Geballte Frauenpower: Lydia Seyfert und ihre Tochter Jutta sind bekannte Gesichter der Karlsruher Herbstmess
Geballte Frauenpower: Lydia Seyfert und ihre Tochter Jutta sind bekannte Gesichter der Karlsruher Herbstmess | Foto: Sandbiller

Menschen auf der Herbstmess

Die Schausteller-Dynastie Seyfert

Auf der Karlsruher Herbstmess begegnet man ganz unterschiedlichen Schaustellern. Viele von ihnen stammen aus alten Schausteller-Dynastien – wie beispielsweise Lydia Seyfert und ihre Tochter Jutta.

Seit über einem halben Jahrzehnt auf der Herbstmess

Generationen von Kindern und Erwachsenen griffen in ihre Lostöpfe und trugen stolz die gewonnenen Schmusetiere nach Hause. Über 50 Jahre lang stand Lydia Seyfert, die aus der alten Karlsruher Schausteller-Dynastie Seyfert/Ruhland stammt, mit ihrem Verlosungsstand „Bärenstark“ und einer Schießbude auf der Karlsruher Mess’. Vor einem Jahr verkaufte die 74-Jährige ihre beiden Geschäfte – „schweren Herzens“, wie sie zugibt. Viele Nächte lang rang sie mit sich, doch am Ende stand ihr Entschluss fest. „Es gab Leute, die Interesse hatten – und ich wusste, dass die Geschäfte in gute Hände kommen. Das war mir wichtig“, sagt sie.

Lydia Seyfert braucht die Mess wie Luft zum Atmen

Wer nun dachte, dass die Grande Dame der Karlsruher Mess’ nun einen großen Bogen um den blinkenden Jahrmarkt an der Durlacher Allee macht, der irrte sich. Man trifft sie immer noch auf dem Platz zwischen dem Riesenrad und der Geisterbahn. Sie kann es einfach nicht lassen. Lydia Seyfert braucht den Rummel wie die Luft zum Atmen.

Von Lehrerin zur Schaustellerin

Was tun als Rentnerin? Zu Hause sein und Strickzeug in die Hand nehmen oder Garten umgraben – „das ist nichts für mich“, sagt Lydia Seyfert und schüttel resolut den Kopf. Sie spielt lieber die „Feuerwehr“ und greift ihrer Tochter Jutta unter die Arme, die den Schaustellernamen Seyfert weiterhin auf der Mess’ vertritt. Dabei wollte Jutta Seyfert, die mit ihren beiden Brüdern auf dem Rummel groß wurde, zunächst gar nicht in die Fußstapfen ihrer Eltern treten. Sie machte Abitur und wollte studieren. Aus dem Schaustellerkind wurde eine Berufsschullehrerin. Nach einigen Jahren in der Schule, begann ihr das Mess’-Treiben plötzlich doch zu fehlen: „Das Lehrerdasein war nicht meine Erfüllung.“

Coktailstand als Neuheit

Ein traditionelles Geschäft wie Karussell, Losbude oder Schießstand wollte sie aber auch nicht. „Mir war von Anfang an klar, dass ich etwas Neues machen möchte, etwas das es auf der Mess’ in der Form noch nicht gab“, erinnert sich Jutta Seyfert. Sie wagte den Sprung ins Schaustellerleben mit Cocktails. Ende der 1980er Jahre startete sie mit einem Weinbrunnen, ging aber mit Bedacht vor, um die monatlichen finanziellen Belastungen überschaubar zu halten. „Hätte es nicht geklappt, wäre ich zurück an die Schule gegangen.“ Doch eine waschechte Seyfert versteht das Geschäft. Aus dem kleinen Weinbrunnen, der sich rasch zum beliebten Treffpunkt unter Mess’-Besuchern entwickelte, wurde eine große rollende Cocktailbar. „Als ich anfing, waren Cocktails noch etwas Besonderes. Es gab nur ein oder zwei Hotelbars, wo man für viel Geld Cocktails trinken konnte“, berichtet die 54-Jährige.

Im Sommer gibt es selbst angesetzte Erdbeer-Bowle

Mehr als 20 Mischgetränke hat Jutta Seyfert im Angebot. Beliebte Klassiker wie Piña Colada, Caipirinha oder Mojito stehen selbstverständlich auf der Karte, Jutta Seyfert probiert aber gerne auch mal etwas Neues aus und schaut, wie es beim Publikum ankommt. Während der Erdbeerzeit schenkt sie Erdbeer-Bowle aus, die sie selbst ansetzt und die inzwischen eine gewisse Berühmtheit genießt.

Auf die Herbstmess folgt der Christkindlesmarkt

Wenn am Montagabend nach dem Musikfeuerwerk die Lichter der Herbstmess’ für dieses Jahr endgültig erlöschen, ist für Jutta Seyfert die Schausteller-Saison aber noch lange nicht zu Ende. Dann kommt nämlich der Christkindlesmarkt, auf dem sie in ihrem Schwibbogen-Stand duftend-würzigen Glühwein und Vieles mehr ausschenkt. Tatkräftige Unterstützung erhält sie auch dort – wie auf der Mess’ – von ihrem Mann Dieter und Sohn Patrick. Der 23-Jährige hat es übrigens seiner Mama ein bisschen nachgemacht. Keine Lust auf Schaustellerleben, entschied er sich für eine Lehre zum Industriemechaniker. Nach erfolgreichem Abschluss holte er das Abitur nach und begann ein Studium. Dann aber kamen doch irgendwie die Schausteller-Gene durch. „Nach zwei Wochen Studium eröffnete er uns, dass er nun doch in das Geschäft einsteigen möchte“, erzählt Jutta Seyfert schmunzelnd.

Auch Patrick Seyfert hat das Schausteller-Gen

Auf dem Christkindlesmarkt kümmert sich Patrick nun um den Christbaumschmuckverkauf. Den hat er von Oma Lydia übernommen. Und die springt ihrem Enkel selbstverständlich helfend zur Seite. Das tut Lydia Seyfert auch bei ihrem jüngsten Sohn Jürgen (51), der ein nostalgisches Kinderkarussell betreibt sowie stellvertretender Vorsitzender des Karlsruher Schaustellerverbandes ist, und bei ihrem mittleren Sohn Thomas (53), der Tiroler Spezialitäten auf Wochenmärkten verkauft. „Wenn sie mich brauchen, bin ich da“, sagt Lydia Seyfert im Brustton der Überzeugung.

Hier erfahren Sie mehr zum Programm der Herbstmess.