Die alte Turnhalle ist der einzige Gebäudeteil des Tulla-Gymnasiums, der inzwischen abgerissen wurde.
Die alte Turnhalle ist der einzige Gebäudeteil des Tulla-Gymnasiums, der inzwischen abgerissen wurde. | Foto: pr

50 Jahre „Tulla“ in Rastatt

Der Beginn einer neuen Schulkultur

Eigentlich hätte es „Schiller-Gymnasium“ heißen sollen. Ein Schwabe als Namenspatron für ein neues, naturwissenschaftliches Gymnasium im Badischen? Und das kurz nach der Fusion der beiden Landesteile? Das missfiel in den 60er Jahren einigen einflussreichen Badenern im Rastatter Gemeinderat. Der SPD-Stadtrat Karl Dumm, seinerzeit Vermessungstechniker beim staatlichen Vermessungsamt, stellte sich an die Spitze einer Gegenbewegung: Er besuchte Bruno Breunig, ebenfalls Stadtrat, im Hinterzimmer seiner Apotheke, wo gelegentlich wichtige Entscheidungen des Rastatter Gemeinderats „vorbesprochen“ wurden. Man einigte sich auf Johann Gottfried Tulla, ein Techniker für eine moderne Schule. Der Beschluss im Gemeinderat war nach der Vorberatung in der Apothekenkammer nur noch Formsache.

Manfred Walz muss schmunzeln, wenn er diese Geschichte erzählt. Er war zu dieser Zeit Lehrer am Ludwig-Wilhelm-Gymnasium (LWG) und wechselte im Jahr 1966, als das Tulla-Gymnasium eingeweiht wurde, gemeinsam mit vielen anderen Kollegen an die neue Schule. Einige Jahre später heiratete er die Tochter von Karl Dumm, der im Herbst 2015 starb und seiner Familie die Geschichte vom Tulla-Gymnasium sowie viele weitere Rastatter Anekdoten in einem Büchlein hinterließ.

Zeit des Aufbruchs

Beschlossen wurde der Bau des Tulla-Gymnasiums, das in diesem Jahr sein 50-jähriges Bestehen feiert, im Jahr 1961. Das LWG platzte aus allen Nähten, es vereinte die alt- und neusprachlichen Züge sowie den naturwissenschaftlichen Zug in einem. Die neue Schule sollte den aufstrebenden naturwissenschaftlichen Zug aufnehmen, geplant waren zwei Bauabschnitte. „Vor Baubeginn zeigte sich allerdings, dass dies so nicht geht, weil die Schülerzahlen immer weiter stiegen“, berichtet Manfred Walz. Deshalb wurde die Schule gleich in voller Größe gebaut. Einweihung war am 22. April 1966, es war das letzte Schuljahr, nicht im Herbst sondern nach Ostern begann.

„Wir waren ein junges Kollegium, wir hatten große Freiheiten“, erinnert sich Walz im Gespräch mit den Badischen Neuesten Nachrichten. Direktor Friedrich Seelig habe die Lehrer „an der langen Leine laufen lassen“ – es war der Beginn einer neuen Schulkultur. Sehr geprägt habe das Tulla auch der Physiker und stellvertretende Direktor Hermann Herbstreith. „Er war sher viel in der Schule. Als junger Physiklehrer traf ich ihn dort immer an, wenn ich zum Beispiel am Nachmittag noch einen Versuchsaufbau testen wollte“, so Walz. Und dann gab es noch Sekretärin Erika Kalmbacher. „Seelig, Herbstreith und Kalmbacher – die drei haben die Schule in den ersten Jahren geprägt“, erinnert sich Walz.

