Das ist nicht mehr "mei Pforze" sagen viele Pforzheimer. Ihre Stadt ist ihnen fremd geworden.
Das ist nicht mehr "mei Pforze" sagen viele Pforzheimer. Ihre Stadt ist ihnen fremd geworden. | Foto: Fix

Was Pforzheim wirklich bewegt

„Mein Pforzheim ist mir fremd geworden“

„Ich komme mir in Pforzheim fremd vor. Hier in meiner Stadt, in der schon mein Vater und mein Großvater groß geworden sind, höre ich alle Sprachen, aber sehr wenig deutsch.“ Der hohe Migrantenanteil in der Goldstadt bewegt die Menschen. Das wird in vielen Einsendungen an die Redaktion des Pforzheimer Kurier deutlich.

Jeder Zweite hat fremde Wurzeln

Die Hälfte aller Pforzheimer hat ihre Wurzeln in anderen Teilen der Welt. Gut 25 Prozent sind noch immer Staatsbürger eines anderen Landes. Oberbürgermeister Gert Hager wird nicht müde, die Chancen herauszuarbeiten, die eine zugewanderte, in ihrer Struktur deutlich jüngere Bevölkerungsgruppe für die Stadt und ihre Zukunft bietet. Doch auf dem Leopoldplatz, im Bus oder im Wartezimmer der Arztpraxis sorgen fremd aussehende Gesichter und unverständliche Sprachen für ein ungutes Gefühl im Bauch. „Ist das noch mein Pforze?“, fragt sich da mancher, der sich doch sonst für einen weltoffenen und ganz und gar nicht rechtsgerichteten Zeitgenossen hält.

Unzufrieden mit der eigenen Situation

Wenn sich der Dönerwirt blendend mit einem Landsmann unterhält, laut lacht, während er das türkische Sandwich füllt, über einen Witz vielleicht, den der Urpforzheimer gar nicht versteht; wenn die Hürriyet mal wieder über der Bildzeitung hängt; wenn der Typ mit dem dunkleren Teint offenbar alle Zeit zum lauten Telefonieren hat und man selbst eilig die kurze Arbeitspause nutzt, um ein schnelles Vesper zu verdrücken; immer dann drohen Furcht vor Fremden und Unzufriedenheit mit der eigenen Situation eine unheilige Allianz einzugehen.
Dass man Fremden mit Vorsicht und Skepsis begegnet, ist nichts ungewöhnliches und mit Blick auf die Evolutionsgeschichte des Menschen leicht erklärbar, sagt Tom Handtmann, Diplom-Psychologe und gebürtiger Pforzheimer mit deutsch-amerikanischen Wurzeln. Menschen suchen nach Identität, wollen wissen, wo gehöre ich dazu und wo nicht. Zugehörigkeit vermittelt Geborgenheit und Sicherheit. „Ich spitze die Ohren, wenn ich Wörter höre wie Grombiere, Grasdackel, dabbich oder Seckel. Das ist das alte Pforzheim, das sind die echten Bruddler. Aber all das ist größtenteils verschwunden. Das hört man heute nicht mehr und es fehlt mir“, sagt der Psychologe.

„Man muss sich seiner Vorurteile bewusst sein“

So wie ihm gehe es vielen Pforzheimern. Und manch einem geht der Verlust dann so nahe, dass er sich nicht mehr heimisch fühlt, nicht mehr geborgen und letztlich auch nicht mehr sicher. Das, so Handtmann, sei zunächst einmal normal. Wichtig sei nun, wie man mit diesem Gefühl umgeht. „Niemand ist ohne Vorurteile, man muss sich nur seiner Vorurteile bewusst sein und damit umgehen.“ Letztlich helfe, auf die Menschen zuzugehen, sich für sie zu interessieren, sie kennenzulernen. Dass die Menschen ihr altes Pforzheim vermissen, habe aber zunächst mit dem hohen Ausländeranteil gar nicht so viel zu tun. „Aus einer prosperierenden Stadt, weltbekannt für Schmuck und Uhren, wurde in den letzten 20, 30 Jahren eine Stadt in der Krise. 20 000 Arbeitsplätze gingen verloren, es droht die finanzielle Zwangsverwaltung, leere Schaufenster und geschlossene Ladengeschäfte haben beängstigende Ausmaße angenommen. Wir leben in einer Stadt, der man deutlich ansieht, dass es ihr nicht gut geht“, sagt Handtmann.

 Fremdheit kommt auch vom Niedergang der Stadt

„Die Menschen wissen, uns ging es doch mal richtig gut. Jetzt geht es uns nicht mehr so gut. Wir sehen die Fremden vor der Schlössle-Galerie und dann werden zwei Dinge miteinander verbunden, die nichts miteinander zu tun haben.“ Das Empfinden von Fremdheit, so Handtmann, entstamme nicht nur dem Anblick vieler fremdländischer Menschen, „sondern auch dem stark veränderten Stadtbild“. Jetzt brauche es den Mut zur Begegnung und die Weitsicht, in den Kindern der Zuwanderer das Potenzial für die Zukunft zu sehen. Wichtig sei es aber auch die Gemeinsamkeiten zu finden, sagt Handtmann. „Wir müssen auch sagen, wie man in Pforzheim zusammen lebt, was man hier darf und was nicht. Wenn wir uns als Stadtgesellschaft darauf einigen, dann haben wir gute Chancen“, glaubt der Psychologe.

Mehr Chancen als Sorgen

Mehr Chancen als Sorgen sieht auch Oberbürgermeister Gert Hager. Er betont, dass Pforzheim schon immer viele Menschen in seine Stadtgemeinschaft integriert hat. „In Bezug auf die 50er und 60er-Jahre können sich nur noch 15 Prozent als Urpforzheimer bezeichnen. Alle anderen Menschen sind seit dieser Zeit zugewandert“, sagt er. „Am Ende des Tages geht es darum, aus möglichem Unbehagen Neugier und Interesse erwachsen zu lassen. Dann hätten wir viel erreicht.“

 

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