Freispruch im Berufungsverfahren: Weil das Gericht dem vermeintlichen Missbrauchsopfer nicht glaubte, muss ein 49-Jähriger nicht ins Gefängnis.
Freispruch im Berufungsverfahren: Weil das Gericht dem vermeintlichen Missbrauchsopfer nicht glaubte, muss ein 49-Jähriger nicht ins Gefängnis. | Foto: Arne Dedert/Archiv

Freispruch nach Berufung

War Tat Traum oder Wirklichkeit?

Von Christiane Viehweg

Der Fall schien eindeutig: Wegen sexuellen Missbrauchs und Vergewaltigung Wehrunfähiger wurde im Februar vergangenen Jahres ein 49-jähriger Ingenieur zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und vier Monaten verurteilt. Er wurde noch im Gerichtssaal verhaftet und ins Gefängnis gebracht. Am vergangenen Dienstag wurde er von der Berufungskammer unter Vorsitz von Richterin Sabine Salomon freigesprochen.
Laut der damaligen Anklage hatte er das gleichaltrige Opfer an deren Geburtstag in seine Wohnung gelockt und die Tür abgeschlossen, als sie gehen wollte. Die Frau leidet an Narkolepsie, Schlafattacken zu allen möglichen Zeiten, die unter anderem auch durch Stress ausgelöst werden können. Sie geriet in Panik und fiel in Tiefschlaf.

Frau gab Schmerzen im Intimbereich an

Als sie aufwachte, fand sie sich, so ihre Aussage, auf der Couch des Mannes, hatte Schmerzen im Intimbereich und heftige Blutungen. Ihre Leggins habe der Angeklagte in der Hand gehabt. Auch jetzt habe er sie nicht gehen lassen, sondern noch Oralverkehr erzwungen. Aus Scham vertraute sie sich erst nach Tagen ihrer Freundin an, die umgehend die Polizei alarmierte. Da mehrere Tage vergangen waren, erbrachten gynäkologische Untersuchungen wenig. Dass „etwas“ geschehen sein musste, bestätigte die Frauenärztin zwar, aber was, ließ sich nicht mehr feststellen.

Angeklagter beteuerte seine Unschuld

Der Angeklagte hatte immer wieder seine Unschuld beteuert, aber die Richter des Schöffengerichtes unter Vorsitz des damaligen Amtsgerichtsdirektors Karl-Michael Walz glaubten ihm nicht. Die Aussage der Frau sei so detailreich gewesen, dass man sie nicht erfinden könne, sagte Walz in der Urteilsbegründung. Der Angeklagte hatte – wie damals berichtet – erklärt, die Frau, die im selben Haus wie er wohnt, habe ihn mit einer Flasche Sekt besucht und sei dann plötzlich eingeschlafen. Er habe währenddessen in der Küche ferngesehen. Sonst sei nichts geschehen.

Anonymer Anruf: Opfer sei Lügnerin

Am nächsten Tag erhielt die Verteidigerin des Ingenieurs, Susanne Burkhardt, den anonymen Anruf einer Frau, die den Artikel gelesen hatte. Sie erklärte, das Opfer (den Namen kannte sie), sei eine Lügnerin. Das könne anhand eines Urteils bewiesen werden. Sie nannte der Anwältin Details, die diese an die Berufungskammer weiterleitete. Diese gab ein Glaubhaftigkeitsgutachten über das mutmaßliche Opfer in Auftrag. Die Sachverständige schilderte am Dienstag in der Berufungsverhandlung zur allgemeinen Verblüffung, dass 83 Prozent aller Narkolepsiepatienten Traum und Realität beim Aufwachen nicht unterscheiden könnten. Daher sei es nicht auszuschließen, dass sich das Opfer irre. Dass die Tat möglicherweise nie stattgefunden habe.

Gericht: Tat sei nicht zweifelsfrei nachzuweisen

Verteidigerin Burkhardt beantragte deshalb Freispruch. „Es war keiner dabei“, sagte sie, aber die Aussage der Frau sei reich an Widersprüchen gewesen. Seltsam sei auch, dass sie mit starken Blutungen keinen Arzt aufgesucht habe, da sie ja aus gesundheitlichen Gründen häufig medizinische Hilfe in Anspruch nehmen müsse. Oberstaatsanwältin Gabriele Gugau schloss sich dem Freispruch in ihrem Plädoyer an. „Kein Mensch wäre auf Unglaubhaftigkeit der Zeugin gekommen. Aber der Traum wird, wie wir gehört haben, als absolute Wahrheit erlebt.“ Es sei nicht mit Sicherheit festzustellen, was die Wahrheit sei. Es gehe aber um den Nachweis. Auch die Kammer verkündete nach kurzer Beratungszeit den Freispruch. Objektive Beweise gebe es nicht, begründete Richterin Salomon das Urteil. Die Tat sei dem Angeklagten, der in der Vergangenheit eine einschlägige 22-monatige Bewährungsstrafe erhalten hatte, nicht zweifelsfrei nachzuweisen. Eventuell sei etwas gewesen, aber was? Die erforderliche Gewissheit, den Mann zu verurteilen, fehle.