Ein selbst gebastelter Engel mit goldenem Stirnband soll am Christbaum an ein verstorbenes Familienmitglied erinnern. Im Bild Maria Kopf mit Kindern aus der Trauergruppe. | Foto: Roland Spether

Trauerarbeit in Obersasbach

„Weihnachten darf nicht ausfallen“

Von Roland Spether

Es duftet nach Weihnachten. Kerzen verströmen ein warmes Licht und in der Mitte eines richtig gemütlichen Raumes mit weihnachtlicher Atmosphäre sitzen Kinder auf bunten Hockern. Nichts deutet darauf hin, dass auf den Seelen und Herzen der Kinder ein großer Schmerz und ganz viel Trauer liegen. „Für wen möchtest Du heute eine Kerze anzünden?“ will Maria Kopf vom Pallium-Verein von jedem der Kinder wissen, das dann auch eine Kerze anzündet und dabei ganz fest an den verstorbenen Bruder oder Vater dacht.

Tiefes Loch in der Seele

Dass Weihnachten nicht für alle das Fest des perfekten und ungetrübten Lebens ist, weiß Maria Kopf aus ihrer Arbeit mit Kindern nur zu gut. Denn wenn der Vater oder die Mutter nach einer schweren Krankheit verstarb oder ein Geschwisterkind tödlich verunglückte, fehlt jemand im Weihnachtszimmer – und diese Lücke reißt ein tiefes Loch in die Seele der Hinterbliebenen.

Erinnerungen werden lebendig

Wenige Tage vor Heilig Abend hatte das Treffen der Gruppe „Kind und Trauer“ des Pallium-Vereins im Sasbacher Ortsteil Obersasbach einen besonderen Akzent, denn an keinem anderen Fest werden so stark Gefühle angesprochen und Erinnerungen lebendig wie an Weihnachten. „Auch wenn ein geliebtes Mitglied einer Familie gestorben ist, darf Weihnachten nicht ausfallen. Man kann Kindern nicht Weihnachten nehmen, sonst haben sie einen weiteren Verlust zu verarbeiten“, so Maria Kopf, die Leiterin des Pallium-Fachbereiches „Kind und Trauer“.

Gemütliches Weihnachtszimmer

Mit der Mitarbeiterin Laura Morelli hatte sie für die regelmäßig sich treffenden Kinder der Trauergruppe ein richtig schönes und gemütliches Weihnachtszimmer vorbereitet, in dem es den jungen Gästen leichtfiel, aus ihren ganz unterschiedlichen und nicht immer einfachen Alltagserfahrungen anzukommen und in einen Raum voller Vertrauen und Verständnis einzutauchen.

Gedanken und Gefühle

Wer wollte, konnte auf die persönliche Frage von Maria Kopf „na, wie geht’s dir denn heute“ etwas mehr sagen, musste dies aber nicht. Manchmal kamen dann Gedanken und Gefühle ganz von selbst. Viel wichtiger war, dass sich die Kinder angenommen wussten und mit anderen zusammen sein konnten, die nach dem Tod eines Familienmitglieds auch viel Trauer in ihren Herzen tragen und damit an diesem Weihnachten und danach klar kommen müssen. Da können gute, vertrauensvolle und aufbauende Worte von Maria Kopf ganz gut weiterhelfen, dem Leben eine neue, andere Ausrichtung zu geben.

„Trostsalbe“ und „Seelenvögel“

Manchmal sind es aber auch ganz kleine Symbole und Rituale, wie die Zubereitung einer wohlriechenden „Trostsalbe“ oder selbst gefertigte „Seelenvögel“, die den großen Kummer und die Trauer hinauf in den Himmel zum Papa oder zur Mama tragen.

Engel gebastelt

Es können auch mit viele Liebe gebastelte Engel sein, die in Erinnerung an den Verstorbenen am Christbaum aufgehängt werden und nach Weihnachten nicht in einer Schachtel aufgehoben werden, sondern im Kinderzimmer als bleibende Erinnerung ihren Platz finden. Solche Engel haben Maria Kopf und Laura Morelli mit den Kindern gebastelt und darüber gesprochen, wie sie den Heiligen Abend und die Feiertage verbringen.

Ein Platz bleibt frei

Auch im Werkraum neben dem heimeligen Weihnachtszimmer setzte sich die angenehme Atmosphäre fort und es war zu spüren, wie gerne die Kinder zu diesen Treffen kommen und wie gestärkt sie wieder nach Hause gehen. Während des Bastelns erzählten die Kinder, dass sie an Heilig Abend den Friedhof besuchen, in die Kirche gehen, zu Abend essen und danach die Geschenke auspacken und damit an einem für die Familie wichtigen Ritual festhalten, das sie auch vor dem Tod eines Familienmitglieds wahrgenommen haben. Mit dem Unterschied, dass nun am festlich gedeckten Tisch ein Platz frei bleibt. Dafür wird vielleicht eine Kerze angezündet und ein Engel mit goldenem Stirnband und ausgebreiteten Flügeln an den Christbaum gehängt, der wie ein himmlischer Bote viele schöne Erinnerungen und liebende Worte in die andere Welt hinüber trägt.