Reicht die Kapazität?  Die Notstromversorgung von Kläranlagen, hier im Bild das Gruppenklärwerk Rastatt, ist wichtig, um bei lang anhaltendem Starkregen das Wasser sauber zu halten.
Reicht die Kapazität? Die Notstromversorgung von Kläranlagen, hier im Bild das Gruppenklärwerk Rastatt, ist wichtig, um bei lang anhaltendem Starkregen das Wasser sauber zu halten. | Foto: Kraft

Bei Stromausfall alles klar?

Abwasserverband Murg entwirft Szenarien

Von Ralf Joachim Kraft

Die Gemeinde Ötigheim teilte im Juli 2015 mit, dass sie an einem „Notfallplan Stromversorgung“ arbeitet. Die Begründung lieferte jüngst Bürgermeister Frank Kiefer: „Die Kommunen sind dazu verpflichtet, vorbeugend solche Stromnotfallpläne aufzustellen“. Auch die Stadt Kuppenheim befasst sich derzeit mit diesem Thema.

Am Montag wurde das „Versorgungskonzept bei Stromausfällen“ im Gemeinderat vorgestellt. Vor diesem Hintergrund wollte Kuppenheims Bürgermeister Karsten Mußler in der vergangenen Verbandsversammlung des Abwasserverbandes Murg zum Thema „Notstromversorgung in Kläranlagen im Falle eines großflächigen Stromausfalls“ wissen, wie ein „Überlaufen der Überlaufbecken“ verhindert werden kann.

Größere Pumpwerke haben Notstromaggregate

„Das Kanalnetz speichert das Abwasser. In den Pumpwerken gibt es aber keine Notstromversorgung“, berichtete der technische Leiter des Abwasserverbandes, Thomas Buchta. Bernhard Schäfer, als technischer Geschäftsführer des Eigenbetriebs Umwelttechnik der Stadt Baden-Baden auch für die Gemeinschaftskläranlage Baden-Baden/Sinzheim zuständig, berichtete, dass die größeren Pumpwerke mit Notstromaggregaten ausgestattet sind.

Bei einem Stromausfall vertraut Jürgen Matheis, Fachbereichsleiter Bauen und Verkehr bei der Stadt Rastatt, „auf die Pufferfunktion im Kanalnetz“. Das Wasser werde bis zu mehreren Tagen gespeichert. Mit anderen Folgen beim Wegbleiben von Strom verglichen, sei die Stromausfallproblematik im Abwasserbereich nachrangig zu behandeln. Es müsste zudem schon sehr stark und lange regnen, bevor hier etwas passiert. „Bevor Pumpwerke für teures Geld nachgerüstet werden, wäre zuerst eine Risikobewertung nötig“, so Matheis.

Bischweiers Bürgermeister Robert Wein war mit dieser Feststellung nicht ganz einverstanden und entgegnete, dass mit einer solchen Aussage „das falsche Signal an die Öffentlichkeit“ gesandt werde. Mußlers Anfrage will der stellvertretende Verbandsvorsitzende, Gaggenaus Oberbürgermeister Christof Florus, als Auftrag mitnehmen. Er werde sich ans Land wenden und das Gremium dann über das Ergebnis informieren.

Funktionierende Stromversorgung
von großer Wichtigkeit

Eine funktionierende Stromversorgung sei für die Abwasserbeseitigung, den Betrieb von Kläranlagen und Hebewerken, von großer Wichtigkeit, da sonst mit einer „erheblichen Umwelt- und Gesundheitsgefährdung“ zu rechnen sei. Das steht so im „Musternotfallplan Stromausfall“ des Regierungspräsidiums Karlsruhe zu lesen. Dieser enthält Handlungsempfehlungen zur Vorbereitung auf einen flächendeckenden und lang anhaltenden Stromausfall.

In einer vom Umweltministerium Baden-Württemberg geförderten „Untersuchung der Auswirkungen eines längeren Stromausfalls auf die Gewässerbelastung durch abwassertechnische Anlagen“ der Universität Stuttgart heißt es, dass der längerfristige Stromausfall und die daraus resultierenden Auswirkungen auf Kläranlagenbetrieb und Gewässerbelastung in der Forschung bislang keine Rolle spielten, „da davon ausgegangen wurde, dass Stromausfälle kein ernsthaftes Problem für Kläranlagen darstellen“.

Längere Stromausfälle keine Einzelfälle

Die meisten Anlagen nutzen das anfallende Klärgas in Blockheizkraftwerken (BHKW), die in Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) betrieben werden. Kurzfristige Stromausfälle könnten somit zwar energetisch kompensiert werden. Die Frage, wie lange der Strom- und Wärmebedarf aber gesichert ist, bleibe allerdings völlig offen. Aktuelle Ereignisse zeigten indes, dass längere Stromausfälle heute keineswegs als Einzelfälle zu werten sind. Mögliche Folgen für den Verfahrensprozess der Kläranlage, die Ablaufqualität und die Gewässerbelastung seien noch nicht umfassend abgeschätzt worden. Es lägen auch keine gesicherten Daten darüber vor, wie lange die Energieversorgung selbst in Kläranlagen mit BHKW und Notstromaggregaten gewährleistet ist.

Zunahme von „Starkregenereignissen“

Durch Kläranlagen, die weder über BHKW noch über Notstromaggregate verfügen, sei selbst bei kürzeren Stromausfällen mit einer „Verschlechterung der Ablaufqualität und einer steigenden Gewässerbelastung“ zu rechnen. Dass infolge des Klimawandels langfristig eine Zunahme von „Starkregenereignissen“ zu erwarten ist, zeigen die Szenarien verschiedener regionaler Klimamodelle. Demnach könne auch die Kapazität eines Klärwerks bei länger anhaltenden oder starken Niederschlägen „künftig häufiger für eine begrenzte Zeitspanne überschritten werden“.