Stadtmuseum Schmuck Gerbing002
Preziosen aus den ersten Jahren der Pforzheimer Schmuckindustrie sind jetzt in einer von Chris Gerbing kuratierten Ausstellung über den Beginn vor 250 Jahren zu sehen

Privileg für Schmuck und Uhren

Eine Urkunde vor 250 Jahren verändert Pforzheim

Der vielleicht größte Schatz der Pforzheimer Schmuckgeschichte ist ab sofort im Stadtmuseum der Stadt zu sehen: Das Generallandesarchiv hat das Schriftstück vom 6. April 1767 für die Ausstellung „Frühe Schmuck- und Bijouteriemanufakturen: Hanau, Pforzheim Schwäbisch Gemünd“ zur Verfügung gestellt, mit der Markgraf Karl Friedrich von Baden alles in Gang brachte.

 Uhrenproduktion bringt Ordnung

Genauer gesagt erlaubte er den Uhrmachern Jean François Autran aus Frankreich und Jacques Ador aus der Schweiz, sich im Pforzheimer Waisenhaus als Unternehmer zu etablieren. Dies sorgte nicht nur knapp ein Jahr später dafür, dass dort auch eine „feine Stahl-Fabrique“ – also eine Schmuckmanufaktur – und die „erste Berufsschule weltweit“, die heutige Uhrmacherschule mit Goldschmiedeschule, gegründet werden konnten. Das markgräfliche Privileg sollte Mitte des 18. Jahrhunderts auch für Ordnung sorgen im kriminalitätsgeschüttelten Pforzheim.

Explosionsartige Entwicklung

Das hat geklappt, wie sich allein an der Bevölkerungsentwicklung ablesen lässt, die die Stadt in der Folge nahm. Ende des 19. Jahrhunderts hatten an die 30 000 Menschen Arbeit in der Uhren- und Schmuckindustrie, so erzählt Kuratorin Chris Gerbing. Damit ist sie allerdings auch schon bei der „Echt/Unecht“, der zweiten Ausstellung im Stadtmuseum zum Jubiläum 250 Jahre Goldstadt. Denn diese explosionsartige Entwicklung hat viel mit der Erfindung von Double und der Industrialisierung zu tun.

Treibende Kraft ist eine Frau

Dass in den rund 140 Jahren davor ganz andere Fragen maßgeblich waren beim Weg vom Verlags- ins Manufakturwesen und die damit einhergehende arbeitsteilige und teils auch maschinelle Produktionsweise, lässt sich an den drei Städten ablesen. Die Offenheit für das Neue kam von oben, in Pforzheim sogar von einer Frau. Markgräfin Karoline Luise gilt als aufgeklärte treibende Kraft für das Privileg, das eine „echte Erfolgsgeschichte“ in Gang brachte, erläutert Gerbing.

Hanau ist früher dran

In Hanau gab bereits zehn Jahre früher der damalige hessische Landgraf Gewerbefreiheit für die vielen Hugenotten, die in die Stadt gekommen waren. In Augsburg und Nürnberg blieb derweil das Handwerk dominierend und auch in Schwäbisch Gmünd habe es bis 1832 gedauert, bis die Macht und die Ängste der Zünfte überwunden waren und die ersten Fabrikanten den Ruf der Stadt begründeten. Industriegeschichtlich betrachtet, war das heutige Deutschland mit der Entwicklung in Pforzheim, Hanau und Schwäbisch Gmünd absolut auf der Höhe der Zeit, ist Gerbing überzeugt. Das von der Obrigkeit angestoßene Manufakturwesen habe Dinge vorweg genommen, die später in der Textil- und in der Montanindustrie wichtig wurden.

Chris Gerbing hinter der Urkunde, mit der Markgraf Karl Friedrich von Baden am 4. April 1767 die Pforzheimer Uhrenindustrie begründete. Ein gutes Jahr später gab er das Privileg für die Schmuckherstellung und die Gründung der heutigen Uhrmacherschule mit Goldschmideschule
Chris Gerbing hinter der Urkunde, mit der Markgraf Karl Friedrich von Baden am 4. April 1767 die Pforzheimer Uhrenindustrie begründete. Ein gutes Jahr später gab er das Privileg für die Schmuckherstellung und die Gründung der heutigen Uhrmacherschule mit Goldschmideschule | Foto: Ehmann

Glanzvolle Preziosen und klangvolle Namen sollen dies in der Ausstellung deutlich machen. Es gibt Schmuckstücke, die an die Produktionen von Benckiser, Zerrenner, Speidel oder Victor Mayer in Pforzheim erinnern. Gebrauchssilber der bis heute aktiven Firma Lutz & Weiss ist zu sehen und aus Hanau die Kopie eines Ratspokals von 1620 – hergestellt beim Familienbetrieb Schleissner, dessen neunte Generation morgen zur Ausstellungseröffnung kommt. Das Original war – kurz nachdem alles begann in Sachen serielle Produktion – an einen Zweig der Familie Rothschild verkauft worden, um Geld für den Aufbau einer Zeichenschule zusammen zu bekommen. Die war auch in Pforzheim bereits gut ein Jahr nach der Beschäftigungsoffensive im Waisenhaus gefragt und wurde genehmigt, wie die dritte Urkunde belegt.

Kuss der Geschichte

Es war wie „ein Kuss der Geschichte“, erzählt Gerbing über ihre Erstbegegnung mit den für die Pforzheimer Geschichte so wichtigen Dokumenten. Die Stadt habe sie zu nutzen verstanden: „Bis heute wird Know-how daraus gezogen, das bis zur Weltmarktführerschaft reicht“.

Service

Bis 1. Mai 2017 im Stadtmuseum mittwochs und donnerstags von 14 bis 17 Uhr, sonntags von 10 bis 17 Uhr. Die Eröffnung ist am Sonntag, 20. November, um 11.30 Uhr. www.kultur.pforzheim.de