Mit seinem aktuellen Programm „Vita. Chronik eines Stillstandes“ gastiert Gerd Dudenhöffer in Achern
Mit seinem aktuellen Programm „Vita. Chronik eines Stillstandes“ gastiert Gerd Dudenhöffer in Achern | Foto: Michael Reichel/dpa

Gerd Dudenhöffer in Achern

Ideen an der Wäscheleine

Von Michael Santen

Vor 35 Jahren erfand der Grafiker Gerd Dudenhöffer aus dem Saarland die Figur „Heinz Becker“ und startete mit dem kleinbürgerlichen Spießer, der uns, nun ja, recht eigenwillig die Welt erklären will, seine Karriere als Kabarettist. Die TV-Serie „Familie Heinz Becker“ mit der bedauernswerten Gattin Hilde und dem aufmüpfigen Sohn Stefan an seiner Seite fand in den 90er Jahren Millionen Fans. Seit deren Ende steht Dudenhöffer solo auf Theater- und Kleinkunstbühnen zwischen Rostock und Rosenheim und schwätzt das kopfschüttelnde Publikum mit seinen haarsträubenden Ansichten und grotesken Stammtisch-Weisheiten aus dem „Eckstübche“ voll.  Dudenhöffer kommt am 21. Oktober im Rahmen des Kulturprogramms „gong“ nach Achern.

Stimmt es, dass die Figur Heinz Becker zufällig entstand?

Gerd Dudenhöffer: Ja, in meinem Badezimmer. Das war 1980. Zwei Grafiker-Kollegen halfen beim Vertäfeln der Decke – und deren nichtssagende Kommunikation hat mich fasziniert. Da waren so Dialoge wie „Du kannst doch net hier drücke, wenn ich da zieh.“ Ich dachte mir: „Ist das herrlich, daraus kann man doch mehr machen!“

Und schon hatten Sie die Figur im Kopf?

Gerd Dudenhöffer: Ja, das ging fix. Ich hab’ einen zu diesem Typ passenden Allerwelts-Namen ausgesucht und ihn in Latzhose und hochgeknöpftes, kariertes Hemd gesteckt – und dachte dann: Hut oder Kapp? Die Wahl fiel auf die Kapp, die schnell das Markenzeichen vom Heinz wurde. Das passierte alles schnell und aus dem Bauch heraus. Man kann sich nämlich totkonstruieren. Übrigens: Irgendwann mal klingelte es an meiner Haustür und da stand ein echter Heinz Becker vor der Tür. Der wohnte nur ein paar Häuser weiter und meinte, er habe schon wieder Fan-Post und Autogrammwünsche bekommen, die er mir geben wolle. Er war aber nicht böse auf mich und ich hab’ ihm auch versichert, dass die Namensgleichheit nicht beabsichtigt gewesen sei.

Sind Sie auch Stammtisch-Bruder, wie Ihre Bühnenfigur?

Gerd Dudenhöffer: Nein, nie gewesen. Dieses Dazugehörigkeitsgefühl hätte ich vielleicht gerne, muss ich gestehen, hab’ mich aber nie aktiv drum gekümmert. Ich lebe aber auch lieber zurückgezogen und in Ruhe.

Und das viel zitierte „Eckstübche“, gibt’s das?

Gerd Dudenhöffer (lacht): Irgendwo bestimmt, aber nicht in meinem Umfeld, nein. Auch das ist eine „Kunstfigur“.

Woher nehmen Sie die ganzen abstrusen Erlebnisse und Gedanken des Heinz Becker?

Gerd Dudenhöffer: Die Ideen hab’ ich zu Hause oder auf Tour im Hotelzimmer, wenn ich die Wand anstarre. Ich schnapp’ auch schon mal beim Einkaufen oder vorm Fernseher in einer Talkshow was Brauchbares auf. Das notiere ich und hänge die Zettel an die Wäscheleinen

Wie bitte?

Gerd Dudenhöffer: Ja, die sind quer durch mein Arbeitszimmer gespannt. Daran häng’ ich die neuen Ideen und Dialoge auf, geh’ immer wieder dran vorbei, lese sie jedes mal und selektiere irgendwann: „Das ist toll, das bleibt, das ist nicht so toll, weg damit“. Diese Methode hat sich bewährt.

Mit jedem Programm gastierten Sie in 70 oder 80 Orten quer durch die Republik. Haben sich da inzwischen Heinz-Becker-Hochburgen entwickelt?

Gerd Dudenhöffer: Nein, den mögen sie überall. Aber ich finde, das beste Kabarett-Publikum gibt’s im Osten. Da hören die Leute extrem genau hin, was du sagst. Sie achten auf jedes Wort! Naja, darin sind sie geschult, das haben sie in den 40 Jahren DDR auch tun müssen, wenn sie ins Kabarett gegangen sind und da gewisse Dinge in den Texten versteckt waren.

Wie schaffen Sie es, selbst in den abgefahrensten Momenten todernst zu bleiben, starr geradeaus zu schauen?

Gerd Dudenhöffer (schmunzelt): Ich bleibe halt stur, so wie der Heinz auch. Dem ist ja nicht klar, was er da für dummes Zeug schwätzt. Ich muss aber gestehen: bei mancher Pointe zwickt es mich schon, zu lachen. Da muss ich mich beherrschen. Ansonsten hilft mir beim Ungerührt-Geradeaus-Gucken mein „Bremslicht“.

Ihr was?

Gerd Dudenhöffer: So nenne ich die rote LED-Lampe, die ich auf Tour immer im Gepäck habe und die der Techniker hinten im Saal anschließt. Auf dieses Licht schaue ich, das ist mein Fixpunkt. Daher immer mein starrer Blick.

Ihr Heinz Becker ist sicher einzigartig – aber: Haben Sie als Kabarettist oder Komödiant Vorbilder?

Gerd Dudenhöffer: Nicht direkt, aber ich finde Karl Valentin und Heinz Erhardt großartig, auch Peter Frankenfeld. Ich bin mit den Schallplatten von Valentin und Erhardt aufgewachsen, die meine Eltern laufen ließen. Was uns verbindet: Auch diese Künstler hatten ihre große Freude daran, auf die Silbe genau pointierte Texte zu fabrizieren. Das ist manchmal harte Arbeit. Auch ich arbeite akribisch an meinen Texten, manchmal eine halbe Ewigkeit an einem Satz. So lange, bis er perfekt ist und „trifft“. Vorher bin ich nicht zufrieden.

Und heutige Comedians, schauen Sie sich die an?

Gerd Dudenhöffer: Ja, wenn ich Zeit dazu habe. Aber da ragt für mich nicht wirklich jemand heraus. Ich frage mich oft: „Haben die alle den gleichen Coach?“ Die bewegen sich alle gleich, haben die gleiche Gestik, Mimik. Mir fehlt bei den meisten das Eigenständige.

Wie lange wird’s Heinz Becker noch geben?

Gerd Dudenhöffer: Solange die Leute – und ich – Spaß dran haben.

Gerd Dudenhöffer alias Heinz Becker gastiert am Freitag, 21. Oktober, um 20 Uhr in der Schloßfeldhalle Großweier mit seinem aktuellen Programm „Vita. Chronik eines Stillstandes“. Karten für die „gong“-Veranstaltung gibt es in der Buchhandlung Büchermehr und in Klebers Buchhandlung am Rathaus, in der Achern-Schwarzwald-Information, im Rathaus Illenau (Fachgebiet Kultur) sowie in den Geschäftsstellen des ABB in Achern und Bühl.