Von Jagd-Romantik ist derzeit in Önsbach wenig zu spüren. Hinter den Kulissen sorgt die Art der Pachtvergabe an den bisherigen Pächter für Kritik. | Foto: dpa

Streit um die Önsbacher Jagd

Wie David gegen Goliath

„Da ist stets Emotion pur, wenn eine Jagd verpachtet wird.“ Tatsächlich bestätigt sich diese Erkenntnis eines Insiders beim Blick auf die jüngst im Acherner Stadtteil Önsbach getroffene Entscheidung, die dortige Jagd erneut dem seit vielen Jahren engagierten Bewerber zuzuschlagen. Auf der Strecke blieb eine Gemeinschaft junger Jäger aus dem Nachbarort Fautenbach. Diese fahren nun schweres Geschütz auf: „Für uns war das Verfahren der Entscheidungsfindung intransparent und voreingenommen“, heißt es in einem dieser Zeitung vorliegenden Schreiben an Oberbürgermeister Klaus Muttach.

„Intransparent und voreingenommen“

Es scheint wie der berühmte Kampf von David gegen Goliath: Bei dem rund 700 Hektar großen Revier in Önsbach handelt es sich nämlich nicht um eine Jagd wie jede andere. Hier steht die sogenannte Kiesinger-Linde als Erinnerung an den Tag, als der ehemalige Bundeskanzler Kurt-Georg Kiesinger hier als „Ehrentreiber“ unterwegs war. Und wenn hier Industrielle und Politiker auf Promi-Pirsch gehen, ist das schon so etwas wie ein gesellschaftliches Ereignis. Ausgerechnet diese prestigeträchtige Jagd haben also die jungen Fautenbacher Jäger im Visier.

„Es herrscht ein sehr hoher Wilddruck“

Unterstützung fanden sie in einem Teil der Landwirtschaft. Die Bauern klagen über Schäden an ihren (Sonder-)Kulturen, verursacht durch das Wild, das, so ihr Vorwurf, von den Önsbacher Jägern bisher nicht im erforderlichen Ausmaß reduziert wird. In diese Kerbe zielten denn auch die Fautenbacher Bewerber: Es sei, so ließen sie Oberbürgermeister Klaus Muttach wissen, auf Önsbacher Gemarkung „keine Seltenheit, am Tag 20 bis 30 Stück Rehwild beobachten zu können“. Obendrein bemängeln sie die jagdlichen Einrichtungen. Deren Zustand sei so schlecht, dass ein aktives Wildtiermanagement schwer vorstellbar sei. Ein Landwirt bestätigte das gegenüber dem ABB: „Es herrscht ein sehr hoher Wilddruck.“

Abschussquote erfüllt? Landwirte klagen über Verbissschäden und führen das auf einen zu höhen Rehwildbestand zurück. | Foto: dpa

Auf verlorenem Posten

Am Ende kämpften die Fautenbacher Bewerber auf verlorenem Posten: Bei der Versammlung der Jagdgenossen fanden sie in der vergangenen Woche nicht die erforderliche Mehrheit. Dennoch verlief die hinter verschlossenen Türen tagende Versammlung offenbar nicht ganz nach Wunsch derer, die am liebsten alles so gelassen hätten, wie es bisher war: Im Gegensatz zur bisherigen Praxis soll die Önsbacher Jagd beim nächsten Mal öffentlich ausgeschrieben werden, außerdem fand sich eine Mehrheit für die Einberufung eines Beirats, in dem dann auch Landwirte als Beisitzer tätig sind und gehört werden müssen.

Keine ernsthafte Chance?

Auf diese Weise soll künftig unter anderem sichergestellt werden, dass sich alle Bewerber um die Jagd vorstellen können. In der vergangenen Woche hatten die Fautenbacher Bewerber diese Chance nicht: „Als langjährige Bürger der Stadt Achern hätten wir im Sinne einer transparenten und fairen Entscheidungsfindung zumindest erwartet, dass allen Bewerbern in gleicher Weise die Möglichkeit einer Vorstellung und uns eine ernsthafte Chance geboten wird“, ließen sie den Oberbürgermeister wissen. Insbesondere hätten Vertreter der Gemeinde beziehungsweise Mitglieder des Ortschaftsrats gegen ihre Bewerbung gestimmt. Gegenüber dem ABB legten sie Wert auf die Feststellung, dass sich ihr Protest lediglich gegen das angewandte Verfahren und nicht gegen die gegenwärtigen Jagdpächter richte.

