Mit Spendernieren lebt das Ehepaar Sandra und Boris Ihle aus Neusatz – im Dialysezentrum in Achern haben sie sich kennengelernt.
Mit Spendernieren lebt das Ehepaar Sandra und Boris Ihle aus Neusatz – im Dialysezentrum in Achern haben sie sich kennengelernt. | Foto: Lienhard

Bühl: Paar mit Spenderorganen

Die Dialyseschwester lebt mit einer Spenderniere

Der 7. August ist für Sandra Ihle ein besonderer Tag. Es ist nicht ihr Geburtstag, wohl aber steht er für einen Neuanfang: Es ist der Tag, an dem die Neusatzerin eine Spenderniere erhielt. 30 Jahre sind seit seither vergangen, drei Jahrzehnte, in denen sie mit der gespendeten Niere lebt – eine lange Zeit für ein Spenderorgan.
Siebenjährig war Sandra Ihle an Glomerulonephritis erkrankt, einer beidseitigen Entzündung der Nieren. Drei Jahre später musste sie an die Dialyse, beide Nieren arbeiteten nicht mehr. Dreimal pro Woche ging es zunächst nach Heidelberg, ehe ihre Mutter die Dialyse zuhause übernahm. Verschiedene Therapien sollten helfen, die Nieren wieder in Gang zu bringen, doch die Krankheit war dafür schon zu weit vorangeschritten. „Ich wurde schon gleich zu Beginn der Dialyse auf die Warteliste für eine Spenderniere gesetzt“, erinnert sich Sandra Ihle. Nach drei Jahren war es schließlich soweit. Am 7. August 1986 erhielt die 13-Jährige in der Universitätsklinik in Heidelberg eine Spenderniere. Eine anfängliche Abstoßungsreaktion („das ist nicht ungewöhnlich“, sagt Ihle) bekamen die Ärzte schnell in den Griff.
Die Spenderniere hat Ihles Leben in mancherlei Hinsicht geprägt. Nicht nur, weil sie bis heute zahlreiche unterschiedliche Medikamente einnehmen muss; zehn sind es pro Tag, sie verhindern unter anderem Abstoßungsreaktionen oder sollen den durch die Nieren beeinträchtigten Blutdruck regulieren. Als Jugendliche bereits wollte Ihle Krankenschwester werden. Bei der Berufsberatung wurde ihr allerdings davon abgeraten. Stattdessen lernte sie Bauzeichnerin und arbeitete auch in diesem Beruf. Der Wunsch, sich als Krankenschwester für andere Menschen einzusetzen, war aber immer präsent, und schließlich setzte Sandra Ihle ihn um. Sie arbeitete in einem Krankenhaus, ehe sie 2001 zu ihrer heutigen Arbeitsstelle kam. „Nein, das ist kein Zufall“, sagt sie auf ihre Tätigkeit angesprochen: Sie arbeitet als Dialyseschwester im Acherner Dialysezentrum der Doktoren Bott und Pindl. Dort kann sie bei der Arbeit aus ihrer eigenen Erfahrung schöpfen – und just dort lernte sie auch ihren heutigen Ehemann kennen.
Boris Ihle lebt ebenfalls mit einer Spenderniere, allerdings erst seit dem Februar des vergangenen Jahres. 2002 war er schwer erkrankt, eine Lungenentzündung führte zu einer Niereninsuffizienz. Im Jahr darauf folgte die Dialyse. Sofort ließ er sich auf die Warteliste von Eurotransplant in Leiden setzen. Zwölf Jahre lang musste Ihle warten, in denen er zuerst in Heidelberg zur Dialyse musste, ehe sie dank seiner Frau zuhause möglich war. Der Shuntarm mit seinen ausgeprägten Blutgefäßen am Oberarm erinnert ihn an die Dialyse. Schließlich erhielt er in Heidelberg seine neue Niere. Die 19 Tabletten, die er heute täglich einnehmen muss, zeigen ihm ebenso wie seiner Frau: Eine neue Niere bedeutet nicht automatisch vollständige Gesundheit. Manches ist nicht möglich, bestimmte Sportarten (etwa Ballsport) scheiden aus.
Und auch die Ungewissheit ist immer präsent. Wie lange die Spenderniere hält, ist unklar. Sandra Ihle gehört zu einem Personenkreis, dessen Spenderorgan eine lange Lebensdauer aufweist; der Regelfall ist es nicht. Auch deshalb ist der 7. August ein besonderer Tag für sie – und am Wochenende ist das auch Anlass für eine Feier.

8000 Patienten warten auf Spenderniere

In Deutschland werden nach Angabenen der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie pro Jahr zwischen 2000 und 2500 Nierentransplantationen ausgeführt. Es warten aber im Schnitt 8 000 Dialysepatienten auf eine Spenderniere. Die Wartezeit beträgt durchschnittlich fünf bis zehn Jahre. Wie könnte die Wartezeit reduziert werden? Sandra und Boris Ihle halten es für einen strukturellen Fehler, dass potenzielle Spender von sich aus aktiv werden und einen Spenderausweis ausfüllen müssen. In Ländern wie Österreich dagegen sei es umgekehrt: Dort müsse aktiv erklärt werden, dass man nicht spenden möchte. Das ist für das Ehepaar Ihle der richtige Weg und würde in ihren Augen viele Diskussionen erst gar nicht aufkommen lassen. „Niemand wird zu einer Spende gezwungen“, sagt Sandra Ihle. „Es wäre aber gut, wenn die Menschen über die Organspende nachdenken würden.“
Die weltweit erste dauerhafte erfolgreiche Nierentransplantation gelang 1954 in Boston. In Deutschland war es 1963 soweit. Heute ist die Niere das am meisten übertragene Organ. Nach einer Studie der Uniklinik Heidelberg funktionierten nach 23 Jahren noch etwa 40 Prozent der Spendernieren. 50 Prozent aller transplantierten Nieren arbeiten 15 Jahre, sagt Professor Werner Lauchert von der Deutschen Stiftung für Organtransplantation. Es könne aber auch sein, dass der Empfänger 40 Jahre lang mit der „neuen“ Niere lebt. Dies hänge auch davon ab, wie gut die transplantierte Niere vom Körper angenommen wird und ob es immunologische Probleme gibt.