Urban Knapp ist Vorsitzender der Kreisgruppe Baden-Baden/Rastatt/Ortenaukreis des Bundes Deutscher Architekten (BDA)
Urban Knapp ist Vorsitzender der Kreisgruppe Baden-Baden/Rastatt/Ortenaukreis des Bundes Deutscher Architekten (BDA) | Foto: pr

Neue Wohnungen für Flüchtlinge

Urban Knapp: „Was würden wir ohne Pizza und Döner machen?“

Die Anschlussunterbringung der anerkannten Flüchtlinge wird die Kommunen in Mittelbaden mittelfristig vor gewaltige stadtplanerische und finanzielle Herausforderungen stellen. Für die Architekten sind die notwendigen Neubauten ein wichtiges Thema. Unser Redaktionsmitglied Ulrich Coenen sprach darüber mit Urban Knapp, dem Vorsitzenden der Kreisgruppe Baden-Baden/Rastatt/Ortenaukreis des Bundes Deutscher Architekten (BDA).

BNN: Hat sich der BDA bereits mit Konzepten beschäftigt?

Knapp: Nicht nur der BDA, sondern die gesamte Architektenschaft ist momentan aktiv und schiebt gemeinsam mit dem Bund, den Landesregierungen und natürlich auch den Kommunen einen Dialog an. Die in kurzer Zeit zu uns kommenden Flüchtlinge und die Frage, wie man diese in einer zweiten Etappe würdevoll und nachhaltig integriert, ist nur ein Aspekt, der für sich isoliert betrachtet durchaus zu meistern ist. Unabhängig von der wichtigen gesellschaftlichen Aufgabe der Integration haben wir aber in Deutschland ein massives Wohnraumproblem, das seit Jahren nicht ernst genommen wird. Bundesbauministerin Barbara Hendricks schätzte vor kurzem den Bedarf auf 350 000 neue Wohneinheiten pro Jahr. Diese Situation ist aufgrund unserer Attraktivität am Oberrhein zwischen Karlsruhe und Freiburg eher noch akzentuierter.

Probleme mit „Wohnmaschinen“

BNN: Bedeutende Architekten des 20. Jahrhunderts haben sich intensiv Gedanken über Wohnungen für große Menschenmassen gemacht. Das bekannteste Beispiel ist wohl Le Corbusiers „Unité d’Habitation“, auch Wohnmaschine genannt.

Knapp: Die Entstehung dieser Konzepte muss man zuerst im historischen Kontext sehen. Das gesteckte Ziel in der Moderne war, einer breiten Bevölkerung bezahlbaren und hygienisch einwandfreien Wohnraum zu bieten. Die ursprüngliche Idee der Unité d’Habitation war ein großer Schritt aus den teilweise feuchten, dunklen Wohnungen des 19. Jahrhunderts herauszukommen. Das Problem der „Banlieues“  ist, dass man ab den 1960-er Jahren den Begriff Wohnmaschine zu wörtlich nahm. Entscheidende Qualitäten, die Le Corbusier einmal definiert hat und die wichtiger Bestandteil seiner Konzepte waren, wurden aus Kostengründen einfach weggelassen. Immobilierer und ökonomischer Druck sind meist keine guten Berater und das ursprünglich gedachte werthaltige grüne Umfeld wurde kurzerhand betoniert oder alternativ asphaltiert. Wichtige Einrichtungen zur lokalen Versorgung wurden ausgedünnt oder ganz weggelassen. So wurden diese neuen Viertel unattraktiv und die soziale Abwärtsspirale setzte gnadenlos ein.

Gartenstädte als Alternative

BNN: Gartenstädte wie die nach Plänen von Paul Schmidthenner zu Beginn der 1920er Jahre in Baden-Baden entstandene Siedlung Ooswinkel sind im Bereich des sozialen Wohnungsbaus eine Alternative zum Mehrfamilienhaus.

Knapp: Der Ooswinkel ist ein sehr schönes Beispiel und sicherlich ein hervorragendes Konzept, auch wenn die damals als ungemein großzügig angelegten Wohneinheiten und Reihenhäuser weit weg vom aktuellen Landesdurchschnittswert für Wohnraum von 45 Quadratmetern pro Einwohner liegen. Diese übrigens genossenschaftlich initiierten Wohntypologien sind ganz sicher ein Ansatz, aber auch die Mehrfamilienhäuser in manchmal kleinerer oder manchmal größerer Ausprägung. Extrem wichtig sind das Wohnumfeld und die im Umfeld angesiedelten öffentlichen Einrichtungen. In meinen Augen macht es die gut dosierte Mischung. Selbst sehr dichte Wohngebiete funktionieren wunderbar. Nichts anderes sind unsere Stadtzentren am Oberrhein. Auch hier ist aber wieder das Thema der guten Mischung wichtig.

