Die Bebauung weiter Teile des Hertweck-Geländes an der Ecke Ebertstraße in Gaggenau stößt bei den Nachbarn auf Ablehnung. Das Architekturbüro Kohlbecker hat jetzt bei der Stadt Widerspruch gegen die Baugenehmigung eingelegt.
Die Bebauung weiter Teile des Hertweck-Geländes an der Ecke Ebertstraße in Gaggenau stößt bei den Nachbarn auf Ablehnung. Das Architekturbüro Kohlbecker hat jetzt bei der Stadt Widerspruch gegen die Baugenehmigung eingelegt. | Foto: Mandic

Architekturbüro kontra Stadt

„Gebäude passen nicht zum Umfeld“

Seit Anfang September läuft in Gaggenau der sogenannte Katalogverkauf für neue Mietswohnungen auf dem Gelände der Gärtnerei Hertweck, die weite Flächen an die Bauträger GmbH Konzok verkauft hat. Jetzt ist Sand in das Getriebe der Wohnbebauung gekommen: Die benachbarte Architektursozietät Kohlbecker hat offiziell Widerspruch gegen die Genehmigung der Stadt für dieses Bauprojekt eingelegt. Wie das Rathaus damit umgeht, ist noch nicht klar, jedenfalls seien vorausgegangene Gespräche Kohlbecker/Verwaltung „gescheitert“, wie die Brüder Mathias und Florian Kohlbecker im Gespräch mit den BNN erklärten.

Gültiger Bebauungsplan fehlt

Architekten wie auch Stadtverwaltung beziehen sich auf den Paragrafen 34 des Bundesbaugesetzes, der einerseits Bautätigkeiten im Innenbereich von Städten zulässt, andererseits aber verlangt, dass sich die Bebauung nicht sonderlich von der Umgebung absetzen darf. Dies gilt vor allem in Gaggenau für den „unbeplanten Innenbereich“, denn ein gültiger Bebauungsplan für dieses und noch viel mehr Gelände der Innenstadt existiert nicht.

Dass sich „Art und Maß der baulichen Nutzung, Bauweite und Grundstücksfläche, die überbaut werden soll, in die Eigenart der näheren Umgebung einfügt“, heißt: Wird nach Paragraf 34 BauGB gebaut, dann müssen sich die Neubauten an die bereits bestehende Umgebung anpassen.
Dies ist nach Meinung von Florian und Mathias Kohlbecker nicht der Fall, daher der Widerspruch gegen den Verwaltungsakt der Baugenehmigung (auf Grundlage eines Gemeinderatsbeschlusses). Wie sich die Kommune zu dem Widerspruch verhält, ist noch unklar. Entsprechende Anfragen der BNN-Redaktion blieben zunächst unbeantwortet.

Ob Kohlbecker im Fall einer (voraussichtlichen) Ablehnung des Widerspruchs vor Gericht zieht, ist ebenfalls noch nicht bekannt. Jedenfalls wird die Bebauung durch den bloßen Widerstand der Nachbarn Kohlbecker nicht verhindert, es sei denn ein „Antrag auf Anordnung“ nach Paragraf 80,5 der Verwaltungsgerichtsordnung „geht durch“ und stoppt den Bau. Damit ist allerdings nichts über den Ausgang eines Gerichtsverfahrens gesagt. Abgesehen von der Bebauung des Hertweck-Geländes üben die beiden Kohlbeckers im Verein mit ihrem Fachkollegen Urban Knapp (Baden-Baden), Vorstandsmitglied des Bundes Deutscher Architekten (BDA), deutliche Kritik an der Gaggenauer Stadtplanung seit dem Wegzug der Holzwerke Rahner aus der Innenstadt.

Kritik: „Roter Faden fehlt“

Mangels gültiger Bebauungspläne gebe es keinen „roten Faden“ für die bauliche Gestaltung der Innenstadt. Es dominierten jeweils mehrstöckige rechteckige Mietshäuser mit Penthouse. Von Rücksicht auf Umgebungsbebauung, wie im Paragrafen 34 gefordert, könne keine Rede sein, ebenso nicht von einer Rücksicht auf soziales Zusammenleben der Bevölkerung. Frischluftzufuhr oder die Verschattung von Flächen in Wohngebieten spielten ebenso keine Rolle. Auch die Verkehrsführung habe schwere Mängel, beispielsweise die Einführung von Schleichverkehr in Wohngebieten. Die Bezeichnung „Stadtvilla“ für die eckigen Neubauten in der Innenstadt nannte Urban Knapp vom BDA „degenerativ“.

Laut den Architekten Kohlbecker und Knapp sei jetzt ein „Gestaltungsrat“ zur weiteren Entwicklung der Stadt dringend nötig, weil eine Strategie der Verwaltung bis etwa 2030 nicht vorhanden sei. Der Bund Deutscher Architekten werde sich gern an einem Gestaltungsrat beteiligen, hieß es im Gespräch mit den BNN.