Vorwürfe zurückgewiesen

Klaus Muttach wies die Vorwürfe zurück. In einem Schreiben an die Fautenbacher Bewerber bestätigte er, dass in Önsbach die Funktion des Jagdvorstands durch den Ortschaftsrat wahrgenommen werde und man sich gegen die Ausschreibung der Jagd ausgesprochen habe. Da die Stadt Achern bei der Entscheidung über den künftigen Jagdpächter jedoch nur über eine Stimme verfügte, habe das Votum des Stadtteils Önsbach bei der Abstimmung über die Vergabe der Jagdpacht „definitiv keine Rolle gespielt“. Eine „deutliche Mehrheit“ der Jagdgenossen habe „offensichtlich beim Angebot des letztendlich obsiegenden Mitbewerbers die größeren Vorteile gesehen“. Er habe als Oberbürgermeister „keine Möglichkeit, auf die Vergabe Einfluss zu nehmen.“

„Wald im besten Zustand“

Man habe den „Mindestabschuss“ selbstverständlich eingehalten, ist seitens der bisherigen und künftigen Jagdpächter zu hören. Der Önsbacher Wald sei „im besten Zustand“, hieß es mit dem Verweis auf Baumpflanzaktionen und das über das rein jagdliche Interesse hinaus gezeigte Engagement der Jäger. Schützenhilfe kommt in diesem Punkt aus der Stadtverwaltung. Christian Zorn verwies in einer Stellungnahme  auf „Maßnahmen, die der bisherige Jagdpächter gut gemacht hat“. Dabei nennt der Chef der kommunalen Liegenschaftsverwaltung unter anderem die Reparatur von Waldwegen auf eigene Kosten, die Schadensbegleichung bei Wildschäden oder die Anlage und Pflege einer Blumenwiese. Zorn äußert sich darüber hinaus zum Vorwurf des mangelnden Jagddrucks auf das Rehwild: Die entsprechende Zielvereinbarung für Önsbach sei bereits 2016 neu verhandelt worden – mit der Folge, dass man der Abschuss von Rehwild um 25 Prozent erhöht habe. Zorn weiter: „Man kann einen Rehwildbestand aber nicht gleich auf das gewünschte Ziel abschießen, sondern muss hier ausgewogen handeln. Sollte eine Jagd kein Rehwild oder Niederwild haben, ist sie weniger wert.“

Jagdgenossenschaft
Jagdgenossenschaften sind Körperschaften öffentlichen Rechts. In ihr sind alle Grundeigentümer einer Gemeinde vereint, die jeweils weniger als 75 Hektar Grundfläche besitzen und zusammen über eine Fläche von mindestens 150 Hektar verfügen. Als öffentlich-rechtliche Genossenschaft dienen die Jagdgenossenschaften sowohl dem direkten Nutzen der Allgemeinheit wie auch den Interessen der einzelnen Mitglieder.
Die Jagdgenossenschaften werden von einem gewählten Jagdvorstand geführt. Entscheidungen und Beschlüsse werden durch Abstimmungen getroffen, wobei eine Mehrheit der Personen und der Fläche maßgeblich ist. Die Leitprinzipien der Jagdgenossenschaften sind: Selbstverwaltung, Selbstverantwortung und Selbsthilfe. Das Bundesjagdgesetz und die Jagdgesetze der Länder sorgen dafür, dass staatliche Aufsichts- und Gestaltungsmaßnahmen auf ein Mindestmaß beschränkt bleiben können. Die Jagdgenossenschaften regeln ihre Verhältnisse in eigener Verantwortung. (Quelle: Bundesarbeitsgemeinschaft der Jagdgenossenschaften und Eigenjagdbesitzer).