In den frühen Morgenstunden des 25. August 1976 entgleiste ein Güterzug bei Rastatt, nachdem "Monsieur X" die Schienen losgeschraubt hatte.
In den frühen Morgenstunden des 25. August 1976 entgleiste ein Güterzug bei Rastatt, nachdem "Monsieur X" die Schienen losgeschraubt hatte. | Foto: Nestler

Anschlagserie vor 40 Jahren

„Monsieur X“ hielt Bahnfahrer in Atem

Es dämmert gerade an diesem Sommermorgen. Lokführer Wilfried Schuster startet um 5.03 Uhr im Karlsruher Hauptbahnhof seinen Güterzug, den er zur Glashütte nach Achern fahren soll. Sein Ziel erreicht er nie – rund 20 Minuten nach der Abfahrt bemerkt er kurz vor dem Bahnhof Rastatt merkwürdig verbogene Gleise. Schuster reißt den Bremshebel nach vorn, die Wagen quietschen, die Lok wackelt über die Strecke. Die Wagen entgleisen und stürzen unter der Brücke der B 462 die Böschung hinab. Wie durch ein Wunder bleibt die Elektrolok auf den Schienen stehen.
Mit dem Unfall am Morgen des 25. August 1976 macht der Bahnerpresser „Monsieur X“ deutlich, dass er zu allem fähig ist. Zwischen Bruchsal und Freiburg ist der unheimliche Unbekannte unterwegs, beschädigt Oberleitungen, schraubt Schienen los, droht mit weiteren Anschlägen – und hält Bahnfahrer in Atem. Dies alles in einer Zeit, in der die Menschen in Deutschland ohnehin stark verunsichert sind, als die „Rote Armee Fraktion“ Hanns Martin Schleyer gefangen hält und die Landshut-Maschine nach Mogadischu entführt wird.

Erster großer Anschlag bei Rastatt

„Monsieur X“ will von der Deutschen Bundesbahn 100.000 Mark, seine Forderung untermauert er zunächst mit kleineren Anschlägen, in denen er Krallen in Oberleitungen wirft oder Züge mit Drähten auf den Schienen zu einer Zwangsbremsung bringt – etwa bei Bruchsal oder Kleinsteinbach. Sein erster Anschlag ist am 6. Oktober 1975. Die Bundesbahndirektion Karlsruhe geht sogar so weit, dass sie den geforderten Betrag an „Monsieur X“ bereit ist zu zahlen. Allerdings: Die Übergabe scheitert immer wieder. Dann ist erst einmal Ruhe, bis im Sommer 1976 der Güterzug bei Rastatt entgleist. Jetzt erhöht „Monsieur X“ seine Forderung auf 250.000 Mark. In einer ganzen Serie überzieht der Erpresser jetzt das Rheintal mit Anschlägen: Er lockert Schienen, zerstört Signale und manipuliert Oberleitungen in Graben-Neudorf, Steinbach, Bühl und Bruchsal. Am 17. Oktober 1977 holt er zu seinem größten Schlag aus: „Monsieur X“ lässt den Italia-Express auf dem Weg von Kopenhagen nach Rom bei Riegel am Kaiserstuhl mit einer Geschwindigkeit von 140 Kilometern pro Stunde entgleisen. 19 Menschen werden teils schwer verletzt, der Schaden geht in die Millionen.
Die Polizei tappt zwei Jahre lang im Dunkeln. Erst die Ausstrahlung des Falles in „Aktenzeichen XY ungelöst“ führt zur Spur des Täters. Dem geht jedoch ein absurder Zwischenfall voraus: Die für Dezember 1977 geplante Ausstrahlung wird gerichtlich untersagt, weil „Monsieur X“ in einem Brief mit Anschlägen während der Weihnachtsreisezeit droht. Sendungsleiter Eduard Zimmermann ist außer sich: „Wenn das Schule macht, genügt es künftig, dass jeder Verbrecher nur eine Postkarte zu schreiben braucht, um die Fahndung lahmzulegen“, schimpft er vor dem Abspann. Dies geschehe in einer Zeit, so Zimmermann, in der durch eine „viel mehr Mut erfordernde Entscheidung in Mogadischu weltweit die Hoffnung geweckt wurde, dass es mit der verhängnisvollen Erpressbarkeit des Staates zu Ende geht“. Zimmermann spielt auf die in diesem Jahr veranlasste Stürmung der Landshut-Maschine durch die GSG 9 und die Befreiung der Geiseln an.

Der Angeklagte Hermann Kraft (Mitte) beim Prozess im Rastatter Schloss. Er bestritt bis zuletzt, "Monsieur X" zu sein.
Der Angeklagte Hermann Kraft (Mitte) beim Prozess im Rastatter Schloss. Er bestritt bis zuletzt, „Monsieur X“ zu sein. | Foto: Nestler

Im Januar 1978 schließlich läuft der Film bei „XY“. Zu dieser Zeit sorgt eine merkwürdige Briefübergabe in einem Straßburger Hotel für Verwirrung unter der Polizei: Die französischen Ermittler informieren die deutschen Behörden, dort wird die Angelegenheit zunächst unter die Rubrik „Entführungsfall Schleyer“ eingeordnet. Die „XY“-Sendung gibt den Ausschlag, den Vorgang in Straßburg mit „Monsieur X“ in Verbindung zu bringen. Einen Monat später wird der mutmaßliche, 52-jährige Täter Hermann Kraft festgenommen.
Die Anklage führt Reiner Haehling von Lanzenauer, der Prozess beginnt im Februar 1979 im Rastatter Schloss unter dem Vorsitzenden Richter Franz Isak. Es ist ein Indizienprozess, Kraft bleibt bis zuletzt dabei, er sei nicht „Monsieur X“. Es nützt nichts: Er wird verurteilt zu lebenslanger Freiheitsstrafe, eine Revision am Bundesgerichtshof scheitert.
Hermann Kraft sitzt in Stuttgart-Stammheim, Bruchsal und Diez hinter Gittern. Im Jahr 1993 gelingt ihm die Flucht, 1996 stellt er sich und sitzt seine Reststrafe ab. Drei Jahre später wird er entlassen.