Baumann PFC
Zum Wohl! "Das Rastatter Wasser ist trinkbar", lautet die wichtigste Botschaft von Umwelt-Staatssekretär Andre Baumann (Mitte), hier im Gespräch mit den BNN-Redakteuren Michael Janke und Swantje Huse. | Foto: Collet

Staatssekretär in Rastatt

„Aktionismus hilft uns hier nicht“

Er ist erst seit einem halben Jahr im Amt und beschäftigt sich seitdem intensiv mit dem Thema PFC in Mittelbaden. Andre Baumann, Staatssekretär am Landesumweltministerium und promovierter Diplom-Biologe mit nicht abgeschlossenem Jura-Studium scheint genau der richtige Mann zu sein, um das Problem in Angriff zu nehmen. Bis zu seiner Berufung ans Ministerium war er neun Jahre lang Landesvorsitzender des Nabu Baden-Württemberg – woher er auch den SPD-Stadtrat Gunter Kaufmann noch gut kennt. Im Gespräch mit den BNN-Redakteuren Michael Janke und Swantje Huse brach Andre Baumann eine Lanze für die Arbeit des Landes bei der Bekämpfung des Problems.

Herr Baumann, schön, dass Sie da sind. Wollen Sie etwas trinken? Vielleicht ein Glas Rastatter Leitungswasser?

Baumann (schmunzelnd): Natürlich trinke ich das. Gerne auch ein zweites Glas. Vielen Dank. Die wichtigste Botschaft, die ich habe, ist die: Das Trinkwasser ist sauber. Zum Wohl!

Seit wann ist Ihnen PFC eigentlich ein Begriff?

Baumann: Das genaue Datum weiß ich nicht mehr, aber es war zu meiner Zeit als Nabu-Landesvorsitzender. Mein Stellvertreter Gunter Kaufmann hat mich früh auf PFC hingewiesen – das sich dann ja schnell zu einem großen Problem ausgewachsen hat. Dem mit 400 Hektar betroffenen Ackerflächen im Raum Rastatt wohl größten Umweltproblem Baden-Württembergs.

Die Landwirte, die ihre Äcker mit belastetem Kompost gedüngt haben, sollen für ihre Wasserfilter finanzielle Unterstützung vom Land bekommen, während die Wasserverbraucher – die ja nichts für das PFC können – ab 2017 höhere Wasserpreise zahlen müssen. Finden Sie das gerecht?

Baumann: Was ist gerecht und was rechtmäßig? Da gibt es oft einen Unterschied. Für die Verbraucher scheint es ungerecht, aber derzeit sieht es so aus, dass es keinen Anspruch darauf gibt, dass das Land was zahlt. Das Land ist nicht die Haftpflichtversicherung für alle Umweltschäden. Da bitte ich um Verständnis. Und wenn Minister Hauk nun einen Topf bei sich gefunden hat, mit dem er die Landwirte unterstützen kann, dann ist das toll. Wir suchen noch nach der Geldtruhe im Keller, doch die ist nicht da, deshalb muss erst der Verursacher in die Pflicht genommen werden.

Glauben Sie denn ernsthaft, dass der mutmaßliche Verursacher die Kosten am Ende zahlen kann?

Baumann: Zunächst einmal gilt das Verursacherprinzip, egal, ob dieser Personenkreis zahlen kann oder nicht. Das ist in der Landkreisordnung so festgelegt: Erst wenn der Verursacher nicht zur Rechenschaft gezogen werden kann, springt das Land ein. Mir ist aber wichtig, dass nicht der Eindruck entsteht, das Land wolle sich wegducken. Wir übernehmen unsere Verantwortung, und das kann eventuell sogar schneller gehen, als es derzeit aussieht. Nach Baden-Baden sind gerade mehr als 200 000 Euro überwiesen worden, weil es so scheint, als ob die Verursacher nicht zeitnah die Kosten erstatten werden. Aber die Behörden müssen das aufbereiten. Und man darf nicht vergessen: Auch der Landkreis ist letztlich das Land in seinen Gliederungen.

