400 Hektar sind in Mittelbaden PFC-belastet. Die Pflanzen nehmen den Stoff in unterschiedlichem Maß auf,
400 Hektar sind in Mittelbaden PFC-belastet. Die Pflanzen nehmen den Stoff in unterschiedlichem Maß auf, | Foto: Patricia Klatt

Der Sachstand im Herbst 2016

PFC Mittelbaden – Eine Dokumentation

In einer groß angelegten Serie haben BNN und ABB im September und Oktober 2016 den Stand der Dinge in Sachen PFC-Verunreinigung in Mittelbaden dargestellt. Autorin war Patricia Klatt. Die Biologin und Fachjournalistin beschäftigt sich seit Sommer 2015 intensiv mit dem PFC-Skandal im Badischen. Bei ihren Recherchen wurde sie von der Journalistenvereinigung Netzwerk Recherche betreut und durch ein Stipendium der gemeinnützigen Olin gGmbH unterstützt.

Pfannen, in denen nichts anbrennt, Fast Food-Verpackungen, die nicht durchweichen, Outdoorjacken, die Wind und Wetter widerstehen oder auch Handys, deren Oberfläche nicht zerkratzt werden kann – all das sind Bequemlichkeiten, die unser Leben erleichtern sollen. Aber in all solchen Produkten sind  sehr oft  poly- oder perfluorierte Kohlenwasserstoffe (PFC) verarbeitet, die sich mittlerweile weltweit in der Umwelt nachweisen lassen. In den Flüssen, den Weltmeeren oder in der Tiefsee und sogar in Eisbären in Grönland wurden PFC gefunden. Es gibt mehr als 800 verschiedene dieser künstlich hergestellten, sehr stabilen Verbindungen. Sie kommen in der Natur normalerweise nicht vor und sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie gleichzeitig wasser-, fett- und schmutzabweisend wirken.

Was macht PFC gefährlich?

Aufgrund dieser besonderen Eigenschaften können PFC eben auch in vielen Bereichen eingesetzt werden. Aber warum sind sie gefährlich? Es gibt heutzutage so viele Chemikalien, die unsere Umwelt belasten, sind PFC nicht nur eine weitere Gruppe davon? Nicht unbedingt, denn da diese Verbindungen so stabil sind, werden sie „in der Umwelt nicht abgebaut, sondern einfach nur verteilt“, so der Leiter des Fachgebietes Chemikalien im Umweltbundesamt (UBA), Dr. Christoph Schulte. Das heißt, wenn die poly- und perfluorierten Kohlenwasserstoffe einmal in der Umwelt sind, bleiben sie deswegen auch für sehr lange Zeit dort und gefährden die Gesundheit von Mensch und Tier, einige PFC stehen im Verdacht, krebserregend zu sein. Seit mehr als 50 Jahren werden jährlich mehrere tausend Tonnen dieser Chemikalien produziert und mittlerweile lassen sich bereits weltweit im Blut der Bevölkerung PFC nachweisen.  Man unterscheidet zwischen den sogenannten langkettigen und den kurzkettigen PFC. Aufgrund ihrer nachgewiesenen Gefährlichkeit sind einige der  langkettigen PFC streng reglementiert beziehungsweise auch bereits verboten. Deshalb weicht die Industrie für ihre Produkte nun zunehmend auf die vermeintlich ungefährlichen kurzkettigen PFC aus. Ulrike Pabel vom Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) sieht das allerdings kritisch. “Die kurzkettigen PFC haben eine geringeren Halbwertszeit im Körper und werden schneller ausgeschieden, das heißt aber nicht zwangsläufig, dass sie ungefährlicher sind (…) das BfR ist nicht der Ansicht, dass sie unkritisch sind“, so Pabel. Wie die Konsequenzen aussehen, wenn diese vermeintlich ungefährlicheren PFC in die Umwelt gelangen und dort auch nicht so leicht wieder entfernt werden können,  können wir nun seit 2013 bei uns vor Ort  direkt erleben, die Folgen sind nicht absehbar.

„Das gehört nicht in die Umwelt“

In Deutschland gab es bereits 2006 an der Möhnetalsperre im Raum Brilon-Scharfenberg im Hochsauerlandkreis eine kleinere lokale Verseuchung mit PFCs (zehn Hektar). Grund war dort ein  PFC-haltiger Dünger,  der von den Landwirten unwissend auf die Felder aufgebracht worden war. Es gab ein Monitoring der Bevölkerung, verbunden mit Langzeituntersuchungen, die letztes Jahr zum Beispiel nachgewiesen, dass bei Kindern, die damals das PFC durch die Nahrung aufgenommen hatten, heute die Pubertät offensichtlich verzögert eintritt. Es gibt bundesweit Arbeitsgruppen zum Thema PFC und auf europäischer Ebene wurde und wird über die Einführung von Grenzwerten und Verboten beraten. Und auch das Umweltbundesamt (UBA) äußert sich unmissverständlich. „Das UBA sieht die Exposition von Mensch und Umwelt mit kurzkettigen PFC als besorgniserregend an, diese Stoffe gehören unter anderem auf Grund ihrer Persistenz nicht in die Umwelt“, so  Lena Vierke vom UBA.  https://www.umweltbundesamt.de/themen/chemikalien/chemikalien-reach/stoffgruppen/per-polyfluorierte-chemikalie

400 Hektar sind belastet

Bislang sind 400 Hektar im Landkreis Rastatt und im Stadtkreis Baden-Baden mit lang- und kurzkettigen PFC belastet, das ist der momentane Stand und niemand weiß, was da noch bekannt werden wird.  Mit den PFC gelangen nun Schadstoffe aus dem  Boden in das Wasser, die nach allen derzeit vorliegenden Erkenntnissen grundsätzlich geeignet sind, die menschliche Gesundheit zu schädigen. Also müsste der Boden eigentlich saniert werden, was bei einer so großen Fläche allerdings nicht umsetzbar ist. Ein Bodenaustausch zum Beispiel würde pro Hektar und bei einer Tiefe von 60 Zentimeter mit circa fünf Millionen Euro zu Buche schlagen, das wären bei 400 Hektar dann rund zwei Milliarden Euro und damit zu teuer. Zumal das Regierungspräsidium rechtlich auch dazu verpflichtet ist, bei so einem Aufwand Kosten und Nutzen prüfen zu lassen. Und es würde sich ja auch die Frage stellen: wohin mit dem Boden? Deponien? Verbrennen? Eine thermische Dekontamination kommt zwar theoretisch bei PFC in Betracht, wäre aber eben bei den Mengen nicht möglich.

PFC-belasteter Boden ist nicht nur für die Landwirtschaft ein Problem, sondern  es stellt sich ebenso die Frage, was passiert zum Beispiel mit dem Bodenaushub bei Bauvorhaben oder Bodenbewegungen? Darf der Boden überhaupt bewegt werden, wie viel PFC gelangt letztendlich dabei ins Grundwasser? Was heißt das für Bauerwartungsland? In mehreren Forschungsvorhaben werden solche Fragen untersucht.7

Hilfe durch Chinaschilf?

Eine unterstützende Methode zur Schadstoffverringerung im Boden könnte  auf Teilflächen die Phytosanierung sein.  Auch dazu werden 2016 Untersuchungen durchgeführt. „An einem Standort werden in einem ergänzenden Versuch ab dem Jahr 2016 auch die Bioenergiekulturen Miscanthus und Durchwachsene Silphie hinsichtlich ihrer PFC-Aufnahmefähigkeit geprüft“, so das Regierungspräsidium auf Anfrage. Erste Ergebnisse sind ermutigend, denn Miscanthus (Chinaschilf) kann tatsächlich PFC einlagern. Karl Müller-Sämann von der Agentur für Nachhaltige Nutzung von Agrarlandschaften (ANNA) in Freiburg beschäftigt sich schon seit längerem mit Energiepflanzen, die energetisch verwertet werden können. Für Müller-Sämann ist Miscanthus eine denkbare Option, denn „die Pflanze ist schnell wachsend, ausdauernd, man muss sie nur einmal in 20 Jahren anpflanzen, sie durchwurzelt tief und intensiv den Boden und sie zieht viel Wasser aus der Erde und damit möglicherweise auch viele der darin enthaltenen PFCs“, so Müller-Sämann. Je länger man hier warte, desto umfangreicher werde das PFC-Problem. Mit Miscanthus könne man ohne Beregnung bis zu 20 Tonnen Trockenmasse/Hektar ernten, mit Beregnung (aus kontaminierten Brunnen) seien es sogar 25 bis 30 Tonnen.

Der Anbau von Chinaschilf könnte ein Lösungsansatz sein. Foto: Müller-Sämann
Der Anbau von Chinaschilf könnte ein Lösungsansatz sein. Foto: Sämann

Konzept zur energetischen Nutzung

In einer interdisziplinären Arbeitsgruppe hat er zusammen mit anderen Ingenieuren ein Konzept zur energetischen Nutzung von Miscanthus entwickelt, bei dem die eingelagerten PFC nach Vergasung der Biomasse abgetrennt und als Konzentrat entsorgt werden könnten. Das hört sich verlockend an, „die Landwirte würden für den Anbau von Chinaschilf bezahlt, man bräuchte kein Vorernte-Monitoring dafür und hätte ein wirtschaftliches Konzept für die energetische Verwertung von Biomasse, in das auch die regionalen Energieversorger mit einbezogen werden könnten“, so Karl Müller-Sämann. Ohne eine anfängliche Investition in die neue Technologie werde dieses Konzept aber nicht umsetzbar sein. Es biete jedoch, eine entsprechende PFC-Aufnahme vorausgesetzt, eine nachhaltige und für die unterschiedlichen Akteure sachgerechte Perspektive im Umgang mit der PFC-Problematik, so Müller-Sämann.

