Martin Graßnick
Martin Graßnick | Foto: Ulrich Coenen

Ehrung durch Gast-Professur

Mit 99 Jahren zur Wiege der Renaissance

Martin Graßnick gehört zu den renommiertesten Bauhistorikern und Denkmalpflegern in Deutschland und wahrscheinlich ist er der älteste. Seit drei Jahrzehnten wohnt der gebürtige Mainzer, der im nächsten Jahr seinen 100. Geburtstag feiert, in Baden-Baden.
Mit der Architekturgeschichte dieser fast zwei Jahrtausende alten Stadt hat sich der Wissenschaftler, der bis 1982 den Lehrstuhl für Baugeschichte der Technischen Universität Kaiserslautern inne hatte, überraschenderweise nicht beschäftigt. „Ich freue mich, dass das Neue Schloss saniert wird“, erklärt Graßnick im Gespräch mit dieser Zeitung. Verfolgt hat er die wechselhafte Geschichte des Kulturdenkmals seit dem Verkauf durch die Familie von Baden aber nicht intensiv.

Bühls OB Schnurr ist ein Schüler

In seiner Zeit als Professor an der TU Kaiserslautern, die er im Auftrag des Landes Rheinland-Pfalz 1970 gegründet hat, und bereits ab den 1950er Jahren an der Staatsbauschule Mainz hat Graßnick mehrere Generationen Architekturstudenten ausgebildet. Zu den prominentesten gehört der Bühler Oberbürgermeister Hubert Schnurr, ein gelernter Architekt und Stadtplaner, der 1981 Diplom in Kaiserslautern gemacht hat. Schnurr freute sich riesig, als in der vergangenen Woche ein Beitrag über Graßnicks Kriegserinnerungen als Pionieroffizier in Mittelbaden in dieser Zeitung erschienen ist. Er wusste weder, dass sein früher Baugeschichte-Professor noch lebt, noch dass er ganz in seiner Nähe heute in Baden-Baden wohnt. Zum 100. Geburtstag will der Bühler Rathauschef seinem Lehrer in jedem Fall persönlich gratulieren.
Als er in Kaiserslautern lehrte, lebte Graßnick mit seiner Frau in einem drei Jahrhunderte alten Fachwerkhaus in Eltville. Nach einem Sturz wurde es dort für die Gattin zu beschwerlich und das Ehepaar zog in eine Wohnung nach Baden-Baden.
Vor 16 Jahren ist Graßnicks Partnerin gestorben. Der Bauhistoriker wohnt heute im Parkstift Hahnhof. Sein Interesse an Architekturgeschichte ist nach wie vor groß. Am vergangenen Samstag brach der 99-Jährige trotz des Rollators, auf den er nach einem Oberschenkelhalsbruch angewiesen ist, zu einer Reise nach Florenz auf, wo die Renaissance entstanden ist.

Verdienstorden der Italienischen Republik

Das Leben Graßnicks ist ebenso bewegt wie erfolgreich. Wegen einer jüdischen Mutter wurde sein Vater von den Nazis als Baubeamter entlassen. Nur unter großen Schwierigkeiten durfte der „Vierteljude“ Martin Graßnick an der Bauschule in Mainz (der späteren Fachhochschule) studieren. 1940 wurde er zur Wehrmacht eingezogen und zum Pionieroffizier ausgebildet. 1984 erhielt Graßnick den Verdienstorden der Italienischen Republik, weil er als deutscher Offizier italienischen Staatsbürgern gegen Ende des Krieges mit besonderer Rücksicht und Fairness begegnet war. Die Süddeutsche Zeitung nannte ihn deshalb den „guten Feind“.
Ab 1945 war Graßnick am Wiederaufbau mittelalterlicher Kirchen im Rheinland beteiligt und lernte durch seine Arbeit wichtige Persönlichkeiten wie den Kölner Dombaumeister Willy Weyres, ab 1955 in Personalunion Ordinarius für Baugeschichte und Denkmalpflege der RWTH Aachen, kennen. Gleichzeitig studierte Graßnick an der Technischen Hochschule Darmstadt Architektur und promovierte mit einer 1963 veröffentlichten Dissertation über „Die gotischen Wölbungen des Domes zu Xanten und ihre Wiederherstellung nach 1945“.

Dombaumeister in Xanten

Mit diesem Thema kannte sich der Bauhistoriker aus, schließlich war er von 1947 bis 1977 Dombaumeister der Kirche in Xanten, die im Krieg schwere Zerstörungen erlitten hatte. Die Begeisterung gerade für mittelalterliche Baukunst hat der Wissenschaftler bis heute bewahrt.
Graßnick wurde nach Abschluss des Universitätsstudiums in Darmstadt als Dozent an die Staatsbauschule Mainz berufen und übernahm 1956 deren Leitung. Ab 1959 war er in Personalunion ebenfalls Direktor der Mainzer Werkkunstschule. Im Auftrag des rheinland-pfälzischen Landesregierung baute er 1966 in Mainz das Hochschulinstitut für Berufspädagogik auf, in dem die neuen Berufsschullehrer für den höheren Dienst qualifiziert werden sollten. Der damalige Kultusminister Bernhard Vogel übertrug Graßnick 1969 die Leitung der Universitätsneugründung Trier-Kaiserslautern, die 1970 den Lehrbetrieb aufnahm. Graßnick übernahm im Fachbereich Architektur in Kaiserslautern den Lehrstuhl für Baugeschichte.

Gastprofessur an der TU Kaiserslautern

Die TU Kaiserslautern ehrte ihren Gründer auf vielfältige Weise. Nach seiner Emeritierung wurde er Ehrensenator. In diesem Jahr wurde am Lehrgebiet Geschichte und Theorie der Architektur eine Gastprofessur (Visiting Professur) zu Ehren Graßnicks eingerichtet. Sie trägt seinen Namen und wird mit Nachwuchs-Wissenschaftlern besetzt.