Der Bürger nimmt allerdings vor allem wahr, dass seit drei Jahren gemessen, ausgewertet und beobachtet wird, aber nicht Konkretes passiert. Was tun Sie tatsächlich?

Baumann: Ich kann Ihnen versichern, die Behörden arbeiten mit Hochdruck an dem Fall, der alles andere als trivial ist. Durch meinen Wechsel vom Nabu auf die „andere“ Seite sehe ich, wie zügig und professionell gearbeitet wird. Unsere große Schwierigkeit ist, dass wir die Ursache des Problems nicht kennen. Bisher hat sich leider noch kein Papierwerk bei uns gemeldet und uns verraten, was genau da drin war. Wir haben quasi ein 400 Hektar großes Trojanisches Pferd. Es ist so paradox, dass Stoffe ausgebracht werden dürfen, von denen man nicht weiß, wie man sie dann nachweisen soll. Hier muss gerade Grundlagenforschung betrieben werden.

Ist das nicht ziemlich frustrierend?

Baumann: Ich wünschte mir schon manchmal, auf den Tisch zu hauen und zu sagen: Los geht’s! Aber das muss seriös gemacht werden, Aktionismus hilft hier nicht. Das ist schließlich Steuergeld, um das es hier geht. Aber wir suchen nach Lösungen, auf Hochtouren, zuwarten ist wenig hilfreich. Und das macht auch niemand.

Mit dem PFC sind mindestens vier offizielle Stellen befasst: zwei Arbeitsgruppen auf lokaler und regionaler Ebene und zwei Ministerien. Wäre es nicht an der Zeit, eine übergeordnete PFC-Krisenzentrale zu gründen?

Baumann: Mit der Kontaktgruppe PFC gibt es genau so etwas. Hier ist neben Umwelt- und Landwirtschaftsministerium auch das Sozialministerium für den Gesundheitsbereich vertreten. Natürlich bündeln wir, um an einem Strang in dieselbe Richtung zu ziehen und voranzukommen. Zuständigkeitsgerangel darf hier nicht zu einem Scheitern führen, für Reibungsverluste habe wir keine Zeit.

Hätte man nicht gleich zu Beginn den Acker in Sandweier mit einer Brunnengalerie „abschirmen“ können, wie aus Rastatt immer wieder gefordert?

Baumann: Ein klares Nein. Ein effektives Zurückhalten der PFC im Grundwasser war schon zum damaligen Zeitpunkt leider nicht mehr möglich. In Sandweier war der Kompost bereits auf etwa fünf Hektar verteilt, der Eintrag von PFC ins Grundwasser hatte bereits mehrere Jahre stattgefunden.

Kommen wir einmal zur Schuldfrage: Welche Schuld tragen die Landwirte?

Baumann: Die Landwirte haben ganz und gar im Sinne der Kreislaufwirtschaft und im besten Glauben gehandelt. Möglicherweise haben sich einige wenige nicht an Auflagen gehalten, aber das Gros der Landwirte hat zulässig gehandelt.

Aber muss ich nicht skeptisch werden, wenn mir jemand Kompost gratis hinstellt? Bei jemandem, der eine Gucci-Handtasche für nen Fünfer am Strand kauft, heißt es, ihm hätte klar sein müssen, dass da was faul ist.

Baumann: Im Nachhinein ist man immer klüger. Sicher würde das niemand wieder tun. Doch damals war nicht klar, dass in dem Dünger PFC drin ist. Die Landwirte dachten, zertifiziertes Material aufzubringen und so Kunstdünger zu vermeiden. Das ist ja grundsätzlich auch richtig. Mir tun vor allem die Bio-Landwirte leid, die nicht gedüngt, aber ihre Felder mit PFC-Wasser beregnet haben und deren Äcker jetzt auch belastet sind.

Und welche Schuld haben die Behörden?

Baumann: Ich verstehe, dass man gerne einen Schuldigen hätte. Doch es gibt keine Anzeichen für ein konkretes Versagen der Behörden zwischen 2005 und 2008.

Und nun?