„Ganz große Katastrophe“

„Über PFC möchte ich eigentlich lieber gar nichts sagen, das ist eine ganz große Katastrophe für uns“, sagt ein betroffener Landwirt, es habe ja schließlich niemand diese Chemikalien absichtlich auf die Äcker gebracht, und die Behörden würden auch nicht viel machen. Den Umgang  der Behörden mit dem PFC sehen die Landwirte  ganz unterschiedlich. Während die einen über deren Untätigkeit klagen, fühlen sich  andere vom Landratsamt Rastatt gut beraten und betreut. 400 Hektar Fläche sind  nun mit den verschiedenen PFCs belastet, Ursache war möglicherweise (Stand heute) mit PFC-haltigen Papierschlämmen versetzter Kompost eines örtlichen Kompostbetriebes. Der Kompost wurde  großflächig auf die Äcker aufgebracht,  wobei die Anlieferung und Aufbringung des mit Papierschlämmen versetzten Materials für die Landwirte kostenfrei war.

Gravierende Folgen

Die Folgen sind gravierend: PFC im Beregnungswasser, Ausweichflächen, Feldfrüchte, die wieder untergepflügt werden müssen – all das gehört zum Alltag der betroffenen Landwirte.   PFC-haltige Böden sind für die Erzeugung von Lebensmitteln problematisch bis nicht geeignet,  soviel ist drei Jahre nach Bekanntwerden der Verseuchung und einem Jahr Vorerntemonitoring (VEM) zumindest klar. Deswegen musste sich die Landwirtschaft anpassen.  Nach den aktuellen Ergebnissen des VEM 2016 waren alle untersuchten Proben ohne Befund, wie  Andrea Stief, die Chefin des Landwirtschaftsamts im Rastatter Landratsamt, bei einem Besuch von Landwirtschaftsminister Peter Hauk in Iffezheim erklärte. 94 Landwirte von insgesamt 596 in den Landkreisen Rastatt und Baden-Baden sind bis heute (Juni 2016) im Vorernte-Monitoring. Aber was heißt das für die Betroffenen konkret?  Landwirt Joachim Huber aus Iffezheim hatte den belasteten Kompost nicht aufgebracht, aber von einem aufgegebenen Betrieb unwissentlich Flächen übernommen, von denen er nun weiß, dass sie belastet sind.  Huber setzt auf Information: „Durch Erklärung des Vorerntemonitorings und der laufenden Analysen auch während der Ernte waren keine Vorbehalte der Kunden gegenüber dem Produkt mehr erkennbar. Im Gegenteil waren viele Kunden froh um die Aufklärung über das Thema PFC im allgemeinen, da viele die Zusammenhänge nicht verstanden“, so Huber.

Problem Grundwasser

Aber das PFC-belastete  Grundwasser bewegt sich unaufhaltsam auch auf Erdbeerfelder von Huber zu. „Wenn diese Brunnen dort in Zukunft belastet wären, hätten wir ein Riesenproblem, denn anders als beim Spargel ist ein Erdbeeranbau ohne Beregnung nicht möglich. Filtertechnik für große Beregnungswassermengen sind wirtschaftlich nicht darstellbar, und somit stellt die Wasserqualität für unseren Betrieb das größte Risiko in der Zukunft dar“, befürchtet Huber. Er hofft, „dass uns Wissenschaftler und Behörden baldmöglichst Ergebnisse über die Mobilität von PFC in Boden und Pflanzen und vor allem auch das Grundwassermodell über zu erwartende Ausbreitung des Stoffes liefern, damit wir langfristig den Anbau unserer Sonderkulturen und die weitere Entwicklung unseres Betriebes planen können“. Minister Hauk stellte jedenfalls Fördermittel vom Land für Aktivkohlefilter zur Wasserreinigung in Aussicht. Die Frage steht hier im Raum, ob dabei die Landwirte, die den belasteten Kompost aufbrachten, in der Förderung  genauso eingestuft werden wie diejenigen, die völlig schuldlos über das belastete Beregnungswasser ein PFC-Problem haben.

Regelmäßige Treffen

Zum generellen Vorgehen in der Landwirtschaft finden regelmäßige Treffen der Landwirte mit den Behörden statt, über die Ergebnisse schweigt man sich aber aus. „Auf Grund der komplexen Zusammenhänge erfolgen Informationen der Öffentlichkeit entsprechend aufbereitet und erläutert im Rahmen der jeweiligen öffentlichen Veranstaltungen“, so das Regierungspräsidium auf Anfrage.  Andrea Stief verwies beim Treffen der Bewertungskommission am 15. Juni darauf, dass belastete Flächen aber entweder stillgelegt wurden oder man dort Mais anbaue.

Nimmt Mais PFC auf oder nicht? Dazu das Regierungspräsidium auf Anfrage: „Die Aussage, dass Mais PFC nicht aufnimmt, wurde so nicht getroffen. Die bisherigen Ergebnisse bei Körnermais im Jahr 2015 haben gezeigt, dass PFC, wenn überhaupt, nur in geringen Mengen aufgenommen und im Korn gespeichert wird (bei weniger als 20 Prozent der Proben). (…) Insofern stellt Körnermais nach derzeitigem Stand eine Anbaualternative im Rahmen der Fruchtfolge und ackerbaulichen Regeln dar.“ (Juni 2016).

Vorernte-Monitoring funktioniert

Die Landwirtschaft auf den PFC-belasteten Flächen geht angepasst weiter. Können Fische aus belasteten Seen gegessen werden, und was ist mit dem Obst? Welchen Einblick hat der Verbraucher und was kann er überhaupt machen?

Direktvermarkter und Hofläden gehen oftmals in die Offensive. Christoph Decker in Weitenung beispielsweise, auf dessen Betrieb keinerlei konventionelle Fremdkomposte verwendet wurden und werden, ist dennoch durch das PFC-belastete Beregnungswasser betroffen. Er hat für seine Kunden ein Informationsschreiben vorbereitet.

„Durch das Vorernte-Monitoring, bei dem von jeder Kultur, bevor sie in den Verkauf gelangt, eine Probe genommen und auf PFC beprobt wird, wird die Vermarktungsfähigkeit unserer Produkte gewährleistet. Es wird kein belastetes Grundwasser für die Bewässerung verwendet. Bis eine Filterlösung gefunden ist, wird nur noch mit sauberem Trinkwasser vom städtischen Netz bewässert.

Im letzten Jahr konnte Decker unter anderem 10 000 Melonen aus seinem Gewächshaus nicht verkaufen, das war hart, aber für ihn alternativlos, „da der Verbraucherschutz  höchste Priorität hat“, so Decker.2015 hatte Alexander Bonde, damaliger  Landesminister für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz,  Vorsorgewerte für Lebensmittel festgelegt, deren Einhaltung im Vorernte-Monitoring überprüft wird. Das angeordnete VEM funktionierte im vergangenen Jahr, und auch bei den Kontrollen 2016 wurden keine belasteten Lebensmittel gefunden. Das Vorerntemonitoring  werde auch 2017 fortgeführt, und zu Anbauempfehlungen und der weiteren Vorgehensweise hat das Regierungspräsidium Karlsruhe eine Pressemitteilung veröffentlicht. Detailliertere Informationen erhält der Verbraucher aber nicht so leicht, denn aus Gründen des Datenschutzes erfährt man nicht, welche Ackerparzellen überhaupt und wie hoch mit PFC belastet sind. Wenn man also nur vorsorglich auf „Nummer sicher“ gehen will oder aus ganz grundsätzlichen Erwägungen Produkte von belasteten Felder gezielt eben nicht kaufen will, ist man auf die Selbstaussage der Landwirte angewiesen.  Die Realität sieht also auch so aus, dass man als Verbraucher wenig Möglichkeiten hat, sich aktiv zu informieren, es sei denn über die transparenten Produktionsbedingungen von Direktvermarktern.

Manches Gewächshaus liegt brach. Foto: Klatt | Foto: Klatt

Kooperation mit Landwirten

Aus dem Landratsamt ist zu hören, dass die Kooperation mit den großen Landwirten gut klappt. Auch kann man durch das belastete Grundwasser, das ja engmaschig untersucht wird, zum Beispiel anhand der bekannten Fließrichtung des Wassers auch Rückschlüsse auf belastete Ausgangsackerflächen ziehen und so  auch die „schwarzen Schafe“ erwischen, die es mit dem PFC nicht so ernst nehmen, wie sie müssten. Verbesserte Informationen für die Verbraucher, auch darüber, was das Landratsamt unternimmt, wären aber nicht verkehrt. Beispielsweise sollen PFC-belastete Brunnen in Weitenung nicht als Tränkewasser für die Tiere verwendet werden, so die Empfehlung. Wie wird so etwas kontrolliert? Eier lagern PFC ein, wenn die Hühner belastetes Futter oder Wasser bekommen, das ist bekannt. Wie wird das verhindert? Die Lebensmittelüberwachung ist bei den Betrieben mit Hühnerhaltung gewesen und hat diese entsprechend beraten. Bei Betrieben, die ihr Tränkewasser nicht umstellen konnten oder wollten, werden dann auch die Eier auf PFC analysiert. Bei neu ermittelten Grundwasserbelastungen und Hühnerhaltung werden gleich Eierproben genommen. Aber das erfährt man eben alles nur auf Nachfrage. Und trotz all solcher Anstrengungen werden wohl auch  Schwachpunkte bleiben, da eine komplette Überwachung nicht möglich ist.  Es geht also schlussendlich um Vertrauen und eine größtmögliche Information der Verbraucher.

https://rp.baden-wuerttemberg.de/rpk/Seiten/pressemitteilung.aspx?rid=579

Auch Angler sind betroffen

Das Wasser fließt unaufhaltsam in Richtung Rhein – und mit ihm die PFC, die aus dem belasteten Boden ausgewaschen werden. Nicht nur die Beregnungsbrunnen der Landwirte sind betroffen, auch die Angler lernen gegenwärtig viel Neues über PFC. „Es wurde in vier Seen eine erhöhte PFC-Konzentration gemessen.  Verzehrempfehlungen für Fische  werden für jedes betroffene Gewässer speziell ausgestellt und in Gramm/Kilogramm pro Tag/Woche beziffert. Raubfischarten sind insgesamt stärker belastet und werden in den Empfehlungen öfters  genannt“, erklärte Jürgen Schindler, einer der betroffenen Angler aus Bühl. „Keinen Fisch zu verzehren“ sei  bis jetzt noch nicht für ein spezielles Gewässer empfohlen worden. Das Landratsamt könne aufgrund der Fließrichtung des belasteten Grundwassers sagen, welche Gewässer betroffen sind beziehungsweise sein werden und würde die Pächter anschreiben, so Schindler.  Von der Kontamination durch  PFC sind  das Oberflächen-, das Sicker-, das Grund- und das Trinkwasser betroffen.  Das Umweltministerium hat bereits 2015 vorläufige Geringfügigkeits-Schwellenwerte (GFS-Werte) für einige PFC für das Grund- und Sickerwasser aus schädlichen Bodenveränderungen und Altlasten festgelegt.

