Mehr Polizeipräsenz soll mehr Sicherheit bieten.
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Debatte im Rastatter Schloss

„Wir dürfen der Angst nicht erliegen“

„Die totale Ratlosigkeit ist greifbar.“ Ganz so düster, wie es der stellvertretende Chefredakteur des ZDF, Elmar Thevesen, formulierte, endete dieser spannende Diskussionsabend im vollen Ahnensaal des Rastatter Schlosses nicht. Thevesen, für den wohl die Berufsbezeichnung Terrorexperte erfunden wurde, diskutierte mit dem Historiker Peter Steinbach über die Gefahren der Demokratie.
„Die Zivilisationsdecke ist dünn. Wir schauen in die Dunkelheit, von der wir dachten, dass wir sie überwunden hatten“, analysierte Thevesen im Angesicht von Terror, Rechtsextremismus und großer Verunsicherung. Steinbach und Thevesen bezogen sich in ihren Thesen immer wieder auf die 13 Offenburger Forderungen von 1847 – einem prägnanten historischen Dokument, das selbst heute noch Antworten auf moderne Herausforderungen liefern könne, wie der Historiker es ausdrückte. Die Toleranz, das Bekenntnis zur Gewissensfreiheit und die Religionsfreiheit sieht er auch heute noch als die Grundprinzipien der Demokratie an. „Dieses Dokument weist die Kritiker der Demokratie in ihre Schranken“, so Steinbach.
In Zeiten des Schmähbegriffs Lügenpresse hält Thevesen die Offenburger Forderung nach Pressefreiheit für besonders elementar: „Wir müssen das entschieden zurückweisen, dass wir in Deutschland eine Lügenpresse haben.“ Thevesen brach eine Lanze für den journalistischen Berufsstand und nahm soziale Medien ins Visier. Ähnlich äußerte sich Steinbach über Facebook und Co. „Ich tue mich schwer, ein Medium zu beschimpfen. Aber klar ist auch: Wir sind diesem Medium und dem missbräuchlichen Umgang damit nicht gewachsen.“ Terroristische Bewegungen seien autistisch. Sie suchen nicht den Dialog, sondern nur die Bestätigung. „Wir müssen die Freude an der Verunsicherung wieder beleben“, erklärte Steinbach. Populisten wie die AfD-Lautsprecher Frauke Petry oder Alexander Gauland müsse man stellen, mit Fakten konfrontieren, so Thevesens Forderung.
Hier die Rechtsausleger, dort die Terroristen – trotz allem will Thevesen keinen „Kampf der Kulturen“ sehen. Beide Seiten setzten ja gerade auf die Polarisierung der Gesellschaft. Die Thesen des norwegischen, rechstextremistischen Massenmörders Anders Breivik unterschieden sich nicht wesentlich von den Strategien des IS.
„Wir dürfen der Angst nicht erliegen“, warnte der Historiker und Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Peter Steinbach. Die AfD sei zutiefst reaktionär, so seine Einschätzung. Dabei ließen sich Menschen sehr wohl auf Veränderungen ein. „Man muss es sich nur zutrauen.“
In der Globalisierung schließlich sah Thevesen eine der Ursachen für den zunehmenden Terrorismus. „Wir müssen nicht nur die Ideologien wie den Salafismus bekämpfen, sondern auch die Ungerechtigkeiten, die die Globalisierung mit sich bringt“, bilanzierte der ZDF-Journalist.
Unser gesellschaftliches System sei komplex. Terror-Bewegungen hätten einfache Lösungen. „Es fehlt an der Bereitschaft, für diese Form der Gesellschaft einzutreten“, adressierte Steinbach seine Mahnung an alle gemäßigten Kräfte. Europa wisse nicht mehr, wer es ist, zitierte Thevesen US-Präsident Barack Obama. „Aber, die die uns herausfordern, die wissen genau, was sie wollen.“ Wenn er die Wahl hätte, zwischen Freiheit oder Sicherheit“, so fragte die Moderatorin Ursula Nusser am Ende, wie fiele seine Entscheidung aus. „Ich würde mich hoffentlich immer für die Freiheit entscheiden. Bin mir da aber auch nicht ganz sicher“, so Steinbach schmunzelnd.