Baumann: Meiner Meinung nach müsste man auch mal die Papierwerke ins Visier nehmen. Wir geben jetzt große Summen dafür aus, um zu ermitteln, was die da reingetan haben. Ich würde mich ehrlich über ein Schreiben freuen – an Papier sollte es denen ja nicht mangeln. In Mannheim gibt es nun auch ein PFC-Problem. Die Frage ist nun doch: Gibt es ein Papierwerk, das hier wie dort beliefert hat? Es spricht einiges dafür…

Was können Sie den Menschen zur Beruhigung sagen?

Baumann: Es geht mir nicht um Beruhigung oder darum, Sand in die Augen zu streuen. Aber wir wollen so schnell wie möglich vorankommen. Dabei steht die Gesundheit der Menschen im Vordergrund. Gleichwohl haben wir die Bedrohung der Rheinauen im Blick, die Tatsache, dass Baggerseen betroffen sein werden oder Amphibien in ihren Tümpeln. Wir sind daher auf allen Ebenen bedacht, Lösungen zu finden. Aber es ist sichergestellt, dass die Bürger unbelastetes Wasser und Lebensmittel bekommen.

Gibt es eigentlich ein Worst-Case-Szenario – wie könnte es schlimmstenfalls ausgehen?

Baumann: Es ist wenig seriös, ein Gespenst an die Wand zu malen. Die Versorgung mit sauberem Trinkwasser muss gewährleistet sein. Wir wissen, dass man das Wasser mit Aktivkohle klären kann. Nur die Kohle muss dann irgendwo hin. Die Grundwassermodelle helfen uns, die Situation mittelfristig abzuschätzen. Aber das PFC-Problem könnte vielleicht ein Mahnmal werden für den Umgang mit Stoffen, die noch nicht ausreichend erforscht sind.

Hier leisten die Stadtwerke ja derzeit auch einiges an Grundlagenforschung …

Baumann: … wofür wir ungemein dankbar sind. Die Stadtwerke gehen das so professionell an, und das in einer Situation, die alles andere als einfach ist.

Und wann glauben Sie, ist das Wasser wieder PFC-frei?

Baumann (zuckt die Schultern): Ich habe meine Kristallkugel leider nicht dabei. Ernsthaft: Das ist im Moment nicht absehbar. Das kann noch sehr, sehr lange dauern. Und das ist vor Ort genauso wie für uns in Stuttgart absolut frustrierend.

Der Rastatter Gemeinderat hat eine Resolution auf den Weg gebracht, die jüngst dem Ministerpräsidenten übergeben wurde. Was passiert nun damit?

Baumann: Die Resolution wurde ihm sogar in meiner Heimatstadt Schwetzingen überreicht. Mir liegt die Resolution auch vor – das sind schon markige Forderungen. Da wurde mal auf den Tisch geschlagen. Aber: Wir arbeiten so schnell wie möglich, wenn wir schneller etwas tun könnten, dann hätten wir es schon getan. Da kann man noch so oft auf den Tisch schlagen. Wir können den Oberboden nicht einfach abtragen, wir wissen ja nicht mal, wie tief. Und dann gibt es keine Deponie dafür. Und es wäre milliardenteuer. Und eine Phytosanierung mit Chinaschilf und Co hört sich gut an, doch auch hier ist nicht klar: Wie lange müsste man das machen? Aber wir nehmen die Sorgen und Ängste wahr und es wird eine Antwort auf die Resolution geben.

Ihr ehemaliger Nabu-Stellvertreter Gunter Kaufmann war einer der Initiatoren der Resolution. Wie ist Ihr Verhältnis heute?

Baumann (lachend): Nach wie vor gut. Wir stehen immer noch in Kontakt.

Sie sprechen immer vom PFC-Problem. Ist es nicht vielmehr ein Skandal?

Baumann: Nein, lassen wir die Kirche im Dorf. Ein Skandal unterstellt Mauscheleien, Versagen oder kriminelles Verhalten. Das alles können wir hier nicht sehen. Aber es ist ein riesengroßes Umweltproblem, das uns noch sehr lange beschäftigen wird.