Goodyear Werksschließung
LASSEN LUFT AB: Am Tag eins nachdem die Schließungspläne von Goodyear in Philippsburg bekannt wurden, nehmen die Beschäftigten vor dem Werkstor kein Blatt vor den Mund. Das Unternehmen will sie alle bis spätestens Ende 2017 entlassen. | Foto: str

Gibt es doch noch Hoffnung?

Goodyear Philippsburg: Die Wut der Reifenbauer

Gibt es eine Rettung für das Goodyear-Werk in Philippsburg? Nach der überraschenden Ankündigung des US-Konzerns, die dortige Reifenproduktion mit 890 Beschäftigten zu schließen, herrscht am Standort eine Stimmung aus Wut und Entsetzen. Betriebsrat, Gewerkschafter und Politiker geben sich kämpferisch und wollen für den Erhalt des Werks kämpfen, Arbeitnehmer reagieren skeptisch. Ein Ortstermin.

Der Himmel über Philippsburg ist grau, die Gesichter der Reifenbauer sind es auch. Es ist Tag eins nach dem überraschend angekündigten Aus für die Produktion von Goodyear-Dunlop in der ehemaligen Festungsstadt am Rhein im Landkreis Karlsruhe, die vor allem für ihr Atomkraftwerk bekannt ist. Doch der größte Arbeitgeber ist das Reifenwerk, das seit 50 Jahren zu Philippsburg gehört und das nun nicht mehr passt in die weltweite Strategie des US-Konzerns wie die deutsche Unternehmensleitung am Montag mitteilte. (So berichteten die Badischen Neuesten Nachrichten.)

Reifenbauer stehen unter Schock

Bis Ende 2017 soll der Standort geschlossen und alle knapp 900 Mitarbeiter entlassen werden, daran lässt die Geschäftsführung in ihren Kommuniqués keinen Zweifel. „Der Schock sitzt uns noch gehörig in den Knochen“, sagt Giorgio Ariu als er am Dienstagmittag nach der Frühschicht das Werkstor passiert. Der Germersheimer und gebürtige Italiener arbeitet seit 21 Jahren bei Goodyear. Man sieht ihm an, dass er die vergangene Nacht wenig geschlafen hat. „Ich mache mir große Sorgen, wie es nun weitergeht, ich habe doch Kinder“, sagt der 48-Jährige leise. Neben ihm steht Raffaele Cavalet und berichtet von seiner Ausbildung, die er als Angestellter einer Leiharbeitsfirma im Werk absolviert habe. „Sie haben mir Hoffnung gemacht, dass ich übernommen werde“, sagt der 21-Jährige, der eigentlich bald heiraten wollte. Es sind Geschichten wie die des Familienvaters Ariu und des Leiharbeitskollegen Cavalet, welche die tatsächliche Dimension erahnen lassen, die die Schließung einer Fabrik in dieser Größenordnung mit ihren offiziell 890 Beschäftigten mit sich bringt.

Kind wünscht sich zu Weihnachten Arbeit für Papa

Die Familien, die Kinder, die offiziell nicht mitgezählten Leiharbeitnehmer und die anderen mittelbar Betroffenen – sie alle hat die Entscheidung des Goodyear-Managements kalt erwischt.
Zwar hatte es in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder Sparrunden und Umstrukturierungsmaßnahmen gegeben, doch in der jüngeren Zeit blieb es ruhig, wie auch Stefan Martus sagt. Vor wenigen Wochen habe ihm die Standortleitung noch Investitionen vorgestellt, so erinnert sich Philippsburgs Bürgermeister an einen Betriebsbesuch. Auch er weiß von persönlichen Schicksalen zu berichten und muss das an diesem Tag auch ausführlich gegenüber den Medien tun. Der Bürgermeister erzählt von der E-Mail einer Mutter, deren Kind sich dieses Jahr nichts zu Weihnachten wünscht. „Sondern nur, dass der Papa seine Arbeit behält“, sagt Martus und muss schlucken.

