Freilandhaltung ist für Rassehühner selbstverständlich. Das Foto zeigt die bedrohten Deutschen Sperber.
Freilandhaltung ist für Rassehühner selbstverständlich. Das Foto zeigt die bedrohten Deutschen Sperber. | Foto: Ulrich Coenen

Biologische Vielfalt gefährdet

„Jeden Monat stirbt eine alte Rasse aus“

Von wegen dummes Huhn! Michael Götz weiß es besser. „Nur wenige Tiere, darunter Menschenaffen und Hühner, erkennen ihr Spiegelbild“, sagt der Beauftragte für Tier- und Artenschutz des Bundes Deutscher Rassegeflügelzüchter (BDRG). Der Rastatter Tierarzt hat über Geflügelkrankheiten promoviert und gehört bundesweit zu den wichtigsten Spezialisten für Hühner. Seit 2001 züchtet er im Garten seines Hauses im Rastatter Stadtteil Wintersdorf die selten gewordenen Sundheimer.

Das tut der Veterinär ganz bewusst. „Jeden Monat stirbt eine alte Nutztierrasse aus“, klagt er. „Das ist verhängnisvoll, denn diese waren perfekt an ihre Umgebung angepasst und bilden bis heute einen wertvollen Genpool.“ Unabhängig von der biologischen Vielfalt geht mit den alten Rassen ein Stück Kulturgeschichte verloren.

20 Hühnerrassen vom Aussterben bedroht

Im Bereich des Geflügels will der BDRG diese Entwicklung stoppen. Es gibt rund 180 anerkannte Hühnerrassen, die bis in die 1960er-Jahren auf den Bauernhöfen zur Eier- und Fleischproduktion gehalten wurden. 20 gelten heute als gefährdet und stehen auf der Roten Liste der Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen (GEH). Mit den industriell gezüchteten Hochleistungshybriden, die die alten Rassen inzwischen aus der gewerblichen Landwirtschaft verdrängt haben, wollen Michael Götz und Konrad Lienhart, der Kreisvorsitzende der Rassegeflügelzüchter Rastatt/Baden-Baden, die alten Bauernhühner nicht vergleichen. Wie Götz pflegt Lienhart auf seinem Anwesen im Bühler Stadtteil Vimbuch eine vom Aussterben bedrohte Rasse: Deutsche Sperber.

Die aus Frankreich stammenden Marans sind eine von rund 180 alten Hühnerrassen.
Die aus Frankreich stammenden Marans sind eine von rund 180 alten Hühnerrassen. | Foto: Ulrich Coenen

Industrie tötet Hahnenküken

Zwischen der artgerechten Freilandhaltung der Hobbyzüchter und der industrialisierten Massentierhaltung mit den im Labor nach Geheimrezepten weniger Unternehmer gezüchteten Hybriden liegen Welten. Auf engstem Raum gehaltene Legehennen produzieren 300 Eier im Jahr (insgesamt zwölf Milliarden allein in Deutschland) und müssen bereits nach etwa 18 Monaten ihr kurzes Leben im Schlachthof lassen. „Sämtliche Hahnenküken werden gleich nach der Geburt vergast, weil sie zu langsam Gewicht ansetzen und ihre Mast deshalb wirtschaftlich nicht lohnend erscheint“, konstatiert Michael Götz. Stattdessen gibt es, ebenfalls aus dem Genlabor, spezielle Masthybriden, die nach sieben Wochen bereits 2,5 Kilo wiegen, dafür aber kaum noch laufen können. Rund 600 Millionen dieser Vögel fristen pro Jahr ihr kurzes trauriges Leben in deutschen Ställen. „Auch Biolandwirte halten Hybriden und unterstützen damit indirekt die Tötung der männlichen Küken“, sagt Götz.

Michael Götz fordert Nachhaltigkeit

Götz und Lienhart freuen sich, dass sich immer mehr Menschen für die private Hühnerhaltung zur Selbstversorgung im eigenen Garten interessieren. Fast immer sind es aber Hybriden, die dort gackern und scharren. Das liegt daran, dass diese Tiere im Handel und auf Geflügelmärkten jederzeit zu Stückpreisen von weniger als zehn Euro verfügbar sind. Neben den braunen und weißen Hybriden gibt es farbenfrohere Exemplare, die den Hobbyhalter ansprechen sollen und den Eindruck von Rassehühner vortäuschen. So genannte „Blausperber“ sind beispielsweise Hybriden, die dem Deutschen Sperber ähneln. Für den Laien gibt es ein Unterscheidungsmerkmal. Wenn ein Huhn keinen Ring des BDRG trägt, ist es wahrscheinlich nicht reinrassig.

