Nach der Autorenlesung diskutierte Andreas Hillger (Mitte) in der Bühler Mediathek mit dem Publikum.
Nach der Autorenlesung diskutierte Andreas Hillger (Mitte) in der Bühler Mediathek mit dem Publikum. | Foto: Ulrich Coenen

Roman "Gläserne Zeit"

Bauhaus als gewagte Ménage à trois

Es war einer der stillen Höhepunkte der trinationalen Architekturtage am Oberrhein: Andreas Hillger las in der Bühler Mediathek aus seinem großartigen Roman „Gläserne Zeit“. Der Kulturjournalist und Schriftsteller war von 1991 bis 2012 Redakteur der Mitteldeutschen Zeitung, zuletzt als stellvertretender Leiter der Kulturredaktion. Seit 2006 schreibt er Texte für Sprech- und Musiktheater.

„Gläserne Zeit“ ist Hillgers 2013 erschienener erster Roman über das legendäre Bauhaus, das in seiner Heimatstadt Dessau in den 1920er-Jahren die Architektur und das Design revolutionierte. Das Buch gibt einen ausgezeichneten Einblick in den Betrieb dieser völlig neuartigen Hochschule.

Kombination von Architektur und Literatur

Sonja Kropp, die Leiterin der Mediathek, wies in ihrer Begrüßung darauf hin, dass die städtische Abteilung Baurecht in Zusammenarbeit mit dem Verein „Europäisches Architekturhaus“ in Straßburg für die Organisation der Architekturtage in Bühl zuständig sei. „Die Kombination von Architektur und Literatur finde ich sehr gelungen“, meinte sie.

Hillger freute sich, dass er beachtliche drei Jahre nach dem Erscheinen seines „Bauhaus-Romans“ noch einmal zu einer Autorenlesung eingeladen wurde. „Das Bauhaus treibt mich schon lange um“, berichtete er. „Ich bin 500 Meter entfernt von ihm aufgewachsen.“ Eine der frühesten Erinnerungen des 1967 geborenen Hillger ist eine Charakterisierung der Hochschule durch seine Großmutter: „Da hatten die Mädchen kurze Haare!“ Die Hochschule sei immer ein Fremdkörper in der Stadt gewesen. Mit der „Klassischen Moderne in Reinkultur“ hatten die Menschen in der Provinz offensichtlich Probleme.

Nicht die Meister stehen im Zentrum

Während sich auf der Leinwand historische und aktuelle Bilder des Bauhauses abwechselten, las Hillger mehrere Kapitel aus seinem Roman. „Ich habe ganz bewusst nicht die Bauhaus-Meister in den Mittelpunkt gestellt“, erklärte der Autor. Wissenschaftliche Bücher gibt es über diese Hochschule genug.

Hillger wählt einen anderen Weg, verknüpft geschickt Realität und Fiktion. Im Zentrum des Romans stehen die Designstudentin Clara, der Architekturstudent Carl und der unwesentlich ältere wissenschaftliche Mitarbeiter Lukas. Sie begegnen den historischen Größen dieser Zeit, allen voran Bauhaus-Direktor Walter Gropius.

Vor dem Hintergrund einer Liebesgeschichte, einer gewagten Ménage à trois, breitet der Autor das Panorama der Weimarer Republik aus. Hillger verwebt die tatsächlichen historischen Ereignisse einfühlsam mit dem Leben seiner erfundenen Gestalten, die so echt erscheinen, dass der Leser ständig mitfiebert.

Der Einfluss der Politik

Eine wichtige Rolle spielen die Einflüsse der Politik, insbesondere die nationalsozialistischen und kommunistischen Tendenzen, die die beiden Männer immer mehr in ihren Bann ziehen. Der Roman bietet anspruchsvolle und spannende Unterhaltung. Weil Hillger sehr gut recherchiert hat, lernt der Leser mehr über das Bauhaus als in manchem Fachbuch.

Der Autor ist ein hervorragender Stilist, der die Vergangenheit, so wie sie gewesen sein könnte, bildreich vor den Augen seiner Leser entstehen lassen. Gleichzeitig ist der Roman so schnörkellos und klar wie das Bauhaus selbst. Dass Hillger sein Buch in der 2001 eröffneten Bühler Mediathek vorgestellt hat, in der die Architekten Wurm + Wurm gekonnt mit der Formensprache des Bauhauses spielen, war ein Clou am Rande der Lesung.

Andreas Hillger: Gläserne Zeit. Ein Bauhaus-Roman, gebundene Ausgabe, 238 Seiten, Osburg Verlag, ISBN 978-3955100223, 9,99 Euro