Strohbausiedlung Karlsruhe
Auf dem ehemaligen Exerzierplatz in der Nordweststadt möchte eine Karlsruher Initiative eine Strohbausiedlung für rund 300 Menschen errichten. | Foto: jodo

Nachhaltiges Wohnen

Strohbausiedlung in Karlsruher Nordweststadt?

In Christine Geesings Atelier in der Südweststadt steht eine ganze Armada von Papierschiffchen. Alle selbst gefaltet, alle mit der eindeutigen Botschaft versehen: uuPS nimmt Fahrt auf. Die Abkürzung uuPS steht für unabhängiges urbanes Projekt Strohbau. Dahinter steckt eine Gruppe von Menschen, die sich zusammengefunden hat, um ein besonderes Bauprojekt in Karlsruhe zu realisieren: Eine Strohbausiedlung, ein Nachbarschafts-Wohnprojekt für rund 300 Menschen, dessen Häuser vollkommen aus Stroh, Holz und Lehm gebaut sind.

Strohbausiedlung in Nordweststadt

Die Initialzündung dazu hatte Christine Geesing. Vor vier Jahren las die Künstlerin in einem Zeitungsartikel, dass Sand als Rohstoff – er wird für die Produktion von Beton benötigt – immer knapper wird. „Dabei denkt man, Sand gibt es doch wie Sand am Meer“, so Geesing. Doch weit gefehlt. „In der Bretagne beispielsweise protestieren die Menschen bereits, weil dort ganze Strände abgetragen werden. Das und der Fakt, dass die Betonproduktion rund acht Prozent der weltweiten CO2-Emission ausmacht, zugleich aber dringend mehr Wohnraum gebaut werden muss, hat mich alarmiert und sehr nachdenklich gemacht“, so Geesing. Sie begann nach Alternativen zu recherchieren. Dabei stieß sie auf den Baustoff Stroh. Zu Baustrohballen gepresst, ist Stroh mittlerweile ein zertifiziertes Baumaterial, das Feuerfestigkeits- und andere Prüfungen bestanden hat, die das Deutsche Institut für Bautechnik an solche Materialien stellt. „Es gibt immer mehr Gebäude aus Stroh, vor allem in Frankreich, auch in Deutschland stehen einzelne Häuser“, sagt Geesing. In der Umgebung finde man Strohbauten etwa in Weingarten und Pforzheim. Eine ganze Siedlung aus Strohbauten allerdings existiere nicht.

Karlsruher Initiative setzt auf Modellprojekt

Wenn es aber nach Christine Geesing und ihren Mitstreitern geht, soll genau ein solches Modellprojekt in Karlsruhe verwirklicht werden. Vor eineinhalb Jahren reifte diese Idee in Geesings Kopf. Sie machte sich auf die Suche nach Leuten, die bei einem solchen Projekt mitmachen würden. Sie fand Heidegret Siems, die Architektur studierte und heute im Immobilienbereich tätig ist. „Ich war von der Idee ziemlich schnell begeistert“, gesteht Siems. Ihr geht es ebenso wie Geesing zum einen um den ökologischen Aspekt – „wir müssen energetisch umdenken“ –, als auch um den Gemeinschaftsgedanken. „Wir wollen das Projekt genossenschaftlich erwerben. Durch die Selbstbestimmung und Eigenverantwortlichkeit bekommt es eine andere Wertigkeit“, betont Siems. Ein wichtiges Ziel sei auch, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. „Der Quadratmeterpreis für die Kaltmiete soll nicht über 7,50 Euro steigen“, so Geesing und Siems, die das Planungsteam der Initiative bilden, der inzwischen rund 100 Menschen angehören – Familien, Paare, Singles, junge und ältere Menschen. Die Gruppe steht kurz vor der Gründung eines Vereins, aus dem später die Genossenschaft entstehen soll.

Wer hier klickt, findet weitere Informationen zu der Initiative uuPS.

