Mehr als die Bodenplatte eines Kampfbunkers ist von den Bunkerrelikten in Dettenheim im Zuge der Dammsanierung entlang der Trasse nicht geblieben, wie Bunkerspezialist Patrice Wijnands demonstriert.
Mehr als die Bodenplatte eines Kampfbunkers ist von den Bunkerrelikten in Dettenheim im Zuge der Dammsanierung entlang der Trasse nicht geblieben, wie Bunkerspezialist Patrice Wijnands demonstriert. | Foto: Alexander Werner

Bunker am Rheindamm kartiert

Zeugnisse der Zeitgeschichte bei Dettenheim

Von Alexander Werner

Große Aufmerksamkeit dürfte der von ein paar Eisenstangen durchzogene Betonbrocken, der sich noch leicht von der frisch aufgeworfenen Erde im in den letzten Zügen liegenden Baufeld westlich des  Baggersees Giesen im Ortsteil Liedolsheim der Gemeinde Dettenheim abhebt, nicht erregen. Tatsächlich aber handelt es sich um die Bodenplatte eines sogenannten „abgesetzten Kampfraums“, Basis für einen einst drei Meter hohen Betonbau, einen Bunker, mit Scharten für Maschinengewehre, die nur erhalten blieb, weil der jetzt verstärkte Rheindamm XXX dort um ein paar Meter verlegt wurde. Alle anderen Relikte ehemaliger Bunker entlang der Dammtrasse von Rußheim bis zur Insel Rott wurden im Bauverlauf entfernt.

Seit 2005 Kulturdenkmäler

Zwar zählen Bunker seit 2005 offiziell zu Kulturdenkmälern, die zu bewahren sind, doch war klar, dass die den Damm schwächenden Bunker bei der Prämisse Hochwasserschutz weichen mussten. Dass dies nicht unbesehen geschah, dafür hatte sich Patrice Wijnands in der Planphase der Sanierung eingesetzt. Doch diese auf der Gesamtstrecke bis Eggenstein zumindest im Bestand zu erfassen, zu kartieren, baulich zu beurteilen und das in eine Dokumentation einfließen zu lassen, bedeutete enormen Aufwand bei mangelnden Kapazitäten im Denkmalamt des Regierungspräsidiums Karlsruhe.

Aufgabe für Spezialist Patrice Wijnands

Bunkerspezialist Patrice Wijnands erbot sich nicht alleine, diese Aufgabe in Kooperation mit der Landesbehörde zu übernehmen. Darüber hinaus kariert der in Karlsruhe lebende Holländer und Ingenieur als ehrenamtlicher Mitarbeiter alle Bunker in Baden-Württemberg und in Sachen, zudem Bunker zudem in Rheinland-Pfalz und im Saarland.

Abschreckung und Bluff

Für ihn eine sehr relevante Arbeit. Denn es handle sich um zeitgeschichtliche Zeugnisse an sich und des Nazi-Regimes, wie er betont. Hatte es beim 1936 mit vorrangigen Standorten in Grenznähe anlaufenden Bunkerbau zur „Westbefestigung“ in reiner Regie des Militärs noch keine politischen Ziele gegeben, wurden solche ab Sommer 1938 unter dem berüchtigten Begriff „Lebensraum“ mit dem „Westwall“ Konzept. Hinter Propaganda-Schlagworten wie Sicherheit und Frieden verbarg sich die aggressive Politik, sich drohend für Expansionskriege im Osten den Rücken im Westen frei zu halten. Wie Wijnands hervorhebt, eine sehr effektive Abschreckungstaktik und ein riesiger Bluff, denn real hätten die noch im Bau befindlichen Bunker einer zeitigen französisch-englischen Offensive nicht standhalten können. Noch bis 1944/45 wirkte diese Propaganda, so dass die Alliierten zurückscheuten und bei der Wahl der Brückenköpfe die Bunkerlinie der nördlichen Hardt umgingen.

Zwölf Bunker zwischen Rußheim und Insel Rott

Neun Standorte mit zwölf Bunkern machte Wijnands von Rußheim bis zur Insel Rott aus, noch ohne die frisch aus den USA aufgetauchte Karte, die ihre Lage vollständig verzeichnete. Gebaut wurden die meisten ab 1938 in neuer, leichterer und billigerer Bauweise. Bei erst nach Kriegsbeginn verstärkter Linie sei die Dichte in Dettenheim wegen Straßenverlaufs und Rheinquerung größer, erläutert er und zählt im Reststück von Hochstetten bis Eggenstein sieben Bunker an fünf Standorten. Überrascht sei er gewesen, wie viel bei auch noch kompletten Bauwerken zum Vorschein gekommen sei, sagt er. Ein Teil wurde noch Anfang der 1960er-Jahre zugeschüttet, als der Damm verstärkt wurde, andere in den 1980er-Jahren. Insofern gab es keine offenen Ruinen wie etwa die erhaltenen größeren Bunker bei Alt-Dettenheim direkt am Rhein.

HINTERGRUND: Lange Zeit galten die Bunkerfragmente des Westwalls entlang des Rheins als unliebsame, störende Hinterlassenschaft der Nazi- und Kriegszeit. Nach dem Krieg waren die Bunker von den Alliierten gesprengt, aber nicht zerstört worden. Wesentliches Ziel war, diese funktional unbrauchbar zu machen. In den Mangeljahren dienten sie der Bevölkerung auch als willkommene Materialquellen, wie Clemens Kieser vom Denkmalamt des Regierungspräsidiums ausführt.
Oberflächliche Relikte wurden im Hardtgebiet mit der Dammsanierung Anfang der 1960er-Jahre abgetragen, wobei Reste verblieben. Die Bundesrepublik als Rechtsnachfolgerin des Deutschen Reichs beseitigte solch unliebsames Erbe noch bis über die 1990er-Jahre hinaus. Von der Schweizer Grenze bei Basel bis zur niederländischen Grenze bei Kleve verteilen sich die erhaltenen Reste der Anlagen auf mehr als 600 Kilometern. Unter dem Eindruck beständiger öffentlicher Kritik an der anhaltenden Beseitigung der Anlagen kamen die Denkmalfachbehörden der vier beteiligten Bundesländer zu einem Konsens über den Denkmalwert und die Erhaltungsforderungen der Westbefestigungen, so Kieser.
Damit erfüllen die Anlagen seit 2005 in Baden-Württemberg die denkmalfachlichen Kriterien eines Kulturdenkmals. Als Mahnmale und Gedenkstätten seien die Anlagen nur marginal geeignet, hätten vielmehr den „Denkmalwert des Unerfreulichen“. Daneben komme ihnen eine wichtige Rolle im Schutz von Flora und Fauna als Refugien und Biotope zu.