Repressionen
Deutsch ist nicht erwünscht auf der Europamesse in Straßburg: Diese (kostspielige) Erfahrung machten zu ihrer Überraschung Jürgen Handler, Doreen Fröhlich und Klaus Flötzer (von links) aus Appenweier. | Foto: privat

Europamesse in Straßburg

Repressionen gegen deutsche Aussteller

Der Eurodistrikt wird von Repressionen gegen deutsche Aussteller auf der Europamesse in Straßburg erschüttert. Bei überraschenden Kontrollen der DGCCRF, einer Art Gewerbeaufsichtsamt, werden saftige Bußgelder verlangt, wenn Flyer und Werbematerial nicht auf Französisch erstellt sind sind und die Verkäufer nicht Französisch sprechen. Selbst Standschließungen werden angedroht. Vertreter von Institutionen im Eurodistrikt sprechen von Schikanen, Willkür und einem Rückschlag für die Bemühungen um gute Zusammenarbeit

Wie ein Überfallkommando

Klaus Flötzer versteht die Welt nicht mehr. Seit 25 Jahren vertreibt der Chef der Firma Schwarzwaldstände aus Appenweier auf der Europamesse unter anderem hochwertige Gartenscheren. In Halle 3 hat der Unternehmer auf der neuntägigen „Foire Européenne“ in Straßburg mehr als 130 Quadratmeter Standfläche gebucht, was ihn allein 18 900 Euro kostet. Nie gab es Probleme, nie derlei Repressionen, ein Vierteljahrhundert lang lief beim Messeauftritt in Straßburg alles reibungslos. Bis vergangenen Dienstag. Da standen am Nachmittag plötzlich vier Kontrolleure der DGCCRF an Flötzers Stand: „Das war wie ein Überfallkommando“, sagt der Unternehmer.

Drohgebärde mit Handschellen

Weil sein Messeauftritt und seine Prospekte nur auf Deutsch sind und sein Standpersonal kein Französisch spricht, sollte Flötzer 2 500 Euro Strafe zahlen. Selbst mit Standschließung wurde gedroht, dazu unzweideutig mit Handschellen gewedelt, wie auch sein Kollege Jürgen Handler schildert. „Wir wurden behandelt wie Aussätzige“, sagt Flötzer. Er sah den Messeauftritt in Gefahr, hängte seine deutschsprachigen Werbeplakate ab und zahlte. Immerhin gelang es ihm, das Bußgeld auf 800 Euro zu drücken. Die DGCCRF ist bei der Festlegung frei. Auch in anderen Hallen sollen Aussteller Ziel von Kontrollen gewesen sein – indes nur deutsche.

Décret als Grundlage für Repressionen

Die Kontrolleure beriefen sich auf ein Décret von 1995. „Es schreibt für alle Angebote und Anleitungen die französische Sprache vor“, bestätigt Martine Mérigeau vom Zentrum für Europäischen Verbraucherschutz in Kehl. Dies beziehe sich auch auf gesprochene Werbung – und damit eventuell auch auf Verkaufsgespräche. Dass es ausgerechnet bei einer Europamesse so hart angewendet werde, sei lächerlich: „Das sind reine Schikanen.“
Bei der Gewerbeaufsicht gibt man sich zurückhaltend: Ihre Behörde mache jedes Jahr zahlreiche Kontrollen dieser Art. Dass bei den betroffenen deutschen Unternehmen das Problem der fehlenden Übersetzung erst jetzt aufgefallen sei, sei möglicherweise auf die große Zahl der Aussteller zurückzuführen.

Scharfe Kritik vom Eurodistrikt

Bei der Messe Straßburg ist man gar nicht erfreut über die Entwicklung. Noch nie bisher sei das Gesetz Thema gewesen, sagt Philippe Meder, sonst hätte man als Veranstalter natürlich seine Aussteller darauf hingewiesen. Noch am Donnerstag hat die Messegesellschaft eilig die deutschen Aussteller informiert, dass alle Dokumente, Werbematerial, Werbeplakate auf Französisch erstellt sein und die Verkäufer Französisch sprechen müssen. Zudem wurde auf eine erneute Kontrolle diesen Freitag hingewiesen. „Das ist nicht sehr diplomatisch“, sagt Meder über die Kontrollen, die für ihn auch „nicht zur grenzüberschreitenden Zusammenarbeit passen“. „Alle sind überrascht“, bestätigt Marc Gruber vom Generalsekretariat des Eurodistrikts Straßburg-Ortenau. „Das ist enttäuschen und geht in die falsche Richtung.“ Der Fall könnte noch weitere Kreise ziehen.

Bauschmerzen vor Weihnachtsmarkt

Mérigeau weist darauf hin, dass die Geldstrafen mit der Zahl der nicht gesetzeskonformen Produkte multipliziert werden können. Sie rät betroffenen Unternehmern, sich an den Präsidenten der Eurometropole Strasbourg, die Leitung des Eurodistrikts, die Messegesellschaft und die IHK Strasbourg zu wenden. Der leidige Fall könnte sich auch auf dem Weihnachtsmarkt wiederholen, so Mérigeau: „Das hätte dann erst recht fatale Folgen für Straßburg.“