Passendes Grundstück in der Nordweststadt

Fehlt noch das Grundstück für die Strohbausiedlung. Ein passendes Areal, wo die urbane Strohhaussiedlung realisiert werden könnte, fand die Gruppe in der Nordweststadt: den ehemaligen Exerzierplatz an der Kußmaulstraße. „Vor mehr als neun Jahren stand das Areal, das sich im Landesbesitz befindet, das letzte Mal im Fokus der Bebauungsplanung der Stadt. Seitdem ist dort nichts passiert“, berichtet Geesing, die mit ihren Mitstreitern daher ihr Anliegen an den Landesbetrieb Vermögen und Bau richtete. „Dort sagte man uns, dass es durchaus möglich sei, für ein solches Projekt ein Landesgrundstück zu vergeben – wenn die Stadt kein Veto einlegt“, so Siems. Daraufhin besuchten die beiden alle Fraktionen des Karlsruher Gemeinderats und stellten das Projekt vor. „Die Rückmeldungen waren sehr positiv“, so Geesing.

Land und Stadt halten sich bedeckt

Als die Gruppe „dieses erfreuliche Ergebnis“ wiederum dem Landesbetrieb übermittelte, hieß es plötzlich, dass „nur ein Vorkaufsrecht für die Stadt eingeräumt werden könne und man sich dann bei der Stadt um das Grundstück bewerben dürfe“, schildern die beiden. Also wandte sich die Gruppe erneut an die Fraktionen. „Und nun erhielten wir sehr widersprüchliche und verwirrende Aussagen.“ Diesmal reichten die Auskünfte von der Bitte um Geduld bis zu bereits angeblich bestehenden Verhandlungen mit einem privaten Investor, von ungenügend hoher Bebauungsdichte über Unmöglichkeit an „Private“ verkaufen zu können, von Verweis auf die angespannte Haushaltslage bis zu der Auffassung, dass das Grundstück für ein solches Projekt zu wertvoll sei. „Eine konkrete Antwort jedoch will uns bis heute niemand geben“, kritisieren die beiden.

Ein Beispiel für die Stadt von morgen

Ob es schon Pläne für das Grundstück gibt, ob das Areal bereits vergeben oder versprochen ist – „man sagt uns einfach nichts“. Die Bürgergemeinschaft Nordweststadt stehe hinter dem Projekt und würde die Strohbausiedlung sehr gerne auf dem Gelände realisiert sehen, sagt Geesing. Für September sei ein Bürgerbeteiligungsprozess für die Nordweststadt anberaumt. „Für uns stellt sich allerdings die Frage, was dieser in der aktuellen Situation bringen soll“, so Geesing und Siems, die sich wünschen, dass die Stadt Karlsruhe ein solches Projekt, das ein gelungenes Beispiel für „die Stadt von morgen“ werden kann, nicht einfach hinter verschlossenen Türen abwiegelt.

Initiative sammelt Unterschriften

Deshalb haben sie die Papierschiffchen gebastelt, die sie demnächst an Bürger verteilen werden, um auf das Projekt aufmerksam zu machen und Unterschriften zu sammeln. Mithilfe eines so genannten Einwohnerantrags möchte die Initiative den Gemeinderat verpflichten, sich mit dem urbanen Strohbauprojekt in einer öffentlichen Sitzung zu beschäftigen. Die ersten 100 Unterschriften hat die Initative bereits beisammen, benötigt werden laut Geesing 2 800. „Das ist das Quorum, das wir erreichen müssen.“ Das Quorum richte sich nach der Einwohnerzahl.
Geesing und Siems: „Wir würden uns wünschen, dass die Stadt mit uns und den Bürgern der Nordweststadt einen Weg sucht, die urbane Strohbausiedlung zu realisieren, und damit ein europäisches Leuchtturmprojekt zu schaffen.“

Info-Termin

Eine öffentliche Info-Veranstaltung zu dem Strohbauprojekt findet am Dienstag, 6. September, ab 18.30 Uhr im Saal des Restaurants Akropolis-Ziegler, Baumeisterstraße 18, statt.