Treppenaufgang am Bahnhof Bretten
Für Kinderwagen oder Rollatoren untauglich: Am Brettener Bahnhof gibt es für Menschen mit unterscshiedlichen Einschränkungen massive Hürden. Für Rollstuhlfahrer ist nur Gleis 1 erreichbar. | Foto: Ebert

Bahnhof Bretten hat Vorrang

Erste Schritte zum barrierefreien Ausbau

Bretten. Das Problem stellt sich im Brettener Bahnhof jeden Tag: Ein Senior mit Rollator, eine Frau mit Kinderwagen, ein junger Mann im Rollstuhl oder eine Familie mit schwerem Gepäck erreichen den gewünschten Bahnsteig nur mit Mühe oder gar nicht. Und auch der Einstieg in die Bahn gestaltet sich schwierig bis unlösbar. Das weiß man nicht nur in Bretten, das weiß man auch in Berlin und hat deshalb schon vor drei Jahren gesetzlich festgelegt, dass Bahnhöfe und Haltestellen der Bahn bis zum 1. Januar 2022 barrierefrei ausgebaut werden sollen. Das entsprechende Bauprogramm der Albtal-Verkehrsgesellschaft (AVG) zum barrierefreien Ausbau des Bahnhofs Bretten sowie von zehn weiteren Stadtbahnhaltestellen im Stadtgebiet hat der Brettener Gemeinderat gestern Abend zustimmend zur Kenntnis genommen und die dafür notwendigen Komplementärmittel in Höhe von rund 3,9 Millionen Euro bewilligt. Sie sollen vorbehaltlich einer entsprechenden Kassenlage verteilt auf die Haushaltsjahre 2017 bis 2023 zur Verfügung gestellt werden. Außerdem wurde der Oberbürgermeister zum Abschluss der nötigen Vereinbarungen über Planung, Finanzierung und Bau dieser Maßnahmen mit den zuständigen Partnern ermächtigt. Rund 150 000 Euro könnten dabei bereits im kommenden Jahre als erste Planungsrate anfallen.

Aufzüge und Blindenleitsystem

Reinhard Bickelhaupt, Chefplaner der AVG, stellte im Gemeinderat das Umbauprogramm vor. Es sieht an den einzelnen Haltestellen nicht nur Maßnahmen vor, die sicherstellen, dass die Fahrgäste ebenerdig auf den Bahnsteig kommen und auch ebenerdig in die Bahnen einsteigen können und dafür über entsprechend Zugänge, Rampen und Aufzüge verfügen. Es beinhaltet auch ein Blindenleitsystem, eine ausreichende Beleuchtungsstärke sowie Behindertenparkplätze. Erreichbar ist die Barrierefreiheit nur mit Mittelflur- und Niedrigflurfahrzeugen.

Auslaufmodell Hochflurfahrzeuge

Die alten Hochflurfahrzeuge der ersten Generationen bezeichnete Planer Bickelhaupt als Auslaufmodell. Um Barrierefreiheit zu erreichen, müssen so gut wie alle Bahnsteige von 38 auf 55 Zentimeter erhöht werden. Am Bahnhof Bretten sowie am Bahnhof Gölshausen müssen darüber hinaus Aufzüge installiert werden.

Zustimmung bei allen Fraktionen

„Das Konzept ist schlüssig, man sollte aber mit der wichtigsten Maßnahme beginnen, und das ist der Ausbau des Brettener Bahnhofs“ , erklärte Günter Gauß, der für die CDU Zustimmung signalisierte. Gleiches tat Brigitte Schick für die SPD, die monierte, dass es so lange gedauert habe, bis sich in der Sache etwas tut. Sie will dem Bahnhof Bretten gleichfalls Vorfahrt geben. Weiter wollte sie wissen, warum die Planung und das Baurecht nicht schon längst an die AVG übertragen worden seien.
Das werde kommen, versicherte Bickelhaupt und erklärte, dass auch aus AVG-Sicht der Bahnhof Bretten Priorität haben sollte. Doch dessen Umbau sei schwieriger und benötige wegen der Komplexität eine intensivere Planung, die allerdings auch mehr Zeit brauche.

Geduld für barrierfreien Ausbau gefragt

Die Zustimmung der Freien Wähler erteilte Heidi Leins, gleiches tat Jörg Biermann für die aktiven. „Wir stimmen zu, müssen den Leuten aber sagen: Das dauert!“, erklärt er.
„Wir sind uns hier im Gremium absolut einig, dass die Situation am Bahnhof Bretten inakzeptabel ist“, bekundete Otto Mansdörfer (Grüne). Er plädierte dafür, mit dem Ausbau der Haltestellen Richtung Bruchsal zu beginnen, weil dann eine Flügelung der Rhein-Neckar-Bahn S3 in Bruchsal Richtung Karlsruhe und Bretten eher möglich sei.

Rhein-Neckar-Bahn nicht kompatibel

AVG-Planer Bickelhaupt hielt dem entgegen, dass die roten Rhein-Nekar-Bahnen für den barrierefreien Zustieg eine Bahnsteighöhe von 76 Zentimetern benötigten und somit mit den vorhandenen Bahnsteigen nicht kompatibel seien.
Mansdörfers Vorschlag, den Brettener Bahnhof von der Bahn zu kaufen, unterstützte nicht nur Karin Gillardon (FDP). Die Kaufkonditionen seien bereits angefragt, erfuhren beide von OB Wolff.
„Wir sollten bereits bei den kommenden Haushaltsberatungen Mittel für den Kauf des Bahnhofsgebäudes bereitstellen“, regte Günter Gauß an. Mansdörfer wollte wissen, wie lange man noch auf eine dynamische Fahrzeitanzeige an den Haltestellen Stadtmitte, Kupferhälde und Gölshausen warten müsse.