Auch Angelseen sind betroffen. Foto: Klatt
Auch Angelseen sind betroffen. Foto: Klatt | Foto: Klatt

Grundwasser im Blick

An sehr vielen Messstellen im Landkreis wird nun das Grundwasser auf PFC untersucht, um ein möglichst kleinmaschiges Verteilungsmuster zu erhalten. Dadurch erhofft man sich Ansatzpunkte für sinnvolle Sanierungsstellen des Grundwassers. Momentan  haben „die bisherigen Untersuchungen und Gutachten von Sachverständigen gezeigt, dass aufgrund der komplexen Belastungssituation und der außergewöhnlich großen betroffenen Fläche leider keine geeigneten Sofortmaßnahmen zur Verfügung stehen“, so das Umweltministerium auf Anfrage. Die Vorgehensweise der Behörden ist nicht unumstritten. Für den früheren Landtagsabgeordneten und Rastatter SPD-Stadtrat Gunter Kaufmann, wird   der Vorsorgegrundsatz des Wasserhaushaltsgesetzes (WHG)  sträflich missachtet. „Der Schutz des Grundwassers ist in §§ 47 und 48 des Wasserhaushaltsgesetzes (WHG) verbindlich festgelegt. Eine Gewässerverunreinigung ist zudem eine Straftat nach § 324 StGB. Die bisherigen Untersuchungen zur PFC-Problematik mittels Boden- und Gewässerproben im Raum Rastatt/Baden-Baden belegen eine Kontamination des Grundwassers, die eine unverzügliche Beseitigung der Schadstoffquellen erfordert. Die Gefährdung des Grund- und damit auch des Trinkwassers kann durch weitere Messungen nur bestätigt, aber nicht beseitigt werden“, so Kaufmann. Für ihn ergeben sich insofern als notwendige Handlungsfelder die konsequente Anwendung der strengeren Bestimmungen des WHG hinsichtlich der vorhandenen Schadstoffbelastungen.

Wie kann saniert werden?

Aber gäbe es denn grundsätzlich Methoden, PFC aus dem Grundwasser zu entfernen, die auch noch bezahlbar wären? Dieser Frage geht Martin Cornelsen, einer der „Pioniere“ bei der Sanierung PFC-belasteter Gewässer, seit vielen Jahren nach. Der Ingenieur hatte bereits 2006 an der Möhnetalsperre in Nordrhein-Westfalen, wo es zu einer kleinflächigen PFC-Belastung von Boden und Grund/Trinkwasser gekommen war, begonnen, erfolgreich  Reinigungsmethoden zu entwickeln, und er ist auch bei Forschungsvorhaben in Baden-Württemberg involviert. „Seit dem Jahr 2015 steht für die Reinigung von PFC-belasteten Wässern neben der konventionellen Aktivkohle nun auch ein leistungsfähiges Verfahren zur Behandlung höherer Belastungen zur Verfügung, das PerfluorAd-Verfahren. Es sind somit technische Voraussetzungen vorhanden, die es ermöglichen, jegliche mit PFC verunreinigte Wässer behandeln zu können“, so Cornelsen im Juni 2016 auf Anfrage. Dazu das Umweltministerium: „Sie gehen davon aus, dass es für den Schadensfall mit dem angesprochenen System bereits eine funktionierende Sanierungsmöglichkeit gibt. Das können wir so nicht bestätigen“. Und Manfred Flittner, Umweltamtsleiter im Rastatter Landratsamt, sagt, dass ein Großteil des Giftes bereits im Grundwasser und es technisch nicht möglich sei, das Wasser in voller Tiefe abzuriegeln.

Ein spezielles Verfahren soll PFC aus dem Wasser filtern. Foto: Cornelsen
Ein spezielles Verfahren soll PFC aus dem Wasser filtern. Foto: Cornelsen

Gefahren für das Trinkwasser

Das Trinkwasser ist aktuell von PFC nicht (mehr) betroffen. Und das wird sich auch nicht ändern, solange das PFC-belastete Grundwasser die Trinkwasserbrunnen nicht erreicht oder daran vorbeifließt. In Bühl kann man mit der Situation momentan und wahrscheinlich auch in Zukunft gelassen umgehen. „Unsere Trinkwasserbrunnen liegen südlich von Bühl, und dort gibt es keine bekannten Belastungen mit PFC“, bestätigte Georg Friedmann, der Prokurist der Bühler Stadtwerke, auf Anfrage. Und selbst wenn das Bühler Trinkwasser irgendwann einmal durch PFC gefährdet sein sollte, hätte man grundsätzlich schon eine Lösung parat, denn dort gibt es eine Umkehrosmose-Anlage. „Momentan dient die Umkehrosmose der Wasserenthärtung“, erklärt Friedmann. Wenn man damit PFC aus dem Wasser filtern müsste, was grundsätzlich möglich ist und funktioniert, würde man allerdings die gleichen Probleme haben wie andere Wasserversorger schon jetzt. „Denn dann müsste man sich mit der Frage beschäftigen, wohin mit den rausgefilterten PFC im Eluat?“, so Friedmann.

Sinzheim und der „Tag X“

Anderswo kann man nicht so ruhig in die nahe Zukunft schauen. Wenn die Prognosen stimmen, wird beispielsweise auf die Trinkwasserbrunnen von Sinzheim möglicherweise ebenfalls  ein PFC-Problem zufließen. Genaue Prognosen sind hier schwierig, trotzdem bereitet man sich auf den „Tag X“ vor. „Bisher sind die gemessenen Werte deutlich unter den Vorgaben für das Trinkwasser“, so Bürgermeister Erik Ernst. Man sei in regelmäßigem Austausch mit den Kollegen der anderen Trinkwasserversorger im Landkreis, da man hier einfach eng zusammen arbeiten müss. Mehrere Möglichkeiten sind hier vorstellbar, eine Option wäre eine Wasserleitung von Bühl nach Sinzheim, was von Bühler Seite auch schon angeboten wurde. „Grundsätzlich können wir uns natürlich vorstellen, Sinzheim hier zu unterstützen“, so der Bühler OB Hubert Schnurr, eine Wasserleitung nach Sinzheim sei  eine mögliche Option, die Entscheidung liege aber auf der Sinzheimer Seite.

Sorgen in Rastatt

Wieder anders stellt sich die Situation weiter nördlich in Richtung Rastatt dar. Dort ist der Geschäftsführer der Stadtwerke und star.Energiewerke GmbH & Co KG, Olaf Kaspryk,  ungewollt zum PFC-Experten geworden. Messungen der star.Energiewerke im Wasserwerk Rauental hatten Ende 2012  den „PFC-Stein ins Rollen gebracht“. Kaspryk hat  einen Maßnahmenkatalog plus Zeitplan entwickelt, um die Trinkwasserversorgung der Bevölkerung sicherzustellen, und diese Ausarbeitung Fachleuten und auch dem Gemeinderat von Rastatt vorgestellt. „Ich kann mich nicht abhängig machen von den Ergebnissen des Vorgehens der Behörden“, so Kaspryk. Aber er habe keineswegs den Eindruck, dass diese auf Zeit spielen, sondern nach bestem Wissen und Gewissen vorgehen würden und auch enorm unter Druck stünden. Nach einem von den star.Energiewerken in Auftrag gegebenem Gutachten und der ebenfalls erstellten Grundwassermodelle sieht Kaspryk eine Gefährdung des Hauptwasserwerkes Ottersdorf als gegeben an und muss vorbeugen. Im für die Versorgung außer Betrieb gesetzten Not-Wasserwerk Niederbühl werden aktuell verschiedene Aktivkohlen zur Trinkwasserreinigung erprobt.  Bis Ende 2016 will man dort Ergebnisse haben, so dass nach einem Umbau das Wasserwerk Rauental ab Mitte 2018 als vollumfängliche Versorgungsredundanz für das mittelfristig gefährdete Hauptwasserwerk Ottersdorf betrieben werden kann.

Kein Geld für Wasserversorger

Kaspryk muss  vorausschauend planen, weswegen etwa die Aussage des früheren Baden-Badener  Bürgermeisters Michael Geggus von Baden-Baden („aktuell sei das Trinkwasser nicht gefährdet“) für ihn keinerlei Bedeutung hat. Als Trinkwasserversorger müsse er in anderen zeitlichen Dimensionen denken und handeln, so Kaspryk. Wenig erfreut dürften die Wasserversorger allerdings über die Aussage von Landwirtschaftsminister Hauk sein, dass es für die Versorger kein Geld vom Land geben werde, um belastetes Grundwasser zu reinigen. Diese Kosten werden dann wohl die Verbraucher der betroffenen Trinkwasserversorger tragen müssen.

