Christkindlesmarkt mit seinen mehr als 90 Buden auf dem Friedrichsplatz öffnet und die Weihnachtszeit in der Stadt einläutet, werden viele Besucher einen Stand vergeblich suchen – die Pizzabäckerei Gebert. Seit 1976 zog der Duft der frisch gebackenen Pizza regelmäßig über den Christkindlesmarkt, in diesem Jahr bleibt der Pizzaofen kalt.

Wolfgang Gebert versteht die Welt nicht mehr

Für die Betreiber der Pizza-Bäckerei ist das ganz und gar keine schöne Bescherung: „Wir haben eine Absage bekommen“, sagt Wolfgang Gebert und kann die Welt nicht mehr verstehen. Die Enttäuschung bei dem Schausteller und Patrick Neigert, der vor zwei Jahren in den Gewerbebetrieb der Gebert Brüder Wolfgang und Rolf einstieg (die BNN berichteten), ist riesig. Als die Absage kam, schalteten Gebert und Neigert ihren Rechtsanwalt ein, die Sache ging vor Gericht. „Das entschied nun, dass es bei der Absage bleibt“, schildern die beiden im Gespräch mit den BNN. Sie haben Widerspruch beim Verwaltungsgericht eingelegt.

„Der Stand sei nicht weihnachtlich genug geschmückt“

Geberts und Neigerts Pizzastand sei zuletzt mit 105 Punkten bewertet worden, sie hätten aber 140 Punkte benötigt. Über die Begründungen des Marktamtes schütteln beide nur den Kopf. Der Stand sei nicht weihnachtlich genug geschmückt – „wir müssen beispielsweise künstliche Girlanden nehmen und können nicht mit echtem Tannengrün schmücken, damit Tannennadeln nicht auf die Pizza fallen“, sagt Patrick Neigert. Im Innenraum müsse zudem wegen der Hygiene alles glatt und gut abwaschbar sein, fügt Wolfgang Gebert hinzu. Ihr Produkt sei nicht weihnachtlich genug – auch diese Begründung, die zu Punktabwertung führte, wirft bei Gebert und Neigert die Frage auf: „Sind denn eine Bratwurst oder ein Flammkuchen weihnachtlicher?“ Auch die Kritik, ihre Pizza sei zu teuer, lassen die beiden nicht gelten. „Wir haben gewogen – unsere kleine Pizza wiegt genauso viel wie eine Bratwurst – die Pizza kostet 1,80 Euro, die Bratwurst im Schnitt drei Euro“, berichtet Pizzabäcker Neigert.

Wir verstehen das nicht, wir haben uns nichts zu Schulden kommen lassen“

Ein Überangebot an Pizza gebe es auch nicht, ihr Stand sei bisher der einzige auf dem Christkindlesmarkt gewesen. Ihres Wissens werde nun ein anderer Imbisstand den Platz der Pizzabäckerei einnehmen. „Wir verstehen das alles einfach nicht. Wir haben uns nichts zu Schulden kommen lassen. Wir haben immer alles sauber hinterlassen und uns an alle Anordnungen gehalten“, stellt Gebert klar. „Und dass wir unser Produkt immer frisch und mit besten Zutaten herstellen, scheint beim Marktamt auch nicht zu zählen.“ Aus Sicht der Schausteller hat das Marktamt „nach dem Haar in der Suppe gesucht“.

Großer wirtschaftlicher Schaden

Der wirtschaftliche Schaden durch die Absage, mit der sie „nie gerechnet hätten“, sei für sie immens, sagen Gebert und Neigert. „Es fehlen vier Wochen Umsatz – die laufenden Kosten und das Personal sind trotzdem da.“ Jetzt noch einen Platz auf einem anderen Weihnachtsmarkt zu bekommen, sei unmöglich. Glücklicherweise hätten sie noch ihren Standplatz auf dem Pforzheimer Weihnachtsmarkt.
Der Leiter des Marktamtes, Armin Baumbusch, wollte sich zu dem Fall nicht äußern. Auf Anfrage der Badischen Neuesten Nachrichten spricht er ausdrücklich von einem „noch laufenden Verfahren“.