Gespräche statt Strafe: Seit 25 Jahren gibt es in der Ortenau den Täter-Opfer-Ausgleich.
Gespräche statt Strafe: Seit 25 Jahren gibt es in der Ortenau den Täter-Opfer-Ausgleich. | Foto: Achim Scheidemann

Erfolgsmodell für die Ortenau

Täter-Opfer-Ausgleich funktioniert seit 25 Jahren

Von Christine Storck
Eine Alternative zum Strafverfahren: Seit einem Vierteljahrhundert gibt es den Täter-Opfer-Ausgleich für Jugendliche und Heranwachsende in Offenburg unter dem Dach der Diakonie. Vor drei Jahren stieg der Landkreis in die Finanzierung ein und öffnete das Angebot für die ganze Region. Bis zu 50 Fälle landen pro Jahr auf dem Tisch der Mediatoren – in 70 Prozent gelingt die außergerichtliche Schlichtung, berichten die Diakonie-Verantwortlichen in einem Pressegespräch.

Nur wenige melden sich selbst

Mit einem handfesten Konflikt fängt alles an. In den meisten Fällen, um die sich die Offenburger Mediatorin Rosemarie Bartsch und ihr Kehler Kollege Thomas Krestel kümmern, geht es dabei um Körperverletzung, aber auch Beleidigung oder Drohung. Geschickt werden die Beteiligten von der Staatsanwaltschaft vor Anklageerhebung, vom Jugendrichter oder aber gleich zu Beginn polizeilicher Ermittlungen. Das Ziel der Ausgleichsgespräche: eine Einigung möglichst ohne Richter oder Anwälte zu schaffen. „Die Jugendlichen können sich auch selbst melden, aber das machen die wenigsten“, sagte Rosemarie Bartsch.

Chancen für beide Seiten

Die professionelle Mediation ist auf ungefähr drei Monate ausgelegt und will vor allem Chancen bieten – für beide Seiten. Wer als Jugendlicher zum ersten Mal straffällig wird, kann auf diesem Weg darstellen, wie es dazu kam. Er kann dafür die Verantwortung übernehmen, sich beim Opfer entschuldigen und den entstandenen Schaden wieder gut machen aber auch erreichen, dass das Verfahren eingestellt wird, so Bartsch.

Schaffen Chancen zur Wiedergutmachung: Die Mediatoren Thomas Krestel und Rosemarie Bartsch und Mario Herrmann, stellvertretender Geschäftsführer des Diakonischen Werks im Evangelischen Kirchenbezirk Ortenau.
Schaffen Chancen zur Wiedergutmachung: Thomas Krestel, Rosemarie Bartsch und Mario Herrmann. | Foto: Storck

„Das hat eine ganz andere Dimension, als wenn die jungen Leute in sich gekehrt ein Urteil über sich ergehen lassen. Die Beteiligten bekommen ihre Selbstbestimmung über die Konflikte zurück“, ergänzte Thomas Krestel. Allerdings: Täter und Opfer müssen es wollen, und der Tatablauf sollte klar sein. „Wir stellen keine Wahrheit fest“, betonte Krestel. Die Mediatonsgespräche sind kostenfrei, vertraulich und vor allem freiwillig. Im Mittelpunkt steht dabei jedoch der Opferschutz. Geschädigte einer Straftat können auf diese Weise über Wut, Enttäuschung oder Angst sprechen, den Konflikt beilegen und gegebenenfalls ohne Zivilklage Genugtuung und Schadensersatz erreichen. Dabei werden zuerst getrennte Vorgespräche geführt. Sind alle bereit, wird eine persönliche Begegnung arrangiert und die Aussprache begleitet.

Rückmeldung ans Gericht

Am Ende können neben der Entschuldigung zum Beispiel eine symbolische Wiedergutmachung, die Zahlung eines Schmerzensgeldes oder eine Schadensersatzleistung stehen. Die getroffene Vereinbarung wird als Vertrag aufgesetzt. „Wir überprüfen auch, ob alle sich daran halten“, erklärte Rosemarie Bartsch. Dann erfolgt die Rückmeldung ans Gericht.

Vor 25 Jahren startete das „Projekt Handschlag“ unter dem Dach bei der Diakonie in Offenburg. Bis 2012 war es jedoch lediglich für dort lebende Jugendliche und Heranwachsende von 14 bis 21 Jahren gedacht. Ein weiteres Angebot existierte parallel beim Bezirksverein für soziale Rechtspflege in Lahr. 2013 ist der Kreis in die Finanzierung des „Täter-Opfer-Ausgleichs“ eingestiegen und unterstützt beide Einrichtungen seither mit jeweils 30 000 Euro im Jahr. Die Diakonie unterhält eine halbe Stelle in Offenburg und Kehl, während der Bezirksverein mit einer halben Stelle für Lahr und das Kinzigtal zuständig ist. Das Angebot richtet sich an den ganzen Kreis.