Aktuell gibt es keine Grenzwerte für PFC im Trinkwasser, sondern verschiedene gesundheitliche Orientierungswerte. Untersuchungen der Universität von Massachusetts weisen allerdings darauf hin, dass die bisherigen Trinkwasserwerte möglicherweise 100-fach zu hoch angesetzt sind, da sie auf Studien beruhen würden, die vor 2008 erstellt wurden und damals seien die Risiken der PFC auf die menschliche Gesundheit noch nicht so eingestuft worden wie heute. http://www.wasser-rastatt.de/was-ist-pfc.html

 

Offizielle Anbauempfehlungen

PFC ist großflächig im Landkreis verteilt, inwieweit kann man so eine umfassende Verseuchung mit gesundheitsschädlichen  Chemikalien, die sich nicht abbauen, sondern verteilen und anreichern, im Griff haben? In einer Pressemitteilung zum Stand der PFC-Verseuchung ging das Regierungspräsidium Karlsruhe im September erstmals in aller Deutlichkeit auf den gegenwärtigen Erkenntnisstand ein. „Da keine gesundheitlichen Bedenken gegen Lebensmittel bestehen, welche die für 2016 festgelegten, sehr niedrigen Beurteilungswerte einhalten, werden diese Werte auch 2017 angewendet“, heißt es da. Die jährliche Halbierung der Beurteilungswerte, die der ehemalige Landwirtschaftsminister Alexander Bonde im Sinne eines vorsorgenden Verbraucherschutzes festgelegt hatte, werden in dieser Form  also nicht beibehalten. Aber aufgrund der Ergebnisse des Vorernte-Monitorings sprechen die Behörden nun erstmals auch offizielle Anbauempfehlungen aus, die rechtlich allerdings nicht verbindlich sind und demzufolge können Verstöße auch nicht geahndet werden.  „Dies liegt daran, dass der Anbau von Pflanzen rechtlich nicht verboten und auch nicht zu verbieten ist, sehr wohl aber das spätere Inverkehrbringen belasteter Ware. Aus diesem Grund haben die Empfehlungen der Fachbehörden bei den betroffenen Landwirte großes Gewicht“, so das Regierungspräsidium auf Anfrage.

Keine Verwendung als Tierfutter

Auf hochbelasteten Flächen soll nichts Lebensmittelrelevantes mehr angebaut werden, das heißt, auch nichts, was als  Tierfutter Verwendung finden könnte. Noch im letzten Jahr sah das manchmal anders aus, wie zum Beispiel bei dem  Landwirt, der auf seinem belasteten Acker Weizen angebaut hatte, der dann erwartungsgemäß mit PFC belastet war. Das belastete Getreide wurde im Verhältnis 1:15 mit unbelastetem Weizen gestreckt und anschließend als Futtermittel verwendet, was geltendem Futtermittelrecht nicht widerspricht. Dies wurde vom Regierungspräsidium auf Anfrage zwar bestätigt, aber „es werde künftig eine vergleichbare Situation nicht mehr geben. Wer sich an die Empfehlungen nicht hält, muss damit rechnen, dass die Erzeugnisse nicht in Verkehr gebracht werden dürfen“. Das ist beruhigend, denn auch die Tiere nehmen die PFC über das Futter auf und es gelangt somit erneut in die Nahrungskette.  Man lernt also offensichtlich aus den Fehlern und Fehleinschätzungen der letzten Jahre, die vom Regierungspräsidium als „Prozess zunehmenden Erkenntnisgewinns“ bezeichnet werden. Noch  2014 hieß es auf der öffentlichen Info-Veranstaltung „Nach den vorliegenden Ergebnissen reichen die PFC-Belastungen der Böden nicht aus, um die dort wachsenden Pflanzen stärker zu kontaminieren“, im November 2015 dann schon “PFC-haltige Böden sind für die Erzeugung von Lebensmitteln grundsätzlich problematisch bis nicht geeignet“ bis hin zu den jetzigen Erkenntnissen und Anbauempfehlungen, die die Konsequenz aus allem nun Bekannten darstellen.

Entscheidend ist das Wasser

Die Landwirte haben nun also nicht nur die Anbauempfehlungen,die sie sich schon lange erhofft hatten, auch stellt Landwirtschaftsminister PeterHauk ihnen Fördergelder für Aktivkohlefilter für ihre belasteten Beregnungsbrunnen in Aussicht. Im Vorernte-Monitoring und damit wohl  davon betroffen sind 94 von den 596 Landwirten in den Landkreisen Rastatt/Baden-Baden. Dabei „ist es nicht vorgesehen, zwischen Landwirtinnen und Landwirten zu unterscheiden, die auf einzelnen Flächen Kompost aufgebracht haben oder nicht. Vielmehr ist es wichtig, dass unbelastetes Wasser zur Bewässerung zur Verfügung steht, um einwandfreie Lebensmittel erzeugen zu können“, bestätigte sein Ministerium.  Unbelastetes Wasser sollte allerdings nicht nur zur Bewässerung der Felder zur Verfügung stehen, sondern (Dreh- und Angelpunkt der gesamten PFC-Verseuchung) das Grund- und damit auch das Trinkwasser sollte unbelastet sein. Denn Wasser brauchen alle Einwohner (allein 227 474 im Landkreis Rastatt), haben die einen nun diesbezüglich Pech, die anderen Glück hinsichtlich der damit verbundenen Kosten? Nach Aussage von Hauk, der  auch für den Verbraucherschutz zuständig ist, können die Trinkwasser-Versorger im Gegensatz zu den Landwirten nicht mit Geldern vom Land rechnen, um PFC-freies Trinkwasser zur Verfügung zu stellen. https://rp.baden-wuerttemberg.de/rpk/Seiten/pressemitteilung.aspx?rid=579

Umweltbundesamt widerspricht Hauk

„Ob sie gesundheitsschädlich sind, wenn man sie aufnimmt, isst, trinkt, wie auch immer, das weiß derzeit noch kein Mensch, darüber gibt’s noch keine wissenschaftlichen Studien und das versuchen wir herauszufinden“, so Minister Hauk in einem  Interview eines  TV-Senders zum  PFC-Skandal.  So überzeugend er auch sprach – das Umweltbundesamt (UBA) widerspricht. Auf Anfrage heißt es dazu vom Umweltbundesamt: “Die im Interview getroffenen Äußerungen zu den gesundheitlichen Wirkungen von PFC sind falsch. Es gibt zahlreiche wissenschaftliche Erkenntnisse aus epidemiologischen Studien sowie aus Tierexperimenten. Nach Sichtung und auf Basis der bis Mitte 2015 veröffentlichten Studien hat die beim Umweltbundesamt angesiedelte Kommission Human-Biomonitoring daraus einen so genannten HBM-I-Wert für Perfluoroctansäure (PFOA) von 2 ng/ml Blutplasma und für Perfluoroctansulfonsäure (PFOS) von 5 ng/ml Blutplasma abgeleitet. Der HBM-I-Wert gibt die Konzentration eines Stoffes in einem Körpermedium (hier Blutplasma) an, bis zu der nachteilige gesundheitliche Wirkungen ausgeschlossen werden können. Bei einer Überschreitung des HBM-I-Wertes können gesundheitliche Beeinträchtigungen nach derzeitigem Kenntnisstand nicht mehr mit ausreichender Sicherheit ausgeschlossen werden“, so Martin Ittershagen, der Leiter des Referats „Presse- und
Öffentlichkeitsarbeit, Internet“ im UBA. Man  habe in diesem Sinne auch an den Sprecher von Herrn Minister Hauk geschrieben, so Ittershagen.

„Datengrundlage nicht ausreichend“

Auf Anfrage dieser Redaktion zu der  unterschiedlichen Einstufung der gesundheitliche Gefahren durch PFC von Minister Hauk und dem Umweltbundesamt heißt es aus dem Ministerium:„In der Tat ist, wie Minister Hauk ausgeführt hat, die wissenschaftliche Datengrundlage nicht ausreichend für eine abschließende Risikobeurteilung. Die Gesundheitsgefahr, die gerade von kurzkettigen PFCs ausgeht, ist derzeit also toxikologisch nicht vollständig bewertbar. Aus Gründen des vorbeugenden gesundheitlichen Verbraucherschutzes hat das Land Baden-Württemberg daher Beurteilungswerte festgelegt, die – inklusive üblicher Sicherheitsspannen – ein hohes Verbraucherschutzniveau gewährleisten. Mit den Ergebnissen aus Vorerntemonitoring und Anbauversuchen trägt das Land dazu bei, die Datengrundlage für die Risikobeurteilung zu verbessern“.

Real gemessene Werte

Laut Aussage des Umweltbundesamtes gibt es nun also ganz aktuelle Werte für zwei gefährliche PFC im Blut, die gesundheitlich nicht unbedenklich sind. Auch Andreas Adam von der Trinkwasserinitiative Kuppenheim kann die Aussagen des Ministers nicht nachvollziehen. Die Initiative hat erst im August die Ergebnisse des privat initiierten PFC-Monitorings auf ihrer Homepage veröffentlicht. Das sind   real gemessene Werte von PFOA im Blut von  betroffenen Menschen aus der Region, die über einen unbekannten Zeitraum unwissentlich mit PFC belastetes Trinkwasser getrunken haben.  In neuen Untersuchungen (Juli 2016) kommt das UBA jedenfalls zu dem Schluss, dass folgende Effekte mit einer PFOA- und/oder PFOS-Exposition in Zusammenhang stehen, „gut belegt, relevant und statistisch signifikant: Fruchtbarkeit und Schwangerschaft, Geburtsgewicht der Neugeborenen, Lipidstoffwechsel, Immunität nach Impfung, die immunologische Entwicklung, hormonelle Entwicklung, Alter bei Pubertäts-Eintritt, Menarche, Schilddrüsenstoffwechsel und Eintritt in die Menopause“, so das UBA.  In den letzten Jahren ist die Industrie  nun dazu übergegangen, die gefährlichen und reglementierten langkettigen PFC durch die kurzkettigen Varianten zu ersetzen. In einem Statement haben 14 führende Wissenschaftler appelliert, auch die kurzkettigen PFC nicht zu unterschätzen. Dieses Statement wurde 2015 in Madrid von 206 Wissenschaftlern und  Experten  aus 40 Ländern unterzeichnet. https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/377/dokumente/uba_factsheet_hbm-i-werte_pfoa_und_pfos_im_blut.pdf

Massenuntersuchungen zu PFC und den damit verbundenen Risiken gab es übrigens bereits vor zehn Jahren in Amerika. Dort waren Arbeiter und Anwohner eines DuPont-Werkes, das PFC-haltige Produkte herstellte, über viele Jahre bis Jahrzehnte hinweg einer stark erhöhten Konzentration von PFC im Trinkwasser ausgesetzt. Fast 70 000 Menschen in der Umgebung des DuPont-Werkes wurden  zwischen 2005 und 2013 auf mehr als 50 verschiedene Krankheiten untersucht, die   mit den PFC in Zusammenhang stehen sollen. 2005 hat die U.S. Environmental Protection Agency (EPA) Du Pont dann mit einer Geldstrafe von 16,5 Millionen US-Dollar belegt. In einem ersten Fall wurde im Oktober 2015 einer krebskranken Frau vom Gericht eine Schadensersatzsumme von 1,6 Millionen Dollar zugesprochen.

