Freundliche, bisweilen fast schüchterne Tiere sind die Pelikane. Etwa 25 gibt es derzeit im Karlsruher Zoo.
Freundliche, bisweilen fast schüchterne Tiere sind die Pelikane. Etwa 25 gibt es derzeit im Karlsruher Zoo. | Foto: Jock

Verschwinden die Vögel?

Pelikane – Watschelndes Geschwader im Karlsruher Zoo

Die Pelikane gehören zum Karlsruher Zoo wie die Elefanten, die Pinguine oder die Eisbären. „Sie waren eigentlich schon immer da“, sagt Volker Rapp. „Zumindest, solange ich hier arbeite.“

Der Tierpfleger fing 1978 als Lehrling im Zoo an, seit zwei Jahren ist er unter anderem auch fürs Geflügel zuständig. „Pelikane sind eher vorsichtig und ängstlich“, sagt er. Und sie bewegen sich gerne in Gruppen. Eben watschelten sie noch gemeinsam auf der Wiese umher, danach lustwandelten sie ein wenig am Ufer des Sees entlang, um sich dann ins Wasser zu stürzen – als wahres Pelikangeschwader. Und zwischendurch kann es sogar mal passieren, dass sie sich Zoobesuchern, die auf Bänken sitzen, nähern und diese ganz, ganz sanft und spielerisch mit ihrem großen Schnabel in den Arm zwicken, ohne dabei jemandem wehzutun.

Die Pelikane wissen genau, wann es Futter gibt

Punkt 14 Uhr beginnen mitten auf dem See die Fontänen zu sprühen – untermalt von Klängen der Fledermaus-Ouvertüre von Johanns Strauss. Schon wenige Sekunden zuvor haben sich die Pelikane an ihrem (noch relativ neuen) Futterplatz direkt bei der Seebühne versammelt. „Die wissen ganz genau, dass wir um diese Zeit kommen“, sagt Volker Rapp. Dann greift er in seinen Eimer und wirft einen Fisch nach dem andern in die Menge. Wer einen erwischt hat, stellt sich brav wieder hinten an.

Kommt ein Komoran in den Zoo…

Pelikane sind freundliche Tiere. Ärger gibt’s bei der Fütterung nur, wenn sich ein paar „auswärtige“ Kormorane in die Menge mischen. „Die sind war kleiner als unsere Pelikane, schüchtern sie aber trotzdem ein.“ Eine Hierarchie gibt es nicht unter den Pelikanen, aber eine Gruppendynamik. „Wenn einer mal in Panik gerät und wegrennt, dann rennen alle anderen mit“, sagt Rapp.

Wegfliegen können die Pelikane nicht

Weggeflogen ist allerdings noch nie einer. Die Pelikane können nämlich gar nicht fliegen, denn traditionell wurden sie auch in Karlsruhe direkt nach dem Schlüpfen durch Kupieren, das heißt Abtrennen der einen Flügelspitze oder durch einseitiges Stutzen der Armschwingen, am Fliegen gehindert. Die Vögel wurden so zu Fußgängern, die in Freigehegen anstatt in Volieren gehalten werden konnten. Dies hatte mehrere Vorteile: Zum einen konnten sie nicht abhauen, zum anderen war der Bau einer oben offenen Anlage natürlich billiger als der einer Voliere.

Das Beschneiden von Vogelflügeln in zoologischen Einrichtungen verstößt gegen das Tierschutzgesetz

Damit ist es nun allerdings vorbei. Denn in einer gesetzlichen Konkretisierung hat die Bundesregierung vor einem Jahr unmissverständlich klar gemacht: „Das Beschneiden von Vogelflügeln in zoologischen Einrichtungen verstößt gegen das Tierschutzgesetz.“ So heißt es in einer Antwort der Regierung auf eine kleine Anfrage der Linksfraktion. Damit wurde eine rechtliche Grauzone bereinigt.

Das Kupierverbot hat Folgen

Das bedeutet aber: In Zukunft wird man auch in Karlsruhe bei den Pelikanen und beim anderen Geflügel zunächst einmal auf Nachwuchs verzichten.

Wir lassen sie einfach nicht mehr ausbrüten.

