Winfried G. Rossmanith ist als Chefarzt der Frauenklinik des Klinikums Mittelbaden in Baden-Baden auch für Bühl verantwortlich
Winfried G. Rossmanith ist als Chefarzt der Frauenklinik des Klinikums Mittelbaden in Baden-Baden auch für Bühl verantwortlich | Foto: Klinikum Mittelbaden

Geburtshilfe der Klinik Bühl

„Die Auflagen werden immer höher“

Die geplante Schließung der Geburtshilfe in der Klinik Bühl zum Jahresende sorgt seit Wochen für Aufregung. Im Gespräch mit dieser Zeitung erläutert Winfried G. Rossmanith, als Chefarzt der Frauenklinik des Klinikums Mittelbaden in Baden-Baden auch für Bühl verantwortlich, diese Entscheidung. Er nennt ausschließlich medizinische Gründe.
„Wären rein wirtschaftliche Gründe ausschlaggebend gewesen, hätte man die Geburtshilfe in Bühl schon vor Jahren schließen können“, berichtet er. „In dieser Abteilung gibt es bereits lange ein finanzielles Defizit. Die Entscheidung fiel uns nicht leicht, und wir haben sie nicht leichtfertig getroffen.“

Druck wird immer größer

Winfried G. Rossmanith nennt als Ursache die immer höheren Auflagen für geburtshilfliche Abteilungen durch den Gesetzgeber und die medizinischen Fachgesellschaften. „Wir haben die medizinische Qualität der Behandlung für die zu betreuende Mutter und das zu erwartende Kind zu sichern“, erklärt er. „Auflagen zu erfüllen, wird immer schwieriger, weil dazu entsprechende strukturelle, personelle und organisatorische Voraussetzungen geschaffen werden müssen. Wer die neuen Auflagen nicht erfüllt, dessen geburtshilfliche Abteilung gerät unter immer größeren Druck und wird schließlich geschlossen.“
Nach Auskunft des Baden-Badener Chefarztes haben diese Auflagen inzwischen einen Umfang angenommen und werden immer weiter erhöht, sodass diese in Bühl nur mit Mühe oder nicht mehr zu erfüllen sind. „Schon bald muss auch ein Kinderarzt innerhalb eines engen vorgegebenen Zeitraums in der Geburtsklinik sein“, berichtet er. „Dafür muss im Grunde rund um die Uhr ein Kinderarzt in Bühl stationiert werden. Deshalb haben wir die Empfehlung zur Schließung ausgesprochen, da unter den wachsenden Auflagen für die medizinische Qualität für die Geburtshilfe der Standort nicht zu halten ist.“
Rossmanith konstatiert, dass in der Vergangenheit in Bühl in der Geburtshilfe sehr gute Arbeit geleistet wurde. „Das ging unter andern auch, weil die Auflagen weniger umfangreich waren“, sagt er. „Ich bedauere den notwendigen Schritt, aber ich bin für die Aufrechterhaltung der medizinische Qualität und Sicherheit verantwortlich.“

Fahrtzeit ist nicht lang

Der Weg zu den nächsten Geburtskliniken in Baden-Baden und Achern ist nach Ansicht von Rossmanith nicht zu weit. „Die Vorstellungen der Fachgesellschaften laufen auf große Geburtshilfezentren hinaus“, stellt er fest. „Ein Weg unter einer halben Stunde Fahrtzeit ist nicht zu lang.“
Statistische Auswertungen zeigen nach Auskunft des Chefarztes, dass die allermeisten Schwangeren unter diesen zeitlichen Vorgaben rechtzeitig ins nächste Geburtszentrum kommen können. „Dieser Anfahrtsweg zum nächsten Geburtszentrum ist vertretbar“, meint Rossmanith.
Die Kritik der Hebammen an den leitenden Frauenärzten in Bühl weist der Chefarzt entschieden zurück:. „Die beiden Kollegen in Bühl verfügen über eine hervorragende Ausbildung auch im Bereich der Geburtshilfe. An ihrem geburtshilflichen Können habe ich überhaupt keinen Zweifel. Natürlich hat jeder Gynäkologe sein Spezialgebiet, aber er kann und wird deswegen die Geburtshilfe nicht vernachlässigen. Die beiden Kollegen in Bühl haben alles getan und beherrscht, was notwendig ist. Ich bin froh, dass in der Vergangenheit in Bühl alles gut gelaufen ist. Ich habe deshalb großen Respekt vor der Arbeit der dortigen Ärzte und Hebammen.“
Weil in Achern deutlich weniger Kinder zur Welt kommen als in Bühl, wird von Gegnern der Schließung dieses Krankenhaus gerne als Vorbild bemüht. „Die dortige Geburtshilfe wird sich ebenfalls auf ihre Sicherheit und medizinische Qualität überprüfen lassen müssen und die geforderten Qualitätsauflagen einhalten“, befürchtet Rossmanith. „Die Vorgaben treffen alle Geburtskliniken hart, vor allem aber Kliniken mit weniger als 500 Geburten. Auch in Achern wird man sich den immer höher werdenden Qualitätsanforderungen auf Dauer nicht entziehen können und sich Schlussfolgerungen überlegen müssen.“

Zur Person

Winfried G. Rossmanith wurde 1955 in Kaufbeuren im Allgäu geboren und studierte von 1973 bis 1980 in Regensburg, München, Wien und London Humanmedizin. Nach der Approbation 1980 promovierte er 1981 an der TU München.
Nach beruflichen Stationen an den Universitäten Tübingen und Ulm sowie am Nkandla General Hospital (Südafrika) und der University of California in San Diego legte er 1989 die Facharztprüfung für Gynäkologie und Geburtshilfe ab. 1990 habilitierte er sich in Ulm mit dem Thema „Neuroendokrine Steuerung der menschlichen Reproduktion“ und wurde im selben Jahr zum Privatdozenten für das Fachgebiet Gynäkologie/Geburtshilfe ernannt. Fünf Jahre später wurde er von der Universität Ulm, wie nach Habilitationen an Medizinischen Fakultäten üblich, zum außerplanmäßigen Professor ernannt.
Von 1991 bis 1996 war Rossmanith Operativer Oberarzt an der Universitäts-Frauenklinik Ulm, 1996 und 1997 Leitender Kreißsaal-Oberarzt, 1995 und 1996 Forschungsbeauftragter der Universitäts-Frauenklinik Ulm. Seit 1996 war er Chefarzt-Stellvertreter und leitender Oberarzt der Universitäts-Frauenklinik Ulm, seit 1997 Geschäftsführender Oberarzt.
Von 2000 bis 2012 leitete Rossmanith als Chefarzt die Frauenklinik des Diakonissenkrankenhauses in Karlsruhe-Rüppurr, dann wechselte er in gleicher Funktion nach Baden-Baden.