 

Offener Brief an Minister

„So sehr wir es als positives Signal werten, dass Sie sich der Situation und den kritischen Fragen der Betroffenen stellten, so enttäuscht und befremdet waren wir darüber, wie mangelhaft Sie vorbereitet worden sind und wie wenig Sachkenntnis über diesen gravierenden Fall in Stuttgart vorhanden zu sein scheint“.  Ulrich Schumann und Andreas Adam von der Bürgerinitiative Sauberes Trinkwasser für Kuppenheim e.V. finden deutliche Worte an Verbraucherschutzminister Peter Hauk zu seinem Vor-Ort Termin in Iffezheim zum Thema PFC. Ihre Bedenken haben Adam und Schumann in einem offenen Brief  an Minister Hauk zusammengefasst, der auch an den Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann sowie an  den Sozialminister Manne Lucha, Umweltminister Franz Untersteller, die beteiligten Behörden   und  die örtliche  Presse ging. Natürlich käme man „im Dienst der Sache“ dem Wunsch von Minister Hauk sowie auch des Rastatter Gesundheitsamtes gerne nach, die Ergebnisse des Human-Biomonitorings vorzulegen, so  Ulrich Schumann, der Vorsitzende der Initiative. „Obwohl uns   ja immer seitens der Behörden vermittelt wurde, das habe keine Aussagekraft“, so Schumann.

 

Ulrich Schumann (rechts) und Andreas Adam von der Trinkwasserinitiative Kuppenheim. Foto: Klatt
Ulrich Schumann (links) und Andreas Adam von der Trinkwasserinitiative Kuppenheim. Foto: Klatt

Kritik an PFC-Verdünnung

Jürgen Hölzer von der Uni Bochum, über die alle PFC-Human-Biomonitoring-Studien laufen,  bestätigte hingegen, dass die PFOA-Belastung der Teilnehmer durch das Trinkwasser nachgewiesen sei. In ihrem Schreiben gehen Schumann und Adam auf die Wirkungen von  Perfluoroctansäure (PFOA) auf den Menschen ebenso ein wie auf das Humanbiomonitoring der betroffenen Bevölkerung, sie erläutern ihre  Ergebnisse von 2015 und 2016 und kritisieren das diesbezügliche Verhalten des Gesundheitsamtes Rastatt. „Dass Stillen eine Hauptquelle für PFOA-Belastung bei Säuglingen ist, war dem Gesundheitsamt nicht bekannt“, ärgert sich Schumann. Adam und Schumann gehen ein auf die „Verdünnungsstrategie“, die man zur Senkung des PFC-Gehaltes im Wasser anwendet. PFC-haltige Eluate, die durch die Umkehrosmose entstehen, würden in die Oberflächengewässer wieder eingeleitet, dazu gebe es eine unbefristete Einleitungsgenehmigung des Regierungspräsidiums. „Diese von Amts wegen legalisierte Gewässer-Verunreinigung kann auf Dauer nicht hingenommen werden“, so Adam. Eine alternative Idee zur Grundwasser-Reinigung stellt Adam zur Diskussion. Für das Trinkwasser könne man eine Ersatzversorgung aus dem südlichen Schwarzwald heranführen und in Folge die „Wasserwerke in Rastatt –Niederbühl, Förch und Baden-Baden-Sandweier vom Netz nehmen und zu  leistungsfähigen PFC-Wasserreinigungsanlagen umbauen. Diese Maßnahmen wären vom Land und Bund zu tragen und man könnte auch Forschungsgelder und EG-Fördermittel beantragen“, so Adam.

„Erfahrungsaustausch fehlt“

Die Initiative äußert sich ebenfalls zu möglichen Sanierungsmaßnahmen des Bodens wie auch  zu den Punkten Landwirtschaft und landwirtschaftliche Produkte. Adam und Schumann bedauern den fehlenden Erfahrungsaustausch mit anderen Bundesländern, „das Wissen, dass Pflanzen PFC aufnehmen, ist so neu nicht“. Redet man vom Schutz der Verbraucher, so geht es momentan hauptsächlich um Vorernte-Monitoring und PFC-Werte im Trinkwasser.  „Die Frage ist nur, wie man den Verbraucherschutz definiert“, gibt Andreas Adam im Gespräch zu bedenken, denn gesundheitliche Begleituntersuchungen gebe es in der Region nur seitens seiner Initiative.  Und es geht beileibe auch nicht nur um die Belastungen durch das Trinkwasser und Lebensmittel seit 2013, denn in diesem Jahr wurde die PFC-Verseuchung  lediglich festgestellt. „Und da im Zeitraum 2008-2013 keinerlei Untersuchungen auf PFC durchgeführt wurden, ist die Belastung und Aufnahme durch Trinkwasser und andere Nahrungsmittel nicht bekannt.  Erklärungsversuche der Verantwortlichen, es habe zu keinem Zeitpunkt eine gesundheitliche Gefährdung bestanden,  sind rein spekulativ“, so Adam. Wie man heutzutage, wo doch der Umweltschutz in aller Munde sei, mit so einem Umweltskandal wie er hier in der Region existent sei, umgehe, findet Ulrich Schumann sehr irritierend.  „Wir hoffen, dass sich die Landesregierung ernsthaft mit der Thematik befasst und eine erkennbare Leitungsfunktion im Umgang mit einem der größten Umweltskandale in der Bundesrepublik übernimmt.“  Der offene Brief der Initiative ist auf der Homepage unter „Aktuelles“ online gestellt: http://www.trinkwasser-kuppenheim.de/index.html

Die Bürgerinitiative Trinkwasser Kuppenheim hat auf eigene Initiative und Kosten in den Jahren 2015 und 2016 PFC-Blutuntersuchungen von interessierten Bürgern durchgeführt. Die dort gemessenen Werte sind bislang die einzigen Gesundheits-Daten, die man bei der PFC-Verseuchung hier in der Region erhoben hat, sie sind auf der Homepage der Initiative nachzulesen. Das Regierungspräsidium bestätigte auf Nachfrage: „Wissenschaftlich fundierte Untersuchungen zu etwaigen gesundheitlichen Auswirkungen auf die Bevölkerung wurden und werden derzeit im Raum Rastatt/Baden-Baden nicht durchgeführt.“ Derzeit seien nach dem Kenntnisstand des Regierungspräsidiums auch keine Begleituntersuchungen geplant.

Höchste Prorität für Verbraucherschutz

Inwieweit ist der PFC-Skandal in Mittelbaden beherrschbar, wie sind die bisherigen Maßnahmen zu sehen, wie real sind welche Gefährdungen? Die Sorge um unser Trinkwasser treibt Olaf Kaspryk von den star.Energiewerken in Rastatt um. In einem Brief vom 8. Juli 2016 an das Umweltministerium Baden-Württemberg, der unserer Redaktion vorliegt, hat er seine Befürchtungen dargelegt und um Unterstützung gebeten. Dieser Brief ging nachrichtlich auch an die Landtagsabgeordneten im Wahlkreis Baden-Baden. Mit Tobias  Wald (CDU) und Bea Böhlen (Grüne) sprach dazu unsere Mitarbeiterin Patricia Klatt, die sich seit Sommer 2015 mit dem PFC-Skandal beschäftigt:

Wie sehen sie die Einschätzung von Herrn Kaspryk, dass das Trinkwasser akut bedroht ist?

Böhlen: Eine akute Gefährdung der Trinkwasserversorgung für Rastatt besteht derzeit nicht. Das abgegebene Trinkwasser hält die geltenden Grenzwerte ein. Nach derzeitigem Kenntnisstand ist zu erwarten, dass eine möglicherweise relevante PFC-Belastung erst in einigen Jahren die Brunnen im Wasserwerk Ottersdorf erreichen wird. Erste Überlegungen zu Abwehrmaßnahmen haben die zuständigen Behörden bereits angestellt. Letztendlich bedarf es weiterer Erkenntnisse aus Monitoringprogrammen und Detailuntersuchungen, um zu besseren Abschätzungen des Zeithorizonts, der zu erwartenden Konzentrationen sowie der Wirksamkeit von Abhilfe- beziehungsweise Minderungsmaßnahmen zu kommen. Daher ist es sehr zu begrüßen, dass sich das zuständige Wasserversorgungs-Unternehmen  mit Verbundleitungen zu anderen Wasserversorgungs-Unternehmen sowie mit Aufbereitungsmöglichkeiten auseinandersetzt und entsprechende Maßnahmen auf den Weg bringt.

Wald: Höchste Priorität hat immer der Verbraucherschutz. Insofern ist es wichtig, den Experten vor Ort zu vertrauen und auf einen Informations- und Wissensaustausch aller zu setzen. Deshalb muss auch die Forschung in der Problematik schnellstmöglich nach vorne gebracht werden. Es geht immer darum, dass die Gesundheit im Vordergrund steht, weshalb es sinnvoll ist, besonders vorsichtig zu sein.

Das Umweltministerium und die zuständigen unteren Behörden teilen Kaspryks Auffassung nicht, bis 2021 ist man jetzt (entsprechend der Altlastenbewertung der LUBW) geplant in der Phase der Detailuntersuchungen. Wie sehen sie diese Zeitvorgaben?

