Konstantin Wecker
Er kann es immer noch: Konstantin Wecker begeisterte in der Badner Halle sein Publikum. | Foto: Keller

Konstantin Wecker in Rastatt

Der Anarchist spielt zum Tanz auf

Von Georg Keller

Auch mit 69 Jahren ist er kein bisschen leiser geworden und das ist auch gut so: Sowohl musikalisch, als auch als politischer Mensch ist sich Konstantin Wecker immer treu geblieben. Bei seinem Gastspiel am Dienstagabend in der fast ausverkauften, sogar bis ins Foyer hinein bestuhlten Badner Halle wurde der Liedermacher von seinen Fans nach einem dreistündigen Konzert frenetisch gefeiert, alle hatten sich von ihren Sitzen erhoben.

Der Titel von Weckers aktueller Tournee lautet „Revolution“, neben neuen Titeln gehörten aber auch viele bekannte Nummern („Ich singe, weil ich ein Lied hab“) zum Repertoire. Wie „Das macht mir Mut“, in einer deutlich rockigeren Version als im Original und mit einer Textänderung, zur auszulachenden „Scheiß-Technokratie“ gesellte sich die „Rassistenbrut“.

Durch und durch politisch

Der Münchener Konstantin Wecker verstand sich immer als durch und durch politischer Mensch und Sänger und auch heute hält er bei seinen Konzerten mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg. „Es hat sich nichts an meiner grundsätzlich anarchistischen Einstellung geändert“, beteuerte er gleich nach seinen ersten beiden Titeln. Aber auch die Verbindung vom Politischen zum Privaten gelingt ihm, vom Vaterland zum Vatersein, Szenenapplaus erntete der Vater zweier Söhne etwa für die Textzeile „Egal was sie Dir versprechen, trag nie eine Uniform“.

Hymnen über das Leben

In seinen sprachgewaltigen Hymnen über das Leben spannte Wecker den Bogen von sonnigen Tagen bis zum Abschied. Damit es nicht zu Melancholisch wurde, stimmte die wahrlich exzellente Band einen Reggae-Rhythmus an für ein Liebeslied eines gereiften älteren Herren („Weil ich Dich liebe“) – wenn sich darin auch arg viele Anspielungen für Bildungsbürger mit Vorliebe für die griechische Antike finden.

Konstantin Wecker
Der Mann am Piano: In bester Liedermacher-Manier begleitete sich Wecker teilweise selbst. | Foto: Keller

Die musikalische Einlage der Bandmusiker auf ihren Smartphones führte Konstantin Wecker zu einem seiner Dauerthemen, der Kapitalismuskritik. Beklemmend das von Wecker vertonte und erweiterte Gedicht „Der Krieg“ von Georg Heym, von den Musikern grollend untermalt. Darauf folgte ein weiteres Plädoyer für den Pazifismus mit „Wenn unsere Brüder kommen“, das sogar schon Joan Baez in ihr Programm aufgenommen hat.

„Anna“ ist die Anarchie

Nach der Pause testete der Liedermacher die Gesangsqualitäten des Publikums: „Die Gedanken sind frei“, waren in der Revolutionsstadt Rastatt kein Problem. Vollgas gab die Band mit Johannes Barnikel (Piano), Fany Kammerlander (Cello und E-Bass), Manuel Lopez (Gitarre) und Wolfgang Gleixner (Schlagzeug) bei Titeln wie „Heiliger Tanz“ oder „Anna“ – womit freilich die Anarchie gemeint ist.
Und da waren dann die großen, leisen Momente, wie die „Mauthausen-Kantate“ von Lacovos Campanellis und Mikis Theodorakis, die mit ihrem bedrückenden Text über die Liebe im Horror des Konzentrationslagers für andächtige Stille sorgte. Übergangslos ging es weiter mit „Sag’ nein“ in der Ursprungsversion von 2001, dem Plädoyer, sich Neonazis und rechtspopulistischen Bewegungen entgegenzusetzen.

Sechs Zugaben und tosender Applaus

Mit der Aufforderung „Denkt mit dem Herzen“ verabschiedete sich Wecker erstmals von der Bühne, aber nur, um dann für nicht weniger als sechs Zugaben zurückzukommen. Darunter das von Fany Kammerlander gesungene „Gracias a la vida“ und „Ohne warum“, aber natürlich auch „Revolution“ – der Titelsong der Tour. Es ist schon bezeichnend für eine Gesellschaft, dass die Generation 60 plus von Revolution singt, während ihre Enkel brav BWL studieren, anstatt sich politisch zu engagieren.