Die alten Hühnerrassen wurden durch industriell gezüchtete Hochleistungshybriden verdrängt und sind zum Teil vom Aussterben bedroht. Das Foto zeigt Deutsche Sperber und Marans (dunkel)
Die alten Hühnerrassen wurden durch industriell gezüchtete Hochleistungshybriden verdrängt und sind zum Teil vom Aussterben bedroht. Das Foto zeigt Deutsche Sperber und Marans (dunkel) | Foto: Ulrich Coenen

Tierarzt Michael Götz

Vogelgrippe sorgt bisher nicht für Panik

Die Vogelgrippe ist wieder da. Vergangene Woche erkrankten im Mannheimer Luisenpark zunächst zwei Fasanen an der Seuche, anschließend mussten bis heute mehr als 80 Vögel getötet werden, die Kontakt zu diesen Tieren hatten. Zuletzt sorgte die Vogelgrippe im Herbst 2014 in der Region für Unruhe. Damals wurde von der Landesregierung für die an große Gewässer wie den Rhein direkt grenzenden Gebiete eine allgemeine Stallpflicht erlassen, um die Ausbreitung der Krankheit zu verhindern. Diese Einschränkungen betreffen weniger die industrielle Geflügelproduktion als die zahlreichen Hobbyhalter, die die rund 180 zum Teil vom Aussterben bedrohten Hühnerrassen in Freilandhaltung pflegen und damit eine wertvolle Genreserve erhalten.

Experte Michael Götz nicht beunruhigt

Trotz der Ereignisse in Mannheim sind Experten aktuell nicht beunruhigt. „Es handelt sich um eine niedrigpathogene Form der Vogelgrippe“, sagt Michael Götz. Der Tierarzt aus dem Rastatter Stadtteil Wintersdorf ist Beauftragter für Tier- und Artenschutz des Bundes Deutscher Rassegeflügelzüchter (BDRG). „Diese Form ist also nicht so aggressiv wie das Virus H5N8, das vor zwei Jahren aufgetreten ist.“ Das Virus, das jetzt in Mannheim festgestellt wurde (H7N3), gibt es nach Auskunft von Götz bereits seit vielen Jahrhunderten bei Wildvögeln in Europa. „Es verursacht weniger starke Symptome und verbreitet sich auch nicht so schnell“, erklärt er. Deshalb werde es außerhalb Mannheims nicht zu einer Stallpflicht kommen.

Michael Götz (hier in seiner Praxis mit einem Hahn der Rasse Sundheimer) ist Tierarzt und Experte für Geflügelkrankheiten.
Michael Götz (hier in seiner Praxis mit einem Hahn der Rasse Sundheimer) ist Tierarzt und Experte für Geflügelkrankheiten. | Foto: Ulrich Coenen

Die hochpathogene Form, die zuletzt vor zwei Jahren in Deutschland grassierte, betrifft nach Auskunft von Götz meist industriell geführte Geflügelbetriebe. „Es gibt unterschiedliche Theorien zu den Übertragungswegen“, berichtet der Veterinär. Er nennt die rote Vogelmilbe, Einspreu und den Warenverkehr auf den großen Geflügelfarmen. „Übertragung durch Futter und die berühmte Gans, die von China bis Europa fliegt und die Seuche einschleppt, halte ich für unwahrscheinlich“, meint Götz. „Aber immer wenn die Ursachenforschung erfolglos bleibt, wird über die Ansteckung durch Wildvögel spekuliert.“

Keine Alternative zur Tötung

Wurde ein Geflügelstand infiziert, gibt es laut Götz keine Alternative zur Tötung der Tiere. Auch die Vögel, die innerhalb eines Sperrbezirks leben, werden oft gekeult. Dafür wird bei der weniger ansteckenden Grippe ein Kreis von mindestens einem Kilometer um den Ort gezogen, an dem die Seuche ausgebrochen ist. Handelt es sich um den aggressiven Virus, sind es sogar drei Kilometer.
Der Tier- und Artenschutzbeauftragte weist aber ausdrücklich darauf hin, dass die gesetzlich geforderte Tötung nur für Wirtschaftsgeflügel, also Hybriden ohne Rassezugehörigkeit, gilt. Die Geflügelpestverordnung enthält in der aktuellen Fassung eine Liste seltener Rassen, die nicht getötet werden sollen, wenn sich dies vermeiden lässt. Damit soll der Erhalt der vom Aussterben bedrohten Haustierrassen wie Deutsche Sperber oder Sundheimer gesichert werden. „Solche Bestände werden unter Beobachtung gestellt“, berichtet Götz. „Es werden Tupferproben im Rachen und am After entnommen. Die letzte Entscheidung liegt beim zuständigen Amtstierarzt.“