 Böhlen: Die zuständigen Behörden vor Ort und auf Landesebene arbeiten mit Nachdruck daran, das Gesamtausmaß der Belastung im Boden und im Grundwasser zu erheben und zu bewerten. Erst wenn ausreichende Erkenntnisse zur Gesamtbelastungssituation im Boden und im Grundwasser und deren weiterer Entwicklung vorliegen, können Sanierungsvarianten detailliert untersucht und in ihrer Wirksamkeit beurteilt werden. Eine schnelle Abwehr mit einfachen Mitteln ist leider nicht möglich. Aber alle Möglichkeiten, das Verfahren zu beschleunigen, müssen genutzt werden.

Wald: Aus Sicht des Verbrauchers ist eine Zeitspanne bis 2021 ein langer Zeitraum, doch ist das Thma wenig erforscht, weshalb wiederum ausreichend Zeit benötigt wird, um wissenschaftlich sorgfältige Ergebnisse zu haben. Natürlich gilt immer der Grundsatz, dass der Verbraucherschutz höchste Priorität haben muss.

Bei seinem Vor-Ort-Besuch in Iffezheim hat Minister Hauk deutlich gemacht, dass die Wasserversorger nicht mit Geldern vom Land für die PFC-Sanierung rechnen können, das soll über einen höheren Wasserpreis, den die Wasserkunden dann zahlen müssen, finanziert werden. Langfristig betrifft das nicht nur Rastatt, sondern auch Sinzheim und Baden-Baden – wie sehen Sie die Aussage des Ministers?

Böhlen: Die Geschäftsführung der star.Energiewerke hat sich mit Schreiben vom 8. Juli 2016 an das Umweltministerium gewandt und sich darin auch nach möglichen finanziellen Unterstützungen erkundigt.  Die star.Energiewerke wurden darauf hingewiesen, dass die novellierten Förderrichtlinien Wasserwirtschaft 2015 durchaus Möglichkeiten einer Förderung vorsehen. Auch wenn im vorliegenden Fall die maßgebliche Förderschwelle von 5,90 €/m³ aufgrund des günstigen Wasser- und Abwasserentgelts in Rastatt nicht erreicht sein dürfte und Fördertatbestände nach Regelförderung somit nicht möglich sind, könnten Maßnahmen zur Strukturverbesserung der Wasserversorgung bzw. innovative Maßnahmen im Bereich der Trinkwasseraufbereitung unabhängig von der Gebührenhöhe grundsätzlich gefördert werden. Den star.Energiewerken wurde empfohlen, sich diesbezüglich an das zuständige Regierungspräsidium in Karlsruhe zu wenden. Des Weiteren steht es betroffenen Wasserversorgern frei, in Betracht kommende zivilrechtliche Schadensersatzansprüche gegen die Verursacher der Verunreinigungen zu prüfen und gegebenenfalls geltend zu machen.

Wald: Die Ansicht teile ich. Jedoch möchte ich anmerken, dass die Förderrichtlinie für die Wasserwirtschaft im Jahr 2015 überarbeitet wurde, wodurch sich für Wasserversorger durchaus Möglichkeiten finanzieller Unterstützung ergeben könnten. Hier ist das Umweltministerium gefordert.

Gleichzeitig hat Minister Hauk aber den Landwirten Fördermittel des Landes für den Einbau von Aktivkohlefiltern zur Reinigung des PFC-belasteten Wassers in Aussicht gestellt. Begrüßen sie diese Pläne?

 Böhlen: Ich begrüße die Pläne sehr und hoffe, dass eine Lösung sehr schnell gefunden wird, die nicht mit den europäischen Förderrichtlinien kollidiert. Denn nur so ist eine Förderung der Landwirte möglich.

Wald: Das Land prüft derzeit die Voraussetzungen und Möglichkeiten einer Investitionsförderung für Landwirtinnen und Landwirte zur Installation von Anlagen zur Reinigung von PFC-haltigem Bewässerungswasser (Aktivkohlefilteranlagen). Wenn diese Aktivkohlefilteranlagen helfen, dann sollte eine Förderung gegeben werden – dies ist klar zu begrüßen. Denn es ist auch wichtig, dass unbelastetes Wasser zur Bewässerung zur Verfügung steht, um einwandfreie Lebensmittel erzeugen zu können.

Wie stehen sie zu der offensichtlichen Tatsache, dass nicht nur die Landwirte solche Gelder erhalten sollen, die gänzlich unschuldig durch belastetes Beregnungswasser in dieser Situation sind, sondern enenfalls die Landwirte, die diesen – für sie kostenfreien PFC-belasteten Kompost – auf ihre Äcker aufgebracht haben?

Böhlen: In erster Linie möchte ich, dass den Landwirten geholfen wird, die seinerzeit keinen kostenlosen, mit Papierschlämmen durchsetzten Kompost angenommen haben, sondern weiterhin biologisch hochwertigen Kompost gekauft und aufgebracht haben. Aber auch die Landwirte, die mehrere Jahre kostenfrei ihre Felder mit dem Papierschlammkompost düngten, handelten in gutem Glauben. Denn die Ausbringung wurde vom Landwirtschaftsamt erlaubt. Damalige wie heutige Leiterin ist Frau Stief, und der gesetzgebende Minister, damals wie heute, Peter Hauk.

Wald: Meines Erachtens sollten zunächst einmal alle Landwirte gleich behandelt werden, da es juristisch noch nicht geklärt ist, wer und was für die PFC-Belastung verantwortlich ist. Es muss geprüft werden, welche Möglichkeiten es gibt, den landwirtschaftlichen Familienbetrieben zu helfen.

Schnelleres Vorgehen scheint Illusion

„Eine sofortige Sanierung erscheint als nicht verhältnismäßig und mit dem derzeitigen Kenntnisstand sinnvoll technisch nicht möglich“, so heißt es in der aktuellen Studie der Gutachter. Wie genau verteilen sich die einzelnen PFC im Grundwasser? Wo sind Brunnenmaßnahmen zur Reinigung sinnvoll? Die Lösung dieser und anderer Probleme ist sehr zeitaufwändig. Es gibt viele offene Fragen in der PFC-Belastung, von den Kosten ganz zu schweigen. „Bislang sind  bereits knapp 1.5 Millionen Euro angefallen. Davon entfielen auf  das Land rund 640 000 Euro für das Vorernte-Monitoring und die Pilotanlage zur Reinigung von Beregnungswasser  sowie eine  Elutionsstudie. Auf das Landratsamt Rastatt rund 346 000 Euro für Gutachten  und  Untersuchungen von  Boden-Wasser  etc. sowie auf die Stadt Baden-Baden rund 471 000 Euro für Gutachten  und  Untersuchungen von Boden-Wasser et cetera“, so das Regierungspräsidium Karlsruhe auf Anfrage. Im Rahmen der Untersuchung sind bereits  1 900 Grundwasserproben, 1 300 Bodenproben und 1 000 Eluatproben untersucht worden. Es kann auch nicht ausgeschlossen werden, dass noch weitere PFC-belastete Flächen hinzukommen.

Priorisierungsliste festgelegt

Zum weiteren Vorgehen hat man nun Teilbearbeitungsbereiche festgelegt, in dieser Priorisierungsliste ist der Bereich Steinbach-Bühl-Vimbuch hinter Sandweier auf dem zweiten Platz (http://www.landkreis-rastatt.de/site/kreis-rastatt/get/documents_E-720442370/kreis-rastatt/Objekte/03_Aktuelles/PFC/Historie%20und%20Zusammenfassung_Stand%20September%202016.pdf). Das  generelle Vorgehen der Behörden in Sachen PFC orientiert sich momentan an der Altlastenbewertung des Landes (LUBW) vom Februar 2016. „Grundsätzlich ist dieses Vorgehen richtig“, so Markus Benkeser, PFC-Beauftragter der Stadt Bühl. Die Pfade: Boden-Wasser, Boden-Pflanze, Boden-Mensch müssten abgeklärt werden. Aber es sei tatsächlich ein sehr langfristiges Verfahren, so Benkeser. Dem mag man nicht widersprechen, denn diese Altlastenbewertung sieht eine stufenweise Bearbeitung vor: Nach der Erfassung des Problems folgen orientierende Untersuchungen,  Detailuntersuchungen (in dieser Phase sind wir aktuell geplant bis 2021), Sanierungsuntersuchungen, immer inklusive diverser Bewertungen, bevor dann die Sanierung erfolgen kann. Alleine nach den Detailuntersuchungen 2021 wären  dann 15 Jahre vergangen, in denen die PFC aus dem Boden in das Grundwasser gelangen.  Aber ein schnelleres Vorgehen scheint eine Illusion zu sein, denn „was notwendige Sanierungsmaßnahmen angeht, sind wir derzeit noch dabei, die Eignung verschiedener Methoden zu bewerten. Erst wenn ausreichende Erkenntnisse zur Gesamtbelastungssituation im Boden und Grundwasser und deren weiterer Entwicklung vorliegen, können Sanierungsvarianten detailliert und konkret geplant und in ihrer Wirksamkeit beurteilt werden“, so das Umweltministerium. Momentan wird der Schaden also erforscht, verwaltet und reglementiert. Vorernte-Monitoring, Anbauempfehlungen, Trinkwasser-Überwachung, Geringfügigkeits-Schwellenwerte für das Beregnungswasser, all das ist mittlerweile wohl jedem in der Region geläufig. Es gibt eine Kontaktgruppe zum Informationsaustausch, länderübergreifende Abstimmungen und Initiativen zur Erforschung von PFC und seinen Vorstufen im Boden, eine landesweite Grundwasseruntersuchung auf PFC, es werden weitere Kompostieranlagen im Land untersucht und mehrere Forschungsvorhaben wurden in Auftrag gegeben.

Zusätzliche Belastung?