So aufstrebend das Tulla-Gymnasium in den 60er und 70er Jahren war, so schwierig war das politische Umfeld. Die Zeit war geprägt von Studentenunruhen, in Rastatt gab es seinerzeit einen Schulstreik, an dem das Tulla-Kollegium nicht teilnahm. Als der Protestzug an dem Gymnasium vorbeizog, skandierten die Lehrer und Schüler: „Hört auf zu unterrichten, kommt mit uns!“ Nach wenigen Jahren reichte der Platz im neuen Gymnasium schon nicht mehr aus. „Im Schuljahr 1973/74 hatten wir 1.124 Schüler und sechs Wanderklassen“, berichtet Manfred Walz. Wanderklassen hatten kein eigenes Zimmer und mussten von Stunde zu Stunde in andere Räume springen. Und so wurde ein Anbau geplant, der 1978 fertig war – vor allem für die reformierte Oberstufe, die nicht mehr in Klassen, sondern in wechselnden Kursen unterrichtet wurde.

Konkurrenz der Gymnasien

Das Tulla-Gymnasium hatte vor allem in den 70er Jahren gegenüber der Traditionsschule LWG ein topmodernes Image. Wer auf dieser Schule war, fühlte sich automatisch fortschrittlicher, aufgeschlossener und zukunftsorientierter. Der Kuppenheimer Bürgermeister Karsten Mußler war beispielsweise ab 1976 auf der Schule und bekennt noch heute: „Ich bin überzeugter Tullaner.“ Schon früh wurde hier an Computern unterrichtet, im Sprachlabor lernten die Schüler mit futuristischen Kopfhörern und Mikrofonen Fremdsprachen. In den 80er Jahren drohte die Stimmung allerdings zu kippen, erinnert sich Manfred Walz. Das LWG bot wieder einen eigenen Naturwissenschaftlichen Zug an, um die großen Schülerzahlen besser verteilen zu können. „Die Rastatter erinnerten sich plötzlich wieder an ihre Traditionsschule, die Zahlen am Tulla gingen dramatisch zurück“, so Walz. Reinhold Merkel, der damalige Direktor, und sein Stellvertreter Hans Muffler beobachteten die Entwicklung mit gewisser Sorge, zwischen den beiden Gymnasien entstanden merkliche Spannungen. Durch die erneute Oberstufenreform rückten die beiden Schulen wieder ein bisschen zusammen, weil Schüler für einzelne Fächer an das jeweils andere Gymnasium gehen mussten. Als Ute Beltermann 1990 Direktorin wurde, legte sie viel Energie hinein, das Tulla in der Öffentlichkeit mehr bekannt zu machen. Manfred Walz wurde 1995 ihr Stellvertreter, bis er 2002 in den Ruhestand ging.

Stetiger Wandel

In den 50 Jahren seines Bestehens hat sich das Tulla-Gymnasium stetig weiter entwickelt. In den 70er Jahren wurde ein Intensivzug Französisch eingeführt, was der Schule ein eigenes Profil gab. Damit einher ging ein reger Klassenaustausch mit dem Gymnasium in Remiremont in den Vogesen. In den 90er Jahren gehörte das Tulla zu den vier Schulen in Baden-Württemberg, an denen der G-8-Zug erprobt wurde. Seit dem Schuljahr 2007/08 ist das Tulla „Partnerschule für Europa“: Schüler werden sowohl auf das deutsche als auch auf das französische Abitur (Baccalauréat) vorbereitet.

„Das reine naturwissenschaftliche Gymnasium gibt es nicht mehr seit 2004“, sagt der bisherige Direktor Peter Blessing, der zum 1. September 2016 den Stab an Andrea Rösch weitergegeben hat. Als offene Ganztagesschule habe das Tulla ein neues Profil gewonnen, Latein sei als zweite Fremdsprache im Jahr 2010 wieder eingeführt worden. Rund 700 Schüler und 63 Lehrer hat das Tulla-Gymnasium derzeit – und Blessing hofft, dass sich weiterhin genügend Schüler anmelden. Der wieder eingeführte G-9-Zug am LWG zieht verstärkt Schüler an – die Konkurrenz der Gymnasien aus den 80er Jahren lässt grüßen. Aber das soll in diesem Jahr nicht das bestimmende Thema sein. Das Tulla wird 50. Und das wird ein Jahr lang gefeiert.