Das Interesse an der Exkursion zum denkmalgeschützten Schlosshotel Bühlerhöhe war groß.
Das Interesse an der Exkursion zum denkmalgeschützten Schlosshotel Bühlerhöhe war groß. | Foto: Ulrich Coenen

Architekturtage

Bilbao-Effekt als Perspektive für Bühlerhöhe

Der Bühler Oberbürgermeister sprach vom „Dornröschenschlaf“. Hubert Schnurr machte die Bühlerhöhe  zur Chefsache. Gemeinsam mit dem Verein „Das europäische Architekturhaus“ mit Sitz in Straßburg hatte die Stadt im Rahmen der trinationalen Architekturtage am Oberrhein zu einer Exkursion in das Schlosshotel eingeladen, das seit sechs Jahren geschlossen ist.
Inzwischen gehört das denkmalgeschützte Gebäude einer kasachischen Investorengruppe, die als Bühlerhöhe Castle Invest GmbH firmiert. Deren Steuerberater Denis Klettke hatte die Exkursion auf Bitte der Stadt ermöglicht. In seiner Begrüßungsansprache verlieh Schnurr seiner Hoffnung Ausdruck, dass möglichst bald mit einer Sanierung des Hauses begonnen wird. Pläne dafür hatten die Investoren gegenüber dieser Zeitung am 19. August zum Jahresende angekündigt. Klettke betonte, dass die Eigentümer keine Verkaufsabsichten haben.

Exkursion stößt auf großes Interesse

Auf Wunsch der Stadtverwaltung hatte Ulrich Coenen die Leitung der Exkursion übernommen. Der promovierte Architekturhistoriker, der dieses Fach als Dozent an den Architekturfakultäten der Universitäten in Karlsruhe und Stuttgart gelehrt hat, arbeitet seit mehr als 25 Jahren als Redakteur für die BNN. Der Referent, der außerordentliches Mitglied des Bundes Deutscher Architekten (BDA) ist, hat 2004 ein Buch über die Baugeschichte Bühlerhöhes verfasst.

Das Treppenhaus der Bühlerhöhe gehört noch zur originalen Bausubstanz.
Das Treppenhaus der Bühlerhöhe gehört noch zur originalen Bausubstanz. | Foto: Ulrich Coenen

Das Interesse an der Exkursion war riesengroß. Bei der Stadtverwaltung waren im August hunderte Bewerbungen für nur 25 Plätze eingegangen. Letztendlich hatte sich die Teilnehmerzahl aus ganz unterschiedlichen Gründen deutlich erhöht. Im Anschluss an den einstündigen Vortrag mit Power-Point-Präsentation im Saal van Dyck schlängelten sich bei der Führung mehr als 40 Personen als lange Karawane zunächst durch den Schlosspark und anschließend durch die Korridore des Hauses.

Perspektiven für das Denkmal

„Vergangenheit und Zukunft einer Architekturikone“ hatte Coenen seinen Vortrag benannt. Es ging ganz bewusst nicht ausschließlich um die spannende Baugeschichte Bühlerhöhes, sondern auch um die Perspektiven dieses „Denkmals von besonderer Bedeutung“. Zu dieser in Paragraf 12 des baden-württembergischen Denkmalschutzgesetzes beschriebenen Kategorie gehört das Schlosshotel nämlich.

Die Erweiterungsbauten der Bühlerhöhe aus den 1980er Jahre haben nicht die Qualität der Architektur von Wolhelm Kreis. Das Foto zeigt das Restaurant.
Die Erweiterungsbauten der Bühlerhöhe aus den 1980er Jahren haben nicht die Qualität der Architektur von Wilhelm Kreis. Das Foto zeigt das Restaurant. | Foto: Ulrich Coenen

Bühlerhöhe ist ein Werk von Wilhelm Kreis, der zu den bedeutendsten deutschen Architekten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zählt. „Heute würde man ihn als Stararchitekten bezeichnen“, erklärte Coenen. Die Architektur der Bühlerhöhe sei von herausragender Qualität. Dies gelte aber nicht für die späteren Anbauten, auch nicht die aus der Zeit der Grundig-Ära in den 1980er Jahren, die nach Einschätzung des Architekturhistorikers trotz der damaligen Investitionen in dreistelliger Millionenhöhe bestenfalls durchschnittlich sind. Coenen forderte Erweiterungsbauten, die der Bühlerhöhe angemessen seien. Er verwies auf den so genannten „Bilbao-Effekt“, der durch das 1997 vollendete Guggenheim Museum in Bilbao, ein Werk des US-amerikanischen Stararchitekten Frank O. Gehry, geprägt wurde. Moderne Architektur wurde zum Tourismusmagneten.