Einfach niedlich: Das Foto zeigt Küken des Deutschen Sperbers.
Einfach niedlich: Das Foto zeigt Küken des Deutschen Sperbers. | Foto: Ulrich Coenen

Götz empfiehlt jedem, der sich für Hühnerhaltung zur Selbstversorgung interessiert, die Anschaffung von Rassehühnern. Damit verhindert der Hobbyhalter nicht nur die Tötung der von der Industrie nicht benötigten Hahnenküken. „Wer nachhaltig Eier und Fleisch produzieren will, muss Rassehühner halten“, erklärt der Tierarzt. „Im Gegensatz zu Hybriden, die nur eine Saison legen, legt ein Rassehuhn bis zu vier Jahren. Die in unseren Vereinen gepflegten Rassehühner stehen für eine artgerechte Haltung.“

Konrad Lienhart wirbt für Zuchtvereine

Seit sich die Menschen in ihrer Freizeit immer mehr für kurzfristige Projektarbeit interessieren, kommen Vereine aus der Mode. Das geht auch den Rassegeflügelzüchtern so. Diese Entwicklung gefällt Konrad Lienhart, dem Kreisvorsitzenden Rastatt/Baden-Baden, natürlich gar nicht. 18 Vereine gibt es im Kreisverband, davon befinden sich zwei aus Mitgliedermangel in Auflösung. An den Geflügelausstellungen beteiligen sich nur noch 13 Vereine.

Michael Götz ist Tierarzt und Tier- und Artenschutzbeauftragter des Bundes Deutscher Rassegeflügelzüchter.
Michael Götz ist Tierarzt und Tier- und Artenschutzbeauftragter des Bundes Deutscher Rassegeflügelzüchter. Er züchtet Sundheimer. | Foto: Ulrich Coenen

Tierarzt Michael Götz wirbt für eine Mitgliedschaft. „Der Verein bietet gerade Anfängern eine erstklassige Beratung“, sagt er. „Außerdem werden die vom Gesetzgeber vorgeschriebenen Impfungen der Tiere gemeinsam organisiert. Das ist praktisch und deutlich preiswerter.“ Das alles gibt es für einen geringen Jahresbeitrag.

„Vereinsmitglieder, die Hühner zur Selbstversorgung halten oder sogar züchten, sind nicht verpflichtet, an den Ausstellungen aktiv teilzunehmen“, stellt Konrad Lienhart fest. Einige große Vereine, beispielsweise in Rastatt und in Iffezheim, verfügen über vereinseigene Zuchtanlagen, in denen Mitglieder ohne Garten ihre Tiere artgerecht halten können.

Passende Rasse für jedes Grundstück

Michael Götz weist auf die große Vielfalt der rund 180 anerkannten Hühnerrassen hin, die es in vielen Farben und ganz unterschiedlichen Größen gibt. „Zwerghühner sind auch für kleine Grundstücke geeignet“, sagt er. „Ich halte meine Sundheimer nicht nur zur Selbstversorgung. Die Tiere in meinem Garten zu beobachten, bedeutet nach einem langen Arbeitstag für mich Stressabbau.“ Weil die Hobbyzüchter nicht wie die Geflügelindustrie Küken am Fließband produzieren, müssen Interessenten die gewünschten Rassehühner in der Regel vorbestellen und dann einige Monate Geduld haben. Das fällt in einer Zeit, in der alles jederzeit verfügbar ist, vielen Menschen schwer.

Ausstellungen informieren Laien

Die jetzt beginnende Ausstellungssaison ist eine gute Möglichkeit, sich über die Vielfalt der Rassehühner zu informieren. Der Kleintierzuchtverein Ottersweier und Umgebung, der zu den größten in Mittelbaden gehört, stellt am nächsten Wochenende, 5. und 6. November, in der Turn- und Festhalle Unzhurst aus. Die Kreisschau in Muggensturm, an der sich alle Vereine beteiligen, ist am 18. und 19. November. Auf den Ausstellungen werden die Tiere von Preisrichtern bewertet. „Das ist wichtig, um den Rassestandard zu erhalten“, erklärt Götz.

Kontakt

Nähere Informationen zur Hühnerhaltung und den verschiedenen Rassen gibt es beim Kreisvorsitzenden Konrad Lienhart, Telefon (0 72 23) 90 19 90.