Nun stellte sich heraus, dass in zwei Fällen eine Behelfsregel bei den Rettern angewandt worden sein soll. Nicht nur bei den Helfern draußen, sondern auch auf der Leitstelle steigt das Arbeitspensum.
Nun stellte sich heraus, dass in zwei Fällen eine Behelfsregel bei den Rettern angewandt worden sein soll. Nicht nur bei den Helfern draußen, sondern auch auf der Leitstelle steigt das Arbeitspensum. | Foto: dpa

Rettungsdienst im Landkreis

„Besser helfen als gar nichts tun“

Das System Rettungsdienst im Landkreis Karlsruhe hat einige Baustellen. Eine davon ist unter anderem die grassierende Personalnot. Wegen des Personalmangels und um die Versorgung zu gewährleisten, wurde vom DRK-Kreisverband Karlsruhe eine Notfallregelung ins Spiel gebracht, die anstatt eines Rettungssanitäters und eines Rettungsassistenten zwei Rettungssanitäter als Besatzung eines Rettungswagens vorsieht (wir berichteten).

Keine Ausnahmeregelung im Rettungsdienstgesetz

„Das Rettungsdienstgesetz in Baden-Württemberg sieht keine Ausnahmeregelung vor“, sagt der stellvertretende Pressesprecher des Innenministeriums in Stuttgart, Carsten Dehner. Nach einer Aufforderung des Innenministeriums, eine Abweichung der im Rettungsdienstgesetz vorgeschriebenen Besatzung zu unterlassen, habe man von der Notfallregelung Abstand genommen, sagte DRK-Kreisgeschäftsführer Jörg Biermann gegenüber den BNN, als er zu diesem Thema befragt wurde. Diese habe auch keine Anwendung gefunden. Die Retter hätten auch nicht in eine Haftungsfalle treten wollen.
Dieser Zeitung liegen allerdings nun Informationen vor, die besagen, dass Anfang Oktober in einer Wache im Landkreis diese Notfallregelung in Kraft getreten sei. Darauf angesprochen erklärte Jörg Biermann gestern, dass es sich um einen sogenannten Notbehelf gehandelt habe. Auf Nachfrage habe er erst jetzt erfahren, dass zwei derartige Einsätze im Einsatzleitplan hinterlegt gewesen seien. Man sei bislang davon ausgegangen, dass die Notfallregelung nicht angewandt worden sei. So seien zwei Rettungssanitäter zu einem Brandeinsatz in den Bruchsaler Stadtteil Büchenau als Ersthelfer geschickt worden. Auch zu einer Schlägerei in Karlsruhe, seien zwei Rettungssanitäter in einem Rettungswagen ausgerückt. Einmal sei ein Notarztfahrzeug nachgefordert worden, das andere Mal nicht. Sei ein Notarzt dabei, könne er Patienten im Rettungswagen versorgen, so Biermann. Auch sei niemand mit dem Rettungswagen transportiert worden.
Die Frage, ob dieser Notbehelf vom Rettungsdienstgesetz gedeckt sei, beantwortet Biermann mit „Nein“. Laut Informationen der BNN sollen auch Schichten im August mit dieser Notfallregelung besetzt worden sein.  Eine Beantwortung dieser Frage war dem DRK gestern bis Redaktionsschluss nicht möglich.

Helfer suchen Personal

Die Personalsituation sei überall sehr angespannt. Man sei der Meinung gewesen, zu helfen sei besser als gar nichts zu tun. Wäre Not am Mann gewesen, hätte man einen Notarzt „nachziehen“ können. Im Stadt- und Landkreis Karlsruhe sei dieser innerhalb von fünf bis zehn Minuten am Einsatzort.
Aber nicht nur bei den Helfern draußen, sondern auch bei den Mitarbeitern auf der Leitstelle steigt das Arbeitspensum. Dort ist nach Angaben des Kreisgeschäftsführers die Arbeit „bis ins Unerträgliche gestiegen“ – daher sei es gut, dass eine Neubewertung stattgefunden habe. Die neue integrierte Leitstelle, die in Karlsruhe gebaut wird, sei personell deutlich besser ausgestattet, so Biermann.
Ein weiterer kritischer Punkt ist die Eintreffzeit der Helfer. „Wir haben gerissene Hilfsfristen in 24 von 34 Rettungsdienstbereichen in Baden-Württemberg“, sagt ProMedic-Chef Andreas Wolf. In ganz Baden-Württemberg gebe es nur drei private Hilfsdienste, die im Rettungsdienstwesen unterwegs sind. Diese genießen nach der Novelle des Rettungsdienstgesetzes im Jahr 2010 Bestandsschutz. Wer als Privatmann in den Dienst einsteigen wolle, dürfe nur Krankentransporte fahren. Wäre eine Alternative, das Rettungsdienstwesen für private Anbieter zu öffnen?
Mit der Novelle des Rettungsdienstgesetzes wurde die Trägerschaft über den Rettungsdienst an die Hilfsorganisationen übertragen. Das Land habe mit den Helfern einen Rahmenvertrag geschlossen. Eine Änderung des Rettungswesens sei nicht angedacht. „Wir wollen die bewährte Struktur des Rettungsdienstes weiter bestehen lassen“, sagt Ministeriumssprecher Dehner.