Ein Alleinstellungsmerkmal

„In der Hotelbranche lässt sich bisher nur selten ein Bilbao-Effekt feststellen“, konstatierte Coenen. „Das wichtigste Beispiel ist das Hotel Therme Vals. Peter Zumthor baute für den Schweizer Kurort 1996 eine Therme, die weltberühmt wurde.“ Die geniale Architektur von Wilhelm Kreis und die einmalige Geschichte der Bauherrin Hertha Isenbarth sollten nach Ansicht des Architekturhistorikers kongenial ergänzt werden. Mit einem Bad nach Plänen des Schweizer Pritzkerpreis-Trägers könne man nicht nur Hotelgäste, sondern auch viele Tagesgäste aus Baden-Baden anziehen, selbstverständlich in einem hochpreisigen Segment. „Dies wäre ein Alleinstellungsmerkmal, mit der sich Bühlerhöhe von den Fünf-Sterne-Häusern in Baden-Baden abgrenzen könnte“, meinte Coenen. „Eine weitere 08/15 Nobelherberge braucht niemand. Ohne ein besonderes Konzept und vor allem eine besondere Architektur hat die Bühlerhöhe am Markt keine Chance.“

Bauherrin beauftragt Stararchitekten

In seinem Vortrag und während der anschließend Führung gab Ulrich Coenen einen Einblick in die Baugeschichte des Schlosshotels. Bühlerhöhe wurde in den Jahren 1912 bis 1914 nicht als Hotel, sondern als Offiziers-Genesungsheim errichtet. Bauherrin war Hertha Isenbart, die ihrem verstorbenen Mann, General Wilhelm Isenbart, ein Denkmal setzen wollte. Mit dem Düsseldorfer Architektur-Professor Wilhelm Kreis beauftragte sie einen absoluten Top-Architekten.

Verlassen: Das Schlosshotel wurde vor sechs Jahren geschlossen und wartet auf eine Sanierung.
Verlassen: Das Schlosshotel wurde vor sechs Jahren geschlossen und wartet auf eine Sanierung. | Foto: Ulrich Coenen

Seine ursprüngliche zugedachte Aufgabe als Genesungsheim für Offiziere erfüllte Bühlerhöhe nie. Im September 1914 wollte Hertha Isenbart das Haus Kaiser Wilhelm II. übergeben. Doch einen Monat zuvor, am 1. August, brach der Erste Weltkrieg aus. „Die Regierung hatte jetzt andere Probleme“, sagte Coenen. Hertha Isenbart sah ihr Lebenswerk verloren, wurde depressiv und beging 1918 in Baden-Baden Suizid. Ihre Erben verkauften Bühlerhöhe 1920 an einen Hotelbetreiber.

Die zwei Gesichter der Bühlerhöhe

Die Teilnehmer der Exkursion erfuhren, dass Bühlerhöhe zwei „Gesichter“ hat. Der heiteren Architektur der Talseite in der Formensprache eines barocken Schlosses steht die strenge Bergseite gegenüber, die sich am Festungs- und Burgenbau orientiert.  Finanzielle Engpässe gab es schon damals: Wegen der Misswirtschaft eines örtlichen Bauleiters, der gegen den Willen von Wilhelm Kreis von Hertha Isenbart engagiert wurde, konnte die Bauherrin das Schloss nicht in der ursprünglichen beabsichtigten Form vollenden. Der zentrale Rundturm erhielt ein Stockwerk weniger als beabsichtigt und auch auf die spektakuläre Aussichtsplattform musste verzichtet werden.

Schloss Stupinigi als Vorbild

Vorbild für Bühlerhöhe ist Schloss Stupinigi bei Turin, ein ehemaliges Jagdschloss der italienischen Königsfamilie aus dem 18. Jahrhundert. Doch es gibt auch andere Einflüsse. „Das Schloss als Denkmal für eine Person oder eine Familie ist eine typische Bauaufgabe des 19. Jahrhunderts“, berichtete Ulrich Coenen. Er nannte Burg Hohenzollern, den Stammsitz des preußischen Königshauses, und die Schlösser des bayrischen „Märchenkönigs“ Ludwig II. Bühlerhöhe ist also in prominenter Gesellschaft.