Eine rinförmige Lampe setzt in der gotischen EIngangshalle einen modernen Akzent.
Eine rinförmige Lampe setzt in der gotischen EIngangshalle einen modernen Akzent. | Foto: Ulrich Coenen

Rathaus in Bühl

Keine Anbiederung an historische Formen

Von außen sieht man wenig. Das mag bei einem Investitionsvolumen von 2,6 Millionen Euro verwundern, doch der Löwenanteil dieser Summe ist in Brandschutz, Gebäudetechnik, Barrierefreiheit und Energiebilanz des denkmalgeschützten Rathauses I in Bühl geflossen. Dass sich auf den ersten Blick wenig verändert hat, unterscheidet diese Sanierung von der des benachbarten Rathauses II. Dessen im vergangenen Jahr abgeschlossene Erweiterung war umstritten.

Nicht nur Pinselsanierung

Weil er beim Rathaus I nur wenige gestalterische Akzente setzen konnte, spricht der Architekt Ranno Timmermann (Timmermann Architekten, Bühl) von einer „Pinselsanierung“. Das ist allerdings untertrieben, denn er hat an einigen Stellen seine Kreativität in die Weiterentwicklung dieses ältesten Gebäudes der Kernstadt einfließen lassen.

Der originale Entwurfsplan von Karl Dernfeld aus dem 19. Jahrhundert zeigt die nicht erhaltene Markthalle im Erdgeschoss des Rathauses.
Der originale Entwurfsplan von Karl Dernfeld aus dem 19. Jahrhundert zeigt die nicht erhaltene Markthalle im Erdgeschoss des Rathauses. | Foto: Stadtgeschitliches Institut Bühl

Wer Timmermanns Arbeit beurteilen will, muss sich die lange Baugeschichte des Hauses vor Augen führen: Die spätgotische Pfarrkirche des frühen 16. Jahrhunderts erhielt 1771 bis 1773 durch den Rastatter Hofbaumeister Franz Ignatz Krohmer ein neues Langhaus, um 1879 bis 1882 durch den Baden-Badener Bauinspektor Karl Dernfeld zum Rathaus umgebaut zu werden.

Zahlreiche Umbauten

Die äußere Hülle der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in der für öffentliche Bauten damals weit verbreiteten Formensprache der Neorenaissance blieb weitgehend erhalten. Im Inneren ist aber nach einer ganzen Reihe weiterer Umbauten, vor allem in den 1920er- und 1930er-Jahren, praktisch nichts mehr ursprünglich. Dass fast jeder Bürgermeister oder Oberbürgermeister die Machtzentrale der Stadt nach seinen Vorstellungen mal mehr, mal weniger glücklich umgestaltet hat, sieht man. Dernfelds offene Markthalle im Erdgeschoss ist längst verschwunden, stattdessen haben die meisten Büros heute unterschiedliche Deckenhöhen. Das Erdgeschoss ist durch mehrere Treppen völlig zerklüftet und auch im ersten Obergeschoss gibt es kein völlig einheitliches Fußbodenniveau.

Das neue Portal zum Marktplatz verbindet historische und moderne Formen.
Das neue Portal zum Marktplatz verbindet historische und moderne Formen. | Foto: Ulrich Coenen

Die wichtigste Leistung Timmermanns ist die Öffnung des 1925 geschlossenen zentralen Portals zum Markt, das seitdem als Fenster diente. Damit nähert sich die Sanierung an das originale Erscheinungsbild des Kulturdenkmals an und integriert es in den Platz. Hinter dem Eingang wurde ein Behindertenaufzug eingebaut, der das gesamte Gebäude vom Keller bis zum Dachgeschoss erschließt. Das historische Portal mit seiner roten Sandsteinfassung, das sich mit gläsernen Schiebetüren öffnet, wird von Seitenflügeln aus Cortenstahl gerahmt. Der Vorraum zwischen Eingang und Aufzug hat eine materialsichtige Betonwand an der Stirnseite und eine mit patiniertem Kupferblech verkleidete Decke. Dieser Farbtupfer ist vielleicht ein wenig zu intensiv. Mit dem Portal hat Timmermann aber eine gelungene Verbindung von alt und neu geschaffen.

Der Korridor im ersten Obergeschoss wurde in den 1930er Jahren holzvertäfelt und jetzt sorgfältig restauriert.
Der Korridor im ersten Obergeschoss wurde in den 1930er Jahren holzvertäfelt und jetzt sorgfältig restauriert. | Foto: Ulrich Coenen

Dies setzt sich im Inneren fort. Im spätgotischen Netzgewölbe über der Eingangshalle des Turms und in dem in den 1930er-Jahren holzvertäfelten Korridor im ersten Obergeschoss hat der Bühler Architekt formschöne ringförmige Lampen an die Decke montieren lassen, die warmes LED-Licht spenden. Vor dem Dienstzimmer des Oberbürgermeisters wurde die Decke mit einer Glasscheibe geöffnet. Damit gibt der Architekt den Blick auf einen Ausschnitt des Deckengemälde des Bühler Malers Augustin Flick aus dem 19. Jahrhundert frei, das ursprünglich den dortigen Ratssaal überspannte und in der NS-Zeit im Zusammenhang mit der Verkleinerung dieses Saals verdeckt wurde.

Transparente Türen

Timmermann hat 2011 das Treppenhaus und 2012 den alten Trausaal des Rathauses neu gestaltet. Die dortigen modernen Elemente prägen, wo es aus denkmalpflegerischer Sicht vertretbar erschien, auch die aktuelle Sanierung. Der Bühler Architekt lehnt eine formale Angleichung oder Anbiederung an historische Formen ab. Seine transparenten Zwischentüren aus Stahl und Glas im Innenraum, die Durchblicke erlauben, sind vor diesem Hintergrund reizvoll, misslungen ist allerdings die dreigeteilte Tür aus Stahl und Glas im spitzbogigen Hauptportal des Turms.
Eine neue Holztür, die der Würde des Rathauses entspricht, wäre die bessere Lösung gewesen. Störend ist auch die von der Bauherrschaft gewünschte Zwischentür vor dem OB-Büro im ersten Obergeschoss, die an dieser Stelle einen Vorraum schaffen soll, tatsächlich aber den schönen holzvertäfelten Korridor zerschneidet.

Übermächtiger Brandschutz

Der Brandschutz ist ein übermächtiges Thema der Sanierung. Ihm mussten auch die Sandsteinpfosten der beiden Fenster im Neorenaissance-Giebel des Dachgeschosses weichen. Zwar haben sie seit eineinhalb Jahrhunderten keinen Fluchtweg eingeengt, doch eine Gesellschaft, die nach Möglichkeit jedes mögliche Risiko ausschließen will, scheut auch vor historischen Zierelementen nicht zurück.