Als Bewährungshelfer begleitet Joachim Groß zusammen mit zwei Kollegen derzeit rund 100 Straffällige im Raum Achern. Damit er bei Hausbesuchen nicht als Bewährungshelfer erkannt wird, zeigt er nicht sein Gesicht.
Als Bewährungshelfer begleitet Joachim Groß zusammen mit zwei Kollegen derzeit rund 100 Straffällige im Raum Achern. Damit er bei Hausbesuchen nicht als Bewährungshelfer erkannt wird, zeigt er nicht sein Gesicht. | Foto: Michaela Gabriel

Bewährungshelfer in Achern

Hilfe zur Selbsthilfe für Straftäter

Von Michaela Gabriel
„Es ist einer der schönsten Berufe, die ich mir vorstellen kann“, sagt Joachim Groß, der seit 38 Jahren als Bewährungshelfer arbeitet. Zusammen mit zwei weiteren Sozialarbeitern betreut der 63-Jährige in Achern rund 100 Straffällige aus der Hornisgrindestadt und den umliegenden Gemeinden. Obwohl es „Zwangsbeziehungen“ sind, die er zu Betrügern, Dieben und Gewalttätern unterhält, ist ihm mancher dennoch für seine Hilfe zur Selbsthilfe dankbar. „Einer meiner Probanden aus den 80er Jahren schreibt mir jedes Jahr eine Karte. Er hat es geschafft, nach der Bewährungszeit ein straffreies Leben zu führen und sagt, ich sei der einzige gewesen, der damals zu ihm gehalten hat.“

Nur wenige Klienten sind Frauen

Alles beginnt mit einem Gerichtsurteil, in das der Richter Auflagen und Weisungen schreibt. Wenn eine Strafe zur Bewährung ausgesetzt wird, kann der Verurteilte dazu verpflichtet werden, Kontakt zu einem Bewährungshelfer aufzunehmen und sich regelmäßig bei ihm zu melden. Dieser leistet dann einen Spagat: Er hilft und betreut den Verurteilten und überwacht gleichzeitig, dass er alle Auflagen einhält.
Pro Vormittag oder Nachmittag spricht Joachim Groß in seinem Büro Im Häußlersfeld in Achern mit drei bis fünf Klienten. Nur zehn bis 15 Prozent seien Frauen, die meist wegen Verkehrs-, Betrugs- oder Alkoholdelikten verurteilt wurden. Alle anderen Straftaten seien männlich besetzt. Im Laufe seines fast 40-jährigen Berufslebens, in dem er überwiegend in Baden-Baden tätig war, habe er auch mit etwa zehn Mördern zu tun gehabt, die nach ihrer Haft zu betreuen waren. „Soweit ich weiß, ist keiner von ihnen rückfällig geworden.“

Manche halten sich selbst für das Opfer

Die konkrete Straftat anzusprechen, sei seine Pflicht, erklärt der erfahrene Sozialarbeiter: „Nur wer kapiert hat, warum es passiert ist, kann vermeiden, dass es wieder passiert.“ Nicht jeder sei dafür empfänglich: „Es gibt Probanden, die sagen, sie seien es gar nicht gewesen und hartnäckig dabei bleiben.“ Manche hielten sich auch selbst für das Opfer. Die meisten jedoch seien nach anfänglicher Skepsis bereit, über ihre Situation zu sprechen. Und häufig zeige sich, dass sie psychisch krank sind oder eine Suchterkrankungen haben, dass sie wohnungslos oder von Obdachlosigkeit bedroht sind. Sucht und Kriminalität gingen oft miteinander einher.

„Ich nehme jeden an – mit allen Facetten“

Woran misst ein Bewährungshelfer seinen Erfolg? „Erfolg ist, wenn man das Vertrauen eines Menschen gewinnt, wenn er zur Drogenberatung geht, nicht mehr säuft oder einen Job findet“, sagt Joachim Groß. Aber auch die kleinen Fortschritte seien wichtig, etwa wenn jemand lerne, einen Überweisungsträger auszufüllen und eine Rechnung ordentlich zu bezahlen. 75 bis 80 Prozent der Straftäter, überstünden ihre Bewährungszeit, ohne wieder straffällig zu werden. Einer seiner Klienten ist die unrühmliche Ausnahme: „Er ist Mitte 60 und ich sehe ihn seit Jahrzehnten immer wieder. Sein halbes Leben hat er im Knast verbracht.“
Joachim Groß gelingt es, in jedem Mensch Stärken zu erkennen. „Ich habe kein Verständnis für die Straftat, aber ich nehme jeden an – mit allen Facetten.“ Außerdem liebt er die vielseitige Zusammenarbeit mit Richtern und Rechtsanwälten, mit Beratungsstellen, Ärzten und anderen Anlaufstellen, an die er seine Klienten verweist. Wer die Zusammenarbeit mit ihm völlig verweigere, dem lese der Richter die Leviten. Doch das komme eher selten vor.

2007 übertrug die CDU/FDP-Landesregierung nach einer europaweiten Ausschreibung die Aufgaben der Bewährungs- und Gerichtshilfe an die gemeinnützige Neustart GmbH. Die grün-rote Landesregierung beschloss nach einem Urteil des Bundesverwaltungsgericht 2014, diese Aufgaben nach der vereinbarten Laufzeit von zehn Jahren zum 31. Dezember 2016 wieder dem Justizministerium zu unterstellen.
Laut Volkmar Körner, Geschäftsführer bei Neustart in Stuttgart, will die zukünftige Landesanstalt „im wesentlichen auf der Qualitätsbasis des freien Trägers weiterarbeiten.“ Für den in Baden-Baden und Achern tätigen Bewährungshelfer Joachim Groß wirkte die veränderte Trägerschaft sich so aus, dass er statt vorher rund 90 Straffällige nur noch etwa 60 gleichzeitig zu betreuen hat. Gleichzeitig wurde eine umfassende Dokumentationspflicht und ein Qualitätsmanagement eingeführt. Leichtere Fälle werden von ehrenamtlichen Bewährungshelfern übernommen. Aus der Sicht des „alten Hasen“ hat sich die Bewährungshilfe durch die Privatisierung nicht verbessert. „Die Arbeit mit den Probanden lief weiter, nur dass wir jetzt jede Menge Klicks am Computer machen müssen.“ Die Kreativität des Einzelnen und die Arbeit in Gremien und Gewerkschaften sei dagegen zu kurz gekommen. Deshalb sei er froh, dass die Zuständigkeit zum Jahresanfang 2017 wieder wechsle. Er hoffe auf schlankere Führungsstrukturen und mehr Mitspracherecht bei den neuen Qualitätsstandards.