Zu gewaltsamen Streitigkeiten ist es hinter dieser Tür in der Grunbacher Nagoldstraße zwischen dem darin lebenden Paar wohl häufiger gekommen.
Zu gewaltsamen Streitigkeiten ist es hinter dieser Tür in der Grunbacher Nagoldstraße zwischen dem darin lebenden Paar wohl häufiger gekommen. | Foto: Richter/Archiv

Opfer wog nur noch 54 Kilo

Totschlagprozess: Angeklagter ging schnell durch die Decke

Bei der Verlesung der Anklageschrift am vergangenen Mittwoch im Schwurgerichtssaal des Landgerichts Karlsruhe riss Oberstaatsanwältin Gabriele Gugau nur kurz an, wie die 33-jährige Grunbacherin in der Nacht zum 5. April ums Leben kam. Ein schwere Verletzung des Leberlappens hatte wie berichtet  laut Anklage zu tödlichen inneren Verletzungen geführt. Am 19. Oktober, dem zweiten Verhandlungstag, werden zwei Gutachter der Heidelberger Rechtsmedizin die Todesumstände näher beleuchten. Weiter werden laut einem Gerichtssprecher vier Polizeibeamte aussagen.

Verwesungsgeruch durchzog das Haus

Der Beamte vom Polizeirevier Neuenbürg, der den Einsatz am 9. April geleitet hatte, dem Tag, an dem die Leiche der jungen Frau gefunden wurde, sagte bereits am Mittwoch aus. Beim Betreten des Hauses in der Grunbacher Nagoldstraße 1 stieg ihm sofort Verwesungsgeruch in die Nase, sagte er. Als Richter Leonhard Schmidt Aufnahmen der Leiche zeigen möchte, rät er dem Vater des Opfers, den Saal zu verlassen. Die Mutter ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht anwesend. Als „netten Mann“ habe sie den Freund ihrer Tochter am Anfang der Beziehung vor etwa zweieinhalb Jahren empfunden, sagt sie am Nachmittag.

Freundin als „Missgeburt“ und „Teufelsbraut“ beschimpft

Zuletzt habe ihre Tochter erzählt, der Angeklagte würde sie häufig beschimpfen: Die Worte „Missgeburt“, „Hure“ und „ Teufelsbraut“ sollen gefallen sein. Als „extrem eifersüchtig“ beschreibt sie den Freund ihrer Tochter. Alles andere als harmonisch war die Beziehung auch aus Sicht mehrerer Zeugen aus dem Arbeitsumfeld. Sie steckte eine CD in die falsche Hülle, ließ die Lieblings-Müslischale fallen: Offenbar ein Grund für den Angeklagten, immer wieder die Beherrschung zu verlieren, mit Fäusten um sich zu schlagen und wüste Beleidigungen auszustoßen, wie eine Kollegin aus der Verkaufskantine bei einer Pforzheimer Firma schilderte. Dennoch habe die Grunbacherin zu ihr gesagt: „Ich liebe den Mann und brauche ihn wie die Luft zum Atmen.“

33-Jährige wog nur noch 54 Kilo

Andere Kolleginnen sagten aus, dass sich die früher „lebenslustige“ und „humorvolle“ Frau immer mehr in sich zurückzog. Sie nahm stark ab, sei am Ende „nur noch Haut und Knochen“ gewesen, wog 54 Kilogramm bei einer Größe von 1,72 Meter. Angefangen habe das, als sie mit dem Angeklagten zusammen kam. Er habe sie auch dazu gedrängt, ins Fitnesssudio zu gehen, weil ihm ihre Figur nicht gefiel. Mit ihrer Arbeitsleistung habe sie in dieser Zeit stark nachgelassen, betonte die Leiterin der Verkaufskantine. Sie sei immer abgelenkt gewesen, hätte zeitnah auf Whatsapp-Nachrichten des Beschuldigten antworten müssen, der in derselben Firma arbeitete, wo sie sich 2014 auch kennengelernt hatten.

Sie wollte ein Kind, er nicht

Das junge Paar war verlobt. Sie wollte ein Kind und hatte die Pille abgesetzt, was ihm gar nicht gefiel. „Ich war nicht bereit, den nächsten Schritt zu gehen“, sagte der heute 33-Jährige, der mit fünf Jahren aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland kam und vor dem Hauskauf in Grunbach im Pforzheimer Stadtteil Haidach wohnte. Aus seiner Sicht waren sie in der Anfangszeit sehr verliebt, gingen gemeinsam auf Konzerte oder zu Spielen des VfB Stuttgart. Irgendwann sei es ihm dann zu viel geworden, er habe sich eingeengt gefühlt, wollte mehr Freiheiten, sie sei schließlich „zickig“ geworden. Zeugen charakterisieren den Mann, der wegen Depressionen in Behandlung war, als „kontrollierend“.

Das Gutachten des Psychiaters wird am dritten Verhandlungstag am 25. Oktober erwartet.