Lindenallee
Lindenallee

Schöne Allee in Baden-Baden

Linden schützen die vornehme Blässe

„Von unserem Versteck konnten wir die Spaziergänger da drüben beobachten – die spätere Kaiserin Augusta ging jeden Morgen vorbei, und im Monat September erschien die hohe, achtungsgebietende Gestalt ihres Gemahls, des damaligen Königs von Preußen, späteren Kaiser Wilhelm I. ihr zur Seite“, schrieb Eugenie Schumann, die Tochter der Komponistin Clara Schumann in Bezug auf die 1860er-Jahre über ihren Aufenthalt in Baden-Baden.
„Die Lindenallee hier ab dem kleinen Hirtenhäuschen ist ebenfalls ein geschichtsträchtiger Ort“, weiß Gartenamtschef Markus Brunsing zu berichten. Noch liegt der süße betörende Duft der Lindenblüten in der Luft. „Der Lindenbaum wurde lange als bienenschädlich eingestuft, weil viele Bienen und Hummeln nach der Blüte tot auf dem Boden zu finden sind“, geht Denis Rinne, Sachgebietsleiter Bäume und Rosen, auf eine falsche Annahme ein. Die Insekten sterben nicht irrtümlicher Weise am Nektar der Blüten. „Es ist einfach der letzte Baum, der im Sommer blüht. Und da haben viele Bienen und Hummeln eben schon das Ende ihres Lebenszyklus erreicht“, stellt er fest.
Die Lindenallee ist eine jüngere Allee, die sich an den wesentlich älteren Baumbestand in Höhe der Tennisplätze ab dem Hirtenhäuschen anschließt. „Hier entlang der Klosterwiese konnte man sich in der Barockzeit beim Kutschenfahren zeigen und im Schatten der Bäume die vornehme Blässe behalten. Dieser Bereich der Allee wurde jedoch sehr spät angepflanzt, weil die Äbtissinnen des Klosters Lichtenthal viel Wert auf den Ertrag von der Wiese legten und Einbußen durch Schatten und Wurzeldruck befürchteten“, erklärt Brunsing. Die Wiese ist immer noch im Besitz des Klosters und die Stadt Baden-Baden pachtet seit den 70er-Jahren die Wiese vom Land Baden-Württemberg und dem Kloster, welches immer noch das Nutzrecht für den Flecken hat.
Der Abschnitt wurde 1839 durch den Großherzoglichen Gartendirektor Johann Michael Zeyher in einen Park umgestaltet, zunächst mit Ahornen und Pappeln. In den 20er-Jahren des vorigen Jahrhunderts wurden diese dann durch Linden ersetzt. „In diesen 90 Jahren sind die Bäume mächtig angewachsen. Hier zeigt sich der wohl schönste Abschnitt der Allee, wie sie sich elegant an der Klosterwiese entlangschlängelt. Und erst im Herbst, wenn das Laub sich färbt gibt es wunderschöne Fotomotive“, kommt der Gartenamtschef ins Schwärmen. „Auch diese Lindenbäume können sehr alt werden, bis zu 800 Jahre“, betont Denis Rinne.
1861 verbreitete sich eine Nachricht wie Donnerhall im Deutschen Reich: Auf den König wurde ein Attentat verübt. Am Morgen des 14. Juli 1861 feuerte der 24-jährige Student Oskar Becker zwei Kugeln auf König Wilhelm I. von Preußen, während dieser einen Spazierungang mit dem preußischen Gesandten Graf Flemmig durch die Lichtentaler Allee unternahm.
Eine Kugel verfehlte das Ziel völlig und schlug in einen benachbarten Baum – damals noch ein Ahorn – ein. Die zweite Kugel streifte den späteren deutschen Kaiser am Hals. Wilhelm I. rettete sich hinüber zum Hirtenhäuschen, das er zwei Jahre zuvor erworben hatte, und erhielt dort erste Hilfe von den herbeigeeilten Ärzten.
„Dann über Kloster Lichtenthal zurück: Lichtentaler Allee mit dem Baume, wo unser König 60 der Schuss am Kragen traf. Der Baum ist von verrückten Engländern fast ganz seiner Rinde beraubt“, schrieb wenige Jahre später im Jahr 1870 der Schriftsteller Detlef von Liliencron. Der Attentäter hielt nach eigenen Angaben den König für nicht geeignet, eine Einigung Deutschlands herbeizuführen und wollte mit dem Mord dessen Krönung im Oktober verhindern. König Wilhelm habe sich nach dem Attentat im Hirtenhäuschen ausgeruht. Nach der Erstversorgung machte er sich leicht verletzt auf den Weg ins Kloster Lichtenthal, um später den Rückweg an seinen Aufenthaltsort Maison Mesner anzutreten.
Wilhelms Ehefrau Augusta hat an Baden besonderen Gefallen gefunden und kam zweimal jährlich, häufig vom Gatten Wilhelm begleitet, zur Frühjahrs- und Herbstkur für je vier Wochen in die Stadt. Nach der Krönung zur deutschen Kaiserin ist ihr Aufenthalt ein starker Gewinn mit Ausstrahlung auf die Stadt und natürlich die Nobelherberge.
Das Königspaar konnte sich wohl nach den Ereignissen nicht mehr vom Hirtenhäuschen trennen und verzichtete auf die Umgestaltung des kleinen Anwesens.
Der Attentäter wurde zwei Monate später, obwohl Zweifel an seiner Zurechnungsfähigkeit bestanden, zu einer Strafe von 20 Jahren Zuchthaus verurteilt. Er kam aber schon nach fünf Jahren durch einen Gnadenerlass wieder frei und musste Deutschland danach verlassen. Andreas Bühler