Keine Angust vor Ghettos

BNN: Annette Rudolph-Cleff, Professorin für Stadtentwicklung an der TU Darmstadt, zeigt in einem Beitrag in einer neueren Ausgabe der BDA-Zeitschrift „Der Architekt“, die dem Thema Flüchtlinge gewidmet war, keine Angst vor Ghettos. Sie behauptet, Einwanderungsviertel mit ethnischen Gemeinsamkeiten würden das Ankommen erleichtern.

Knapp: Theoretisch ja. Ankommen und zur Ruhe kommen in einem Umfeld, in dem man sich zuerst leichter zurechtfindet, finde ich in Ordnung, insbesondere nach persönlichen schweren Traumata, wie dies viele der Flüchtlinge erlebt haben. Aber auf Dauer halte ich gar nichts davon, insbesondere wenn diese „Einwanderungsviertel“ weit ab vom Schuss liegen. Nachhaltige Integration sieht anders aus. Die Geschichte der Vororte Frankreichs würde sich wiederholen. Die indigene Bevölkerung würde sich mit der Zeit abwenden, weil man einfach in seinen eigenen Vierteln weiterlebt, genauso der Neu-Bürger, der in seiner Kultur verharrt. Um in der Gesellschaft insgesamt integrieren zu können, braucht jeder Bürger tägliche individuelle Interaktion. Seit Hunderten Jahren ist unsere Region ein Einwanderungsland, etwas weniger ernst gemeint: Was würden wir in Baden ohne Coq au vin, Pizza, Döner oder schwäbische Maultaschen denn machen. Gerade die Architektur und Stadtplanung kann sehr viel mit guten Integrationskonzepten in unserer Gesellschaft beitragen. Wir Planer brauchen aber die richtigen Vorgaben aus der Politik und der gesamten Zivilgesellschaft, um unsere gemeinsamen Werte in gebaute Umwelt und Baukultur umzusetzen.

Nachverdichtung in Amsterdam

BNN: Der Amsterdamer Stadtteil Slotervaart entstand ab 1955 als ein am Reißbrett angelegtes Wohnquartier mit vielen Grünflächen. Die Hälfte der 45 000 Einwohner waren Migranten, die sich dort nicht wohl fühlten. Inzwischen wurde die Siedlung auf Initiative der Bewohner nachverdichtet. Es gibt enge mischgenutzte Straßenräume, die der Kultur der arabischen und türkischen Migranten mehr entsprechen sollen.

Knapp: Die genaue Umsetzung ist mir nicht bekannt, solche Viertel können aufgrund ihrer vordergründigen Exotik plötzlich zu hippen Vierteln werden und es kommt zu einer Durchmischung. Geht es aber einfach um die Konsolidierung eines Missstands, wird es wahrscheinlich scheitern.

BNN: Nach einer Änderung der Baunutzungsveränderung sind nun auch Flüchtlingsunterkünfte in Industriegebieten möglich. Kann in diesem Umfeld eine erfolgreiche Ankunftsstadt in Mittelbaden entstehen?

Knapp: Ich denke eher als Ausnahme, unser Ziel sollte die Integration in den Städten sein. Die Aktivierung städtischer Liegenschaften und Anmietung von leerstehenden Immobilien ist sicher nachhaltiger, auch wenn dies teilweise auf Widerstände bei manchen Nachbarn trifft.

Preiswerte Lösungen

BNN: Gibt es preiswerte Lösungen, um in der mittelbadischen Region angemessenen Wohnraum für anerkannte Asylbewerber zu schaffen, die auch gestalterischen Ansprüchen genügen und dazu beitragen, dass sich die Menschen hier besser integrieren?

Knapp: Die Frage würde ich gerne umformulieren: Gibt es Integrations-Lösungen, um in der mittelbadischen Region angemessenem Wohnraum zu schaffen, der anerkannten Asylbewerbern einen guten Start in ein neues Leben ermöglicht?  Die Antwort auf meine eigene Frage wäre ja. Um den finanziellen Aspekt zu lösen, werden wir im Wesentlichen auf bereits bekannte kostengünstige Bausysteme setzen müssen. Die Rahmenbedingungen, das heißt die Bebauungspläne wie auch die Landesbauordnung, die starken Einfluss auf Baukosten nehmen, haben sich ja nicht wirklich geändert. Die Architektenschaft ist sicherlich insgesamt bereit, gute Integrations-Modelle zu planen und umzusetzen, was wir aber brauchen, ist die gesellschaftliche Grundlage, um auf dieser aufzubauen.