Firmenschild von Goodyear in Philippsburg
Firmenschild von Goodyear in Philippsburg | Foto: str

Bürgermeister von Philippsburg will kämpfen

Wie realistisch der fromme Wunsch des Kindes ist, darüber gehen die Meinungen an diesem trostlosen Herbsttag in Philippsburg auseinander. Bürgermeister Martus versucht, ein wenig Hoffnung zu verbreiten. Er sagt: „Der Umstand, dass es nach außen keine Vorwarnung, keine Krisengespräche gab, könnte vielleicht eine Chance sein.“ Vielleicht wolle die Konzernleitung so in Verhandlungen über harte Lohneinbußen einsteigen, mutmaßt Martus. Es gibt freilich auch die Sichtweise, dass genau das Gegenteil der Fall ist. Dass das Vorgehen besondere Entschlossenheit signalisiert. Der Bundestagsabgeordnete Olav Gutting (CDU), zu dessen Wahlkreis Bruchsal – Schwetzingen – Philippsburg gehört, spricht von einem schweren Schlag für die gesamte Region. „Erneut wird von einem US-amerikanischen Konzern eine solch schwerwiegende Entscheidung, die persönliche Schicksale von Angestellten und deren Familien völlig außer Acht lässt, von weit aus der Ferne getroffen“, stellt Gutting fest. Vor wenigen Wochen erst war bekannt geworden, dass der Autozulieferer Johnson Controls sein Werk im benachbarten Waghäusel schließen wird.

Goodyear
Goodyer-Dunlop-Werk in Philippsburg | Foto: Schmidhuber

Betriebsversammlung angekündigt

Bundestagsabgeordneter Gutting, Bürgermeister Martus, die Landtagsabgeordneten Ulli Hockenberger (CDU) aus Bruchsal und Daniel Born (SPD) aus dem benachbarten Rhein-Neckar-Kreis und andere Politiker appellieren nun an den US-Konzern, die Pläne noch einmal zu überdenken. Auch der Goodyear-Betriebsrat und die Gewerkschaft IG BCE haben ihren Widerstand angekündigt. Nach dem die Schließungspläne den Mitarbeitern in einzelnen Schichtrunden – am Standort wird rund um die Uhr gearbeitet – mitteilten, ist für diesen Mittwoch eine außerordentliche Betriebsversammlung geplant. Dann wollen die Arbeitnehmervertreter auch über erste konkrete Schritte informieren.
Die Frage, die alle umtreibt: Kann das Reifenwerk vielleicht doch noch gerettet werden? Die Reifenbauer mit ihren grauen, übermüdeten Gesichtern vor dem Werkstor würden das wohl nur allzugerne glauben. Doch die Euphorie der Funktionäre und Politiker, die ihnen jetzt beistehen wollen, haben sie nicht. Christian Jurgeleit aus Weingarten etwa, der nüchtern feststellt: „Kein Reifenproduzent hat sechs Werke in Deutschland und Philippsburg ist nun einmal das kleinste Goodyear-Werk.“ Es gehe um Kostenersparnis und um sonst nichts.
Dass die Firmenleitung die Schließungspläne mit dem in Philippsburg produzierten Sortiment begründet, treibt, macht die Reifenbauer wütend. „Wir können hier alles produzieren, auch Reifengrößen von 17 Zoll und mehr“, sagt Jurgeleit und blickt in Richtung Fabrik. „Wenn man uns nur lässt.“

Die Goodyear Dunlop Tires Germany GmbH mit Hauptsitz im hessischen Hanau ist Teil des weltweit agierenden Reifenherstellers Goodyear. Das Unternehmen beschäftigt in Deutschland nach eigenen Angaben rund 7 600 Mitarbeiter an sieben Standorten und betreibt neben Philippsburg fünf weitere Produktionsstätten.

So berichtete BNN.de zuletzt über die Schließungspläne: