Stefan Söthe findet bei der Kerzenherstellung  Ruhe.
Stefan Söthe findet bei der Kerzenherstellung Ruhe. | Foto: König

Kerzenmacher in Bühl

Symbol für Leben und Vergänglichkeit

Von Katrin König

Es ist dem Wetter in Dänemark zu verdanken, dass Stefan Söthe den Weg zum Licht fand, oder konkreter ausgedrückt: zu den Kerzen. Damals verbrachte er mit seiner Frau Gabriele einen Urlaub in dem Land im Norden, der nicht eben mit Strandwetter aufwartete; so belegte man einen Kurs für Kerzenproduktion. Der reine Zufall also, der dem Industriemeister den Blick auf ein Handwerk öffnete, das ihn faszinierte und in der beruflichen Routine eine neue Herausforderung darstellte. 2005 ließ er sich in der Schweiz ausbilden, parallel dazu im Westerwald: Er lernte, Kerzen zu ziehen und Kerzen zu gießen.

Materialqualität entscheidend

Söthe lernte, dass in dieser Zunft der Qualität des Materials höchste Bedeutung zukommt: „Ich verwende vorwiegend Stearine. Die haben im Vergleich zu synthetischen Paraffinen einen geringen Restölgehalt, weshalb die Kerzen fast rußfrei brennen und eine lange Brenndauer haben.“ Das unterscheide die „guten“ Kerzen zugleich von industriell gefertigter Massenware. Söthe lernte auch, dass es verschiedenste Dochtsorten gibt, mit einem „Fuß“ etwa für die kleinen Kerzen, synthetische für Öllampen. „Je nach Beschaffenheit der Kerze braucht man einen individuellen Docht.“ Individuell, das ist ohnehin ein Stichwort, das auf seine Tätigkeit passt.

Paradies für Kerzenliebhaber

Seit er aus verschiedenen Gründen seinen Laden in Bühl aufgab und auch keine Workshops mehr anbot, bis dahin gerade auch bei Kindern ein Renner, lagert er die Kerzen im Keller. Dort unten, umgeben von dem typisch feucht-dumpfen Geruch unterirdischer Räume, schließt er eine unscheinbare Tür auf – und es eröffnet sich ein Paradies für Kerzenliebhaber: Kerzen aller Größen und Farben, orange Windlichter für den Sommer, fast lebensgroße Kerzen in Pyramidenform, aber auch traditionell weiße, künstlerisch gestaltete für kirchliche Riten wie Taufen, Kommunion, Beerdigungen. Auf einer Hochzeitskerze ist ein stilisiertes Pärchen mit Luftballons in der Hand zu sehen: So etwas, sagt Söthe, „kann die Industrie nicht produzieren“.
Sicher, auch er stellt Kerzen weiterhin nicht nur für den Eigengebrauch her – das Marketing übernimmt Gabriele Söthe, die die Leidenschaft ihres Mannes für Kerzen teilt –, doch im Vordergrund steht für ihn die Produktion an sich, das ist spürbar. Die Stunden, die er in seiner Werkstatt mit dem „Erschaffen“ einer Kerze verbringt, sind Stunden, in denen sich manche Arbeitsgänge immer wiederholen: Das „zwingt“ ihn zur Ruhe, es erfordert Geduld und Konzentration. Das Kerzenlicht schließlich sei ebenso mit Frieden und Harmonie verbunden, befindet er, weshalb bei den Söthes an Winterabenden manchmal nur Kerzen brennen. Und: „Licht ist Leben.“ Die Symbolik des Lichtes reiche bis in die Anfänge des Christentums zurück: „Das Licht wies den Toten etwa den Weg ins Reich der Ewigkeit, es verkörperte die Anwesenheit Gottes.“ Die Kerze an sich symbolisiere zugleich die Vergänglichkeit allen Seins.

Aromen sind gefragt

Doch zurück zum Alltäglichen: Viele Kerzen sind heute mit Aromen versehen. Rund um Weihnachten, ohnehin „Kerzenzeit“, liebten die Menschen Düfte wie Bratapfel, Glühwein oder auch „Spicy Orange“, erzählt Gabriele Söthe. Anregungen für solche Kreationen findet das Paar vorwiegend bei Fachmessen. Leider, sagt Stefan Söthe, sterbe die Zunft der manuellen Kerzenproduktion aus. Auch in Klöstern, wo einst traditionell Kerzen hergestellt wurden, gehe die Kunst verloren. Ausgerechnet in Bühl aber habe sich eine Nonne im Kloster Maria Hilf mit seiner Hilfe eine Werkstatt eingerichtet: Sie widme sich vorrangig der Enkaustik. Und wer weiß – vielleicht finden ja auf diese Weise wieder mehr Menschen den Weg zurück zu einem Bewusstsein für den Wert einer handgefertigten Kerze. Mit anderen Worten: den Weg zurück zum natürlicheren Licht, das lange, lange brennt.

Seit dem Jahr 1061 ist aus Frankreich eine Innung der Lichtzieher bekannt, im 14. Jahrhundert entstand die Innung der Kerzengießer in Hamburg. Die Produktion von Kerzen erfolgt durch Ziehen, Pressen, Gießen oder Wickeln. Beim Ziehverfahren wird ein Dochtstrang so oft durch flüssiges Wachs gezogen, bis die gewünschte Dicke erreicht ist. Sehr preisgünstige Kerzen, Teelichter und Grablichter werden mit Kerzenpressen hergestellt, die gekörntes Paraffin in die gewünschte Form drücken. Für hochwertigere Kerzen wird eine Form mit flüssigem Wachs gefüllt. Auch bezüglich Verarbeitung und Verzierung von Rohkerzen hat sich eine Art Kunsthandwerk mit „Skulpturen“ aus Wachs und Paraffin entwickelt.