Gemeinsam kochen und essen: Beim ungezwungenen Treffen von Einheimischen und Flüchtlingsfrauen lassen sich nebenbei viele Anliegen klären.
Gemeinsam kochen und essen: Beim ungezwungenen Treffen von Einheimischen und Flüchtlingsfrauen lassen sich nebenbei viele Anliegen klären. | Foto: Ottmüller

In Gaggenau

„Kochen über den Tellerrand“

Von Beatrix Ottmüller

„Was gibt’s denn heute?“ In der kleinen Küche wird gewerkelt, im Vorraum geschnippelt und Salat geputzt. Alle packen mit an, und die Gespräche drehen sich ums Kochen, um die Kinder und um das Leben in Deutschland. Heute gibt es ausnahmsweise einmal ein deutsches Gericht und die Frauen, die aus Syrien, Iran, Irak, dem Kosovo und aus Afrika kommen, sind gespannt, was ihre deutschen Bekannten aus dem Teig fertigen werden.

Zum Auftakt gibt es Zwiebelkuchen, der bei allen gut ankommt. Dann entstehen selbst gemachte Spätzle, die als Käsepätzle mit Salat serviert werden. Gespeist wird an Festzeltgarnituren, damit auch alle Platz finden, denn mitunter sind 20 bis 40 Frauen montagsabends im Jugend- und Familienzentrum („JuFaZ“) zugegen und kochen gemeinsam Gerichte aus aller Herren Länder. Meist bringen die Frauen, die als Flüchtlinge nach Gaggenau gekommen sind und zu Anfang in der Gemeinschaftsunterkunft im „Ochsen“ in Bad Rotenfels leben, die Zutaten mit und zeigen den Gaggenauer Frauen, was man in ihrer Heimat kocht und wie es zubereitet wird.

Abwechslung vom Alltag in der Unterkunft

„Kochen über den Tellerrand“ nennt sich das Projekt, das von Eva Rigsinger ins Leben gerufen wurde und sich inzwischen großer Beliebtheit erfreut. „Beim gemeinsamen Kochen kommt man sich ungezwungen näher“, findet Eva Rigsinger, die das Projekt im Dezember 2015 ins Leben rief, im BNN-Gespräch.
Die Idee war, den Frauen eine Abwechslung vom Alltag in der Gemeinschaftsunterkunft anzubieten und einen Ort ohne Männer und Kinder anzubieten, an dem sie soziale Kontakte pflegen und über ihre Probleme reden können. Zudem sollten mehr ehrenamtliche Helferinnen aus Gaggenau gewonnen werden, die sich in der Flüchtlingsarbeit engagieren, beim Ankommen an der Murg helfen und mit Rat und Tat zur Seite stehen können.

Das Interesse am Kochen und der damit verbundene kulturelle Austausch hat die Frauen zusammengeführt, nun planen sie, die vielen Rezepte aufzuschreiben und ein gemeinsames Kochbuch herzustellen, das sowohl auf Deutsch als auch auf Arabisch geschrieben sein wird. Eine der syrischen Frauen, die regelmäßig mitkochen, ist Hanan Al Halabi, die seit 14 Monaten in Deutschland lebt. Die 29-jährige ist mit ihren drei Kindern nach Deutschland geflüchtet, ihr Mann kam später nach. Inzwischen ist die Familie aus der Gemeinschaftsunterkunft ausgezogen und lebt in einer Wohnung in Gaggenau. Hanan Al Halabi genießt es, ihre neuen Freunde beim Kochen zu treffen, dann fühlt sie sich nicht so alleine. Hier kann sie auch ungezwungen Fragen zum Alltag stellen und bekommt von den deutschen Frauen Hilfe, wenn Behördengänge anstehen oder sie zum Arzt muss.

Von Frau zu Frau redet es sich leichter

„Viele Alltagsdinge sind für die geflüchteten Frauen neu und bereiten Probleme. Hier können die Gaggenauerinnen ungezwungen helfen. Wir haben inzwischen ein Vertrauensverhältnis aufgebaut, das es ermöglicht, auch delikate Fragen zu stellen.“ Von Frau zu Frau redet es sich leichter und auch familiäre Probleme werden über den Kochtopf angesprochen.

Als besonders einprägsames und tolles Erlebnis empfanden die Frauen das gemeinsame Frauenwochenende im Oktober auf der Darmstädter Hütte im Schwarzwald. Auch Hanan erzählt im Gespräch sofort von ihren Eindrücken. „Die Frauen kommen kaum aus ihrer Unterkunft heraus, und wir wollten ihnen einfach einmal den Schwarzwald zeigen“, erläutert Eva Rigsinger den Ausflug, dem noch weitere folgen sollen.

Stand beim Adventsmarkt geplant

Zu den Aktivitäten der Gruppe gehört ein Stand auf dem Gaggenauer Adventsmarkt, wo sie typische Speisen aus ihrer Heimat anbieten wollen. „Wir hatten einen Stand beim Fest der Kulturen und es hat den Frauen so viel Spaß gemacht, sich einmal in der Öffentlichkeit zu zeigen, dass sie das unbedingt wieder machen wollten“, so Eva Rigsinger. Was noch fehle, sei ein Angebot für einen Männertreff, doch sei sie bereits dabei, Gaggenauer Männer zu mobilisieren. Als Synergieeffekt stelle man fest, dass sich immer mehr Flüchtlingskinder an den Angeboten des Familienzentrums „Jufaz“ beteiligen.