Dennoch werden die Pelikane noch nicht so schnell von der Bildfläche verschwinden, wie Zoodirektor Matthias Reinschmidt dem SONNTAG bestätigt: „Die werden 30 bis 40 Jahre alt, viele sind ja noch ganz jung.“ Dennoch: Irgendwann wird sich der Bestand zwangsläufig verringern. „Wir respektieren selbstverständlich das Gesetz und werden keine Vögel mehr kupieren“, sagt Reinschmidt. Mehr noch: „Wir lassen sie einfach nicht mehr ausbrüten.“

Matthias Reinschmidt, der Zoodirektor von Karlsruhe.
Matthias Reinschmidt, der Zoodirektor von Karlsruhe. | Foto: dpa/Uli Deck

Die Eier werden beseitigt

Das bedeutet: Jedes Ei, das gelegt wird, wird von den Tierpflegern beseitigt. „Wie sich das in den nächsten Jahren weiter entwickeln wird, wissen wir im Moment noch nicht“, gibt der Zoo-Direktor ganz offen zu. „Von Seiten des Gesetzgebers wurde uns noch keine Lösung angeboten.“

Ein Pelikan fliegt nur, wenn er muss.

Allerdings hat Reinschmidt natürlich schon gewisse Vorstellungen, was man tun könnte. „Wir könnten zum Beispiel eine Fläche beim Affensee übernetzen. Da entstünden dann sehr große, begehbare Volieren.“ Hier könnten sich auch Pelikane aufhalten, die flugfähig sind. Und: Ob sie überhaupt fliegen würden, wenn sie es denn könnten, davon ist Tierpfleger Volker Rapp gar nicht mal überzeugt. „Ein Pelikan fliegt nur, wenn er muss. Das kostet ihn viel Energie und Kraft, es ist ein Zwang für ihn. Ich denke deshalb gar nicht, dass die Pelikane das Fliegen groß vermissen.“

Den Zoo-Besuchern in Karlsruhe würden die Vögel fehlen

Einer Zoo-Besucherin, die sich immer wieder gerne die Fütterung der Pelikane anschaut, würden die Tiere sehr fehlen, wären sie mal nicht mehr da. „Ich wäre sehr traurig, wenn man sie nicht mehr halten könnte“, sagt sie. „Keine Sorge“, sagt Direktor Reinschmidt. „Die werden uns noch viele Jahrzehnte erhalten bleiben.“

Und wie man den pfiffigen Zoo-Direktor kennt, wird ihm bis dahin ganz bestimmt eine Lösung eingefallen sein, die den Gesetzgeber, alle Tierschützer und sämtliche Zoofreunde gleichermaßen zufriedenstellt.

Das Kupierverbot für Vögel betrifft alle Zoos in Deutschland. Nach den Worten des Kölner Zoo-Direktors Theo Pagel, der seit Juni 2013 auch Präsident des Verbands der Zoologischen Gärten (VdZ) ist, war Kupieren „früher die gängige Methode.“ Der Grund: „Wir waren und sind gesetzlich dazu verpflichtet, die Tiere nicht entkommen zu lassen – das Flugunfähigmachen ist bei Vögeln das sicherste Mittel überhaupt.“
Bei Tieren wie den Flamingos könne man eine Haltung in Volieren kaum verantworten, die Verletzungsgefahr sei schlicht zu groß. In Köln hat man, wie in Karlsruhe, die Nachzucht quasi eingestellt. Und wenn es doch Nachwuchs gibt, werden die Tiere abgegeben – an Zoos, die auch flugfähige Vögel halten können.
Oder man versucht es zumindest mit dem Schneiden der Federn. Dabei nimmt der Knochen keinen Schaden, allerdings hält das Ganze nicht allzu lange vor. Manche Zoos versuchen, mit hohen Hecken und ausgetüftelten Teichgestaltungen den Vögeln den nötigen Raum zum Abheben zu nehmen – dann können sie auch nicht wegfliegen.
Wie es weitergeht, weiß im Moment noch niemand. „Es stehen unterschiedliche Strategien im Raum,“ sagt der Karlsruher Direktor Matthias Reinschmidt. Und sein Kölner Kollege Pagel sagte in einem Interview mit dem „Kölner Stadtanzeiger“: „Wir wollen nicht per Gericht durchsetzen, dass man so agieren darf wie früher, sondern gehen vorsichtig auf Nummer sicher – die Zoos wollen eine fachlich fundierte Lösung.“

 

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Da schüttelt es den Pelikan...
Da schüttelt es den Pelikan… | Foto: Jock