Da zückte mancher den Notizblock, als Thorsten Reichle vom Reisezentrum Rastatt mehrere Gruppen in die Geheimnisse des Fahrkartenautomaten am Bahnhof Gaggenau einweihte.
Da zückte mancher den Notizblock, als Thorsten Reichle vom Reisezentrum Rastatt mehrere Gruppen in die Geheimnisse des Fahrkartenautomaten am Bahnhof Gaggenau einweihte. | Foto: Hensen

Lehrstunde am Bahnhof Gaggenau

Fahrkartenautomat ist für viele ein rotes Tuch

Gaggenau. Fahrkartenautomaten – für viele Reisende sind sie lästiges Übel auf dem Weg zu ihrem Ziel, für manche ÖPNV-Nutzer gar ein rotes Tuch. Gerrit Große geht sogar noch einen Schritt weiter: „Viele ältere Menschen haben Angst vor dem Automaten, weil sie nicht wissen, was sie drücken sollen und befürchten, andere Leute aufzuhalten.“ Der ehemalige Bürgermeister und amtierende Vorsitzende des Seniorenbeirats Gaggenau hat deshalb zusammen mit Manfred Vogt vom Arbeitskreis Tourismus zu einer Erklärungsstunde am Bahnhof Gaggenau geladen.
Der Bedarf ist offenbar da: Weil die Nachfrage so groß war, haben die Veranstalter statt der geplanten drei Durchgänge – jeweils zur vollen Stunde – noch einen vierten angehängt. Eine Gruppe besteht aus zehn Personen. Die Nachfrage hat unsere Erwartungen übertroffen“, freut sich Manfred Vogt. Dabei verfolgen die beiden ein klares Ziel. Mit der Aktion wollen sie die Stadt dazu bringen, wieder eine personell besetzte Infostelle einzurichten, an der ein Ansprechpartner Tickets verkauft und Kundenfragen beantwortet. „Es gibt einfach keine Möglichkeit mehr, KVV-Tickets am Bahnhof am Schalter zu kaufen“, bedauert Vogt, der für eine entsprechende Einrichtung in der Bahnhofsvorhalle, der Touristinfo oder dem Bürgersaal plädiert. „Das ist eine echte Schwachstelle in Gaggenau“, sagt er und erinnert: „In anderen Städten ist das ganz normal.“

Seniorenrat fordert Ticket-Schalter

Auch der damalige Bürgermeister Grosse muss schon weit zurückdenken, wenn er vom einstigen Fahrkartenverkauf erzählt: Der war vor mehr als zehn Jahren noch im alten Bahnhofsgebäude, dort, wo sich heute die Bäckerei Armbruster befindet. Dass man sich in Gaggenau seit mehr als zehn Jahren mit einem Automaten begnügt, hält auch Grosse für ein Versäumnis. Deshalb sei er bereits mit der Stadtverwaltung im Gespräch. Hilfreich wäre auch ein großer Fahrplan mit einem Überblick über die Waben neben dem Automaten, empfiehlt die stellvertretende Vorsitzende des Seniorenbrats, Angelika Bleich.
Wie schwierig für viele Kunden der Umgang mit dem Gerät ist, verdeutlichen die zahlreichen Fragen, die Thorsten Reichle vom Reisezentrum der Deutschen Bahn Rastatt in jeder der vier Gruppenkurse zu beantworten hat: Wo finde ich die Zusatztickets? Was gebe ich ein, um nach Freiburg zu kommen? Wo ist der Unterschied zwischen Regio und RegioX-Ticket? Am Bildschirm erklärt der Experte alle Fragen geduldig, mancher Zuhörer schreibt gleich mit und erfährt auch Unerwartetes: So hat man trotz Vorreservierung kein Anrecht darauf, sein Fahrrad mit in den Zug zu nehmen: „Wenn kein Platz da ist, geht es nicht. Behinderte oder Kinderwagen haben Vorrang“, erklärt Reichle.
Maria Hahn macht am liebsten einen großen Bogen um die Automaten: „Du musst so viel machen, um an ein Ticket zu kommen. Das geht nicht in meinen Kopf“. Deshalb kauft die 73-Jährige ihre Fahrkarten meist da, wo es noch geht, etwa in Bäckerei Pfistner in Ottenau. Auch Bärbel Brückel hat so ihre liebe Mühe mit den rot-blauen Kästen. „Selbst das Drücken der Tasten fällt vielen schwer, wenn sie kein Handy oder Computer haben“, sagt sie und fügt an: „Es ist schon sehr verwirrend.“