Die eingeleiteten Maßnahmen sind umfangreich und gehen das Problem wirklich in aller Gründlichkeit an. Manches bleibt aber trotzdem unverständlich, wie zum Beispiel die Anbauempfehlung für Körnermais  für alle Ackerflächen – solange keine neueren Erkenntnisse vorliegen. Die Körner seien unbelastet, die  grünen Pflanzenteile würden allerdings sehr viel PFC aufnehmen, so das Regierungspräsidium. Bei der Ernte werden allerdings genau diese grünen Pflanzenteile zerhäckselt und verbleiben auf dem Acker, vor dem Winter wird umgepflügt.  Warum investiert man einerseits soviel Geld und Aufwand in die Beseitigung des PFC-Problems, und belässt andererseits aber die belasteten grünen Maisteile auf dem Feld  und führt damit das PFC wieder erneut dem Boden zu?  Ein  Kreislauf, der nach Ansicht von Fachleuten übrigens auf alle Fälle  vermieden werden sollte. Das Stuttgarter Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz sieht dagegen keine Probleme:

In Abstimmung mit dem zuständigen Umweltministerium teilen wir mit, dass sich durch das Unterpflügen oder Belassen des Aufwuchses einer Fläche auf dieser Fläche keine erneute Belastung im Sinne einer zusätzlichen odenbelastung ergibt.

Keine übergeordnete Anlaufstelle

Ebenso zahlreich wie die Maßnahmen der Behörden sind auch die Fragen der Bevölkerung. Wie weit ist die PFC-Fahne im Grundwasser? Ist der belastete Kompost nun des Übels Wurzel?  Was haben die Behörden tatsächlich genehmigt? Und wann wird endlich saniert? Ist eine Klage sinnvoll? Die Zuständigkeiten der verschiedenen Behörden sind aber auf verschiedene Fachbereiche aufgeteilt. Das ist aufgrund der komplexen Sachlage nachvollziehbar, aber für die Bürger nicht so einfach zu verstehen. Eine zentrale übergeordnete Anlaufstelle für alle Fragen der Bürger und Betroffenen wäre verbraucherfreundlich. „Manchmal wenden sich die Leute beispielsweise mit toxikologischen Fragen an mich, für die ich nicht zuständig und auch nicht auskunftsberechtigt bin, sondern in diesem Fall das Gesundheitsamt“, bestätigt Reiner Söhlmann von der PFC-Geschäftsstelle, der für die Koordination innerhalb des  Landratsamtes Rastatt zuständig ist. Man findet viele Informationen auf den Seiten des Regierungspräsidiums und des Landratsamtes, dafür muss man aber wissen, dass man dort zu suchen hat. Geht man als Verbraucher hingegen davon aus, dass man angesichts des Umfangs der PFC-Verseuchung auf den Seiten der übergeordneten Ministerien fündig wird, hat man Pech. Der Suchbegriff „Vorernte-Monitoring-PFC“ auf der Seite des Ministeriums für Ländlichen Raum führt beispielsweise zu afrikanischer Schweinepest,  Kirschessig-Fliege, Luchs und Wolf.  Beim Umweltministerium hat man mit dem Suchbegriff „PFC“ zwar 21 Treffer, aber auch nur einen aktuellen, der allerdings zu der Seite des RP hinführt. Generell erfordert die Suche also Zeit und Geduld.

Enormes Informationsdefizit

Ergänzend zu einer zentralen Anlaufstelle  könnte man alles Wichtige in einem Newsletter den interessierten Bürgern zur Verfügung stellen. Im digitalen Zeitalter wäre es eine Option, Messwerte aus dem Vorernte-Monitoring und anderes Aktuelle einfach online zu stellen. Die Diskussion der letzten Wochen hat außerdem gezeigt, dass ein enormes Informationsdefizit bei den Bürgern über das gesamte Ausmaß und die Folgen der Verseuchung zu bestehen scheint, so dass man auch über eine PFC-Info Broschüre, online und als Printversion, für die beiden Landkreise nachdenken sollte.

Belastete und unbelastete Flächen liegen vielfach direkt nebeneinander. Foto: Klatt
Belastete und unbelastete Flächen liegen vielfach direkt nebeneinander. Foto: Klatt

Die zuständigen Behörden untersuchen  grundsätzlich viel und umfassend, „es finden alle zwei Monate Treffen der Kontaktgruppe PFC  statt, an denen sechs Ämter teilnehmen, um sich abzustimmen“, so Reiner Söhlmann. In Fortführung dessen wäre angesichts der Dimension des PFC-Problems die Einrichtung einer  PFC-Sonderbehörde denkbar, deren ausschließliche Aufgabe die Lösung auf allen Ebenen ist. Die Ergebnisse der Fachbehörden können dort ständig koordiniert werden, ebenso wie ein länderübergreifender Informations-Austausch, auch auf universitärer Basis. Statt Diskussionen über Zuständigkeiten von unteren und oberen Behörden sind Ergebnisse und Lösungen gefragt.   Die gegenwärtige Splittung der Verantwortlichkeiten führte zum Beispiel dazu, dass der offene Brief der Bürgerinitiative Sauberes Trinkwasser Kuppenheim an drei Ministerien und drei Behörden geschickt wurde, die alle für irgendetwas anderes zuständig sind.

Übergeordnete Sonderbehörde?

Eine übergeordnete Sonderbehörde könnte auch anordnen, die möglichen gesundheitlichen Folgen der PFC-Verseuchung neu überprüfen zu lassen. Im Fall der weiteren bekannten PFC-Belastung an der Möhnetalsperre im Jahr 2006 wurden dort entsprechende Untersuchungen vom Umweltministerium beauftragt und von der Ruhr-Uni Bochum und dem Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz durchgeführt. Die Belastung der Böden und demzufolge auch der Feldfrüchte bestand bei uns seit mindestens 2005 und man muss nach den Ergebnissen des Vorernte-Monitorings wohl davon ausgehen, dass seitdem auch PFC-belastete Nahrungsmittel unwissentlich verzehrt wurden. Laut Umweltbundesamt stehen erhöhte PFC-Konzentrationen unter anderem im Zusammenhang mit vermindertem Impferfolg bei Kindern und haben Einfluss auf den Schilddrüsenstoffwechsel. Zumindest diese beiden Punkte könnten von den Ärzten in der Region überprüft werden.

Und man sollte angesichts der ungeheuren Dimension und Kosten der Verseuchung auch über die Einrichtung eines PFC-Solidarfonds nachdenken, damit nicht zusätzlich zu den umfassenden Problemen noch darüber debattiert wird, wer welche Maßnahmen bezahlen muss. In so einen Fond könnten Gelder vom Land und vielleicht ja auch ein Solidaritätsbeitrag von der „PFC-produzierenden Industrie“ fließen?

Interview mit Umweltminister

Zum Abschluss der BNN/ABB-Serie rund um das Thema „PFC in Mittelbaden“ beantwortete Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) Fragen unserer Mitarbeiterin Patricia Klatt.

Wie beurteilen Sie die momentane Situation im PFC-Skandal?

Zunächst bitte ich Sie sehr, den Begriff Skandal hier nicht zu verwenden. Das ist eine griffige Bezeichnung, aber sie passt einfach nicht. Bei einem Skandal haben wir es in der Regel mit vorsätzlich verursachtem Schaden zu tun, möglicherweise mit dem Versuch, etwas zu vertuschen, oft mit krimineller Energie. Das ist noch nicht nachgewiesen.  Was wir aber sicher haben, ist ein PFC-Problem – und zwar ein sehr komplexes. Und wir haben die Schwierigkeit, dass die Kenntnisse und Erkenntnisse zu dieser chemischen Stoffgruppe weltweit alles andere als umfassend sind. Wir stehen vor einem Problem, das erstens nicht auf Baden-Württemberg beschränkt ist, sondern weltweit existiert und dessen Lösung wir uns, zweitens, erst mühsam erarbeiten müssen. Das ist die Situation und die Aufgabe: analysieren, forschen und dann Abhilfe schaffen – möglichst abgestimmt auf nationaler und internationaler Ebene.

PFC ist, wie Sie sagen, ein globales Umweltproblem und es wird auch nicht verschwinden, wenn wir hier in der Region endlich irgendwann alles saniert haben werden. Gibt es seitens des Umweltministeriums irgendwelche Planungen, die PFC-Belastung der Umwelt generell zu verringern, gibt es dazu Arbeitsgruppen, Ansatzpunkte, Untersuchungen?Das Problem muss global angegangen und gelöst werden – aber natürlich arbeiten wir daran mit: vor Ort in den von PFC-Belastungen betroffenen Regionen des Landes, in der baden-württembergischen und deutschen Politik und Wissenschaft, die sich mit der Erforschung und Bearbeitung der PFC-Problematik intensiv befassen, aber auch auf nationaler und auf EU-Ebene. Wir tun, was wir können. Und bei uns im Umweltministerium haben wir eine Kontaktgruppe PFC eingerichtet, die sich umfassend mit der Thematik auseinandersetzt. In dieser Gruppe ist nicht nur die verwaltungsmäßige Abwicklung der bekannten Schadensfälle ein Thema. Vielmehr wird die gesamte Thematik PFC allgemein angegangen.

Die Zuständigkeiten im PFC-Skandal sind auf viele verschiedene Fachbehörden aufgeteilt, obwohl sich alle zwei Monate, wie Sie bereits sagten, die Kontaktgruppe trifft, in der sechs verschiedene Behörden vertreten sind. Müsste man sich nicht öfter treffen und wäre das Umweltministerium als übergeordnete Stelle nicht sinnvoll, um die Maßnahmen zu koordinieren und um nach Lösungen auf allen Ebenen zu suchen?

Die  Kontaktgruppe leistet genau diese Arbeit. Sie ist ein koordinierendes Gremium unter Federführung des Umweltministers. Das heißt aber nicht, dass wir im Umweltministerium alles selbst machen können, dafür gibt es in der Tat die Fachbehörden, die auch für die rechtlichen Schritte zuständig sind.  Und der Zyklus ist natürlich flexibel. Wenn es nötig sein sollte, die Situation es verlangt, dann sind wir sicher in der Lage, die Kontaktgruppe auch kurzfristiger einzuberufen.