Schutzimpfung ist verboten

Michael Götz berichtet, dass es eigentlich einen Impfstoff gegen die Vogelgrippe gibt. „Der ist aber bei den Behörden nicht beliebt, weil sich die Influenzaviren relativ schnell verändern“, sagt der Veterinär. „Wie beim Menschen muss der Grippeimpfstoff also permanent angepasst werden. Außerdem haben asiatische Länder, die nach dem Ausbruch einer Seuche Notimpfungen durchführen, anschießend Schwierigkeiten, das Fleisch abzusetzen.“

In der Europäischen Union sind Schutzimpfungen für Geflügel verboten. „Bei seltenem Rassegeflügel wäre dies aber eine Überlegung wert“, meint Götz. Die Ansteckungsgefahr für Menschen ist bei der Vogelgrippe nach Einschätzung des Experten in Deutschland sehr gering.

Seuche als Alptraum für Hobbyzüchter

Für Konrad Lienhart ist die Vogelgrippe ein Alptraum. Der Schreiner aus dem Bühler Stadtteil Vimbuch ist Vorsitzender des Kreisverbands der Geflügelzüchter Rastatt/Baden-Baden und hält unter anderem die vom Aussterben bedrohten Deutschen Sperber und Brahmas. Mit Sorgen beobachtete er die Entwicklung in Mannheim unmittelbar zu Beginn der Ausstellungssaison, die üblicherweise Ende Oktober startet. „Wir Hobbyzüchter hatten in der Vergangenheit bereits mit der Stallpflicht zu kämpfen“, erinnert er sich. „Die Tiere mussten wochenlang im Stall bleiben, und Ausstellungen mussten ausfallen.“

Konrad Lienhart (hier mit seinem Enkel Ben) ist Vorsitzender des Kreisverbands Rastatt/Baden-Baden der Rassegeflügelzüchter.
Konrad Lienhart (hier mit seinem Enkel Ben) ist Vorsitzender des Kreisverbands Rastatt/Baden-Baden der Rassegeflügelzüchter. | Foto: Ulrich Coenen

In Mittelbaden selbst ist die Vogelgrippe nach Auskunft von Lienhart bisher glücklicherweise noch nie ausgebrochen. „Es wurden in früheren Jahren aber bereits verendete Wildvögel in der Region gefunden, die infiziert waren“, sagt er.

Hühner auf der Roten Liste

Michael Götz weiß als Tier- und Artenschutzbeauftragter des Bundes Deutscher Rassegeflügelzüchter (BDRG), was die Stallpflicht für die Hobbyzüchter und ihre Tiere bedeutet. Die Verbandsmitglieder pflegen die rund 180 anerkannten Hühnerrassen, die bis in die 1960er-Jahre auf jedem Bauernhof fröhlich gackerten und scharrten. 20 dieser Rassen gelten inzwischen als gefährdet und stehen auf der Roten Liste der Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen (GEH). „Man kann diese alten Rassen nicht mit den Wirtschaftshybriden vergleichen“, konstatiert Götz. „Das gilt sowohl für ihre Lege- und Fleischleistung, als auch für das Verhalten.“ Während die Hybriden industriell gezüchtet wurden, um auf engstem Raum zu leben, brauchen die alten Rassen Freilandhaltung. „Sperrt man die Tiere wochen- und monatelang in einen engen Stall, bekommen sie psychische Probleme, die Gefahr von Krankheiten, die bei der Freilandhaltung keine Rolle spielen, droht“, stellt Götz fest.

Im Fall einer monatelangen Stallhaltung sieht der Tierarzt die ohnehin vom Aussterben bedrohten Bestände massiv gefährdet. „Natürlich brüten die Hobbyzüchter im Frühjahr keine Eier aus, wenn die Tiere die Ställe nicht verlassen dürfen und ohnehin Platzmangel herrscht“, sagt er.


Michael Götz im Porträt

Michael Götz (Jahrgang 1970) ist Tierarzt mit einer besonderen Spezialisierung auf Kleintiere. Er hat an der Ludwig-Maximilians-Universität in München Tiermedizin studiert und 1999 mit einer am Institut für Geflügelkrankheiten der Universität entstandenen Dissertation über „Die tierseuchenrechtliche Bekämpfung der Newcastle-Krankheit in der Europäischen Union“ promoviert. Newcastle ist eine gefährliche Geflügelerkrankung, gegen die jedes Huhn in Deutschland laut Gesetz regelmäßig geimpft werden muss.
Der Geflügelspezialist ist Vorsitzender des Tier- und Artenschutzbeirates des Bundes Deutscher Rassegeflügelzüchter und als Tierschutzbeauftragter ebenfalls Vorstandsmitglied im Landesverband Badischer Rassegeflügelzüchter. Er gehört zu den anerkanntesten Experten auf diesem Gebiet in der Bundesrepublik. Seit 2001 züchtet Götz Sundheimer Hühner.