Arbeitet das Umweltministerium an einer Art Handlungsleitfaden (für Baden-Württemberg) für den Umgang mit bei PFC-Belastungen? Werden die Ergebnisse der ganzen Forschungen und Messungen irgendwo gebündelt zusammengefasst und veröffentlicht werden,  für die Fachwelt und die „Normal-Interessierten“?

Einen Handlungsleitfaden zu erarbeiten, haben wir nicht geplant, es kann ja auch nicht die Aufgabe eines einzelnen Bundeslandes sein, den Umgang mit der weltweit relevanten PFC-Problematik zu definieren. Damit wären wir auch überfordert. Aber wir haben Vieles angestoßen und bearbeiten Vieles: Wir erforschen die Ursachen für den PFC-Fall in Mittelbaden: Herkunft, Zusammensetzung der Schadstoffe, Verbreitungswege. Wir untersuchen mit Hilfe eines Grundwassermodells die Ausbreitung von PFC im Grundwasser, arbeiten an der technischen Trinkwasseraufbereitung und suchen die beste Methode zur Sanierung der belasteten Flächen, und wir kümmern uns darum, dass niemand Angst haben muss, belastete Lebensmittel zu essen oder belastetes Wasser zu trinken, federführend ist da aber das Landwirtschaftsministerium. Es gibt in Baden-Württemberg eine ganze Reihe von Berichten zu verschiedenen Fragestellungen von Kontaminationen mit PFC in den Umweltmedien. Veröffentlicht sind sie auf der Homepage der LUBW.

Gibt es nicht Möglichkeiten, um schneller zu einer Sanierung zu kommen? Könnte man nicht parallel zu den bis 2021 geplanten Detailuntersuchungen schon erste Maßnahmen einleiten? Schließlich besteht die Gefahr, dass sich die PFC in der Zwischenzeit weiter ausbreiten. Kritiker des Vorgehens vermuten, man spiele auf Zeit, weil es möglicherweise 2021 gar nichts mehr zu sanieren geben würde?

 ch verstehe, dass es vielen Betroffenen vor Ort zu langsam geht. Aber der Vorwurf, wir spielten auf Zeit, ist wirklich unzutreffend. Wir nehmen uns die Zeit, die nötig ist, um den komplexen Sachverhalt zu klären und Lösungen zu finden. Da bitte ich um Verständnis und auch um Geduld: Es geht nicht schneller. Es hat doch keinen Sinn, irgendwelche Maßnahmen einzuleiten, die bei näherem Betrachten entweder das Problem nicht lösen oder unbezahlbar sind. Ich bin kein Freund von Aktionismus, und es ist die Crux, dass Mittelbaden der bundesweit erste PFC-Fall solchen Ausmaßes ist und wir niemandem über die Schulter  blicken können, um abzuschauen, wie es am besten geht. Richtig ist, es geht langsam, und richtig ist, das ist unbefriedigend.  Nicht richtig ist aber, dass wir damit ein erhöhtes Risiko eingehen. Entscheidend ist doch, dass die Menschen in den mittelbadischen PFC-Gebieten darauf vertrauen können, unbelastetes Wasser zu trinken und unbelastete Lebensmittel zu essen. Und um das zu gewährleisten, haben wir schnell Vorsorge getroffen und einen Prozess etabliert, der das auch künftig sicherstellt. Wir untersuchen an Brunnen und Grundwassermessstellen laufend die Qualität des Wassers. Und wir sorgen dafür, dass keine belasteten Lebensmittel in den Verkauf gelangen. Darüber hinaus beobachten wir auch sehr genau, ob und wie sich die PFC möglicherweise weiter ausbreiten. Wir sind leider noch nicht soweit, die Fläche zu sanieren, aber wir kontrollieren das Problem. Das gibt uns Zeit, die wir für wichtige Untersuchungen und Forschungsarbeiten zu PFC nutzen. Ein Beispiel: Was wir im Boden und im Wasser messen, sind Schadstoffe aus der Stoffgruppe der PFC. Aber das waren nicht immer diese Schadstoffe, sondern sie sind das Ergebnis chemischer Abbauprozesse. Die Vorläufersubstanz im Boden, den so genannten Precursor, kennen wir aber noch nicht. Es gibt noch kein chemisches Analyseverfahren dafür. Wir wissen nicht, welche Precursor im Boden sind. Das müssen wir herausfinden und das braucht Zeit.

Gibt es diesbezüglich denn Kontakt zu den Papierherstellern, aus deren Produkten die Abfälle möglicherweise stammen und die über die Zusammensetzung der Papierschlämme und anderes Bescheid wissen?

 Wenn Sie fragen, ob wir mit den Papierherstellern bei der Aufarbeitung der PFC-Problematik zusammenarbeiten, dann lautet die Antwort Nein. Wenn Fragen auftauchen, bei deren Beantwortung sie uns helfen könnten, stellen wir die natürlich, aber die Bereitwilligkeit zu antworten, ist nicht sehr ausgeprägt. Wir hätten uns zum Beispiel mehr und bessere Informationen gewünscht, wann und in welchen Mengen Papierschlämme mit welchen PFC-Substanzen weitergegeben worden sind.

An der Möhntalsperre in Nordrhein-Westfalen gab es vor zehn Jahren ebenfalls eine kleinere PFC-Verseuchung. Dort warr das dortige Umweltministerium der Auftraggeber für eine Studie, die die damit verbundenen gesundheitlichen Belastungen der Bevölkerung mit PFC untersuchte. Können Sie sich hier etwas Ähnliches vorstellen, zumal die Bevölkerung ja möglicherweise bereits acht bis zehn Jahre vor Bekanntwerden der PFC-Verseuchung unwissentlich belastete Lebensmittel verzehrt hat?

Wir müssen uns selbstverständlich auch mit den gesundheitlichen Auswirkungen von PFC befassen. Aber das müssen belastbare Studien sein, aus denen seriöse Grenzwerte abgeleitet werden können, die dann wiederum ganz konkrete Vorgaben für Maßnahmen im Einzelfall nach sich ziehen. So weit sind wir zu meinem großen Bedauern aber eben noch nicht. Und zwar weltweit. Die EU hat eine PFC-Verbindung, nämlich PFOS, bereits verboten, bei PFOA ist ein Verbot abzusehen. Forschungsvorhaben zu anderen Verbindungen gibt es. Das Thema ist in Arbeit, und Deutschland ist bei den Bemühungen um eine Regulierung der PFC eine treibende Kraft.

Wie kann die Landesregierung die von der PFC-Belastung betroffenen Landwirte unterstützen?

 Wir unterstützen die Landwirte zum Beispiel bei der Qualitätskontrolle ihrer Produkte, indem wir diese über das Vorernte-Monitoring auf Unbedenklichkeit prüfen, bevor sie in den Verkauf gelangen. Dafür hat das Landwirtschaftsministerium über 500 000 Euro bereitgestellt. Damit wird die Grundlage für die Vermarktungsfähigkeit der landwirtschaftlichen Produkte geschaffen, und es stellt gleichzeitig eine vertrauensbildende Maßnahme für die Verbraucher dar.

Behörden, Kommunen, Landwirte, Trinkwasserversorger, alle haben hohe Kosten im Zusammenhang mit der PFC-Verseuchung. Wäre angesichts der Dimension des Ganzen nicht die Einrichtung eines Sonderfonds notwendig und sinnvoll, um die zu erwartenden sehr hohen Kosten decken zu können, die Rede ist von mehr als zwei Milliarden?

 Was soll aus einem solchen Fonds denn bezahlt werden? Sie können doch nicht Rechnungen für die analytischen Untersuchungen des Schadensfalls, die generelle Erforschung von PFC, die Trinkwasseraufbereitung und das Vorerntemonitoring oder die Sanierung von Flächen vorbehaltlos in einen Topf werfen und aus Steuermitteln bezahlen. Im Rechtsstaat gilt das Verursacherprinzip, und das stellt ernsthaft wohl auch niemand infrage. Wer einen Schaden verursacht hat, muss dafür gerade stehen. Bevor Sie den Steuerzahler möglicherweise zur Kasse bitten, ob über einen Sonderfonds oder wie auch immer, muss geklärt sein, wer für die PFC-Schäden die Verantwortung trägt und wie er für die Kosten herangezogen werden kann.

„Raus aus der Fluorchemie“ – können Sie sich für BW eine Art Vorreiterrolle vorstellen, gerade weil wir uns hier mit den schwer beherrschbaren Folgen und Konsequenzen unser aller „PFC-Bequemlichkeit“ auseinandersetzen müssen?

 Vorstellbar ist vieles, heißt es auf solche Fragen immer gerne. Und natürlich wäre ein Ausstieg aus der Fluorchemie grundsätzlich wünschenswert. Aber ein Ausstieg muss fachlich und rechtlich sehr gut begründet beziehungsweise politisch gewollt sein. Das ist nicht zuletzt auch eine gesellschaftliche Frage. PFCs sind in Pizzakartons und Coffee-To-Go-Bechern, damit sie nicht aufweichen, in Outdoorjacken als Imprägniermittel und in vielen weiteren Alltagsprodukten. Sie haben angenehme Eigenschaften, aber sie werfen auch einen langen ökologischen Schatten. Denn sie verschwinden nicht so schnell wieder, sondern sammeln sich in der Umwelt und in Menschen und Tieren an und manche können sich negativ auf Mensch und Umwelt auswirken. Wir müssen also eine gesellschaftliche Diskussion führen: Wollen oder müssen wir auf PFCs verzichten? Gibt es Alternativen? So lange wir von den positiven Eigenschaften von PFCs profitieren und entsprechende Produkte nutzen wollen, so lange müssen wir auch die negativen Eigenschaften in Kauf nehmen und können nur versuchen, den möglichen Schaden zu minimieren. Das gilt für den Eisbär wie für uns. Denn auch an den Polkappen sammeln sich bereits PFCs an.