Simplicissimus-Haus
„Sein schönstes Baby“ nennt Renchens früherer Bürgermeister Klaus Brodbeck das Simplicissimus-Haus. | Foto: Coenen (Archiv)

Klaus Brodbeck im Interview

Grimmelshausen-Freunde Renchen feiern 40. Geburtstag

Die Renchener Grimmelshausen-Freunde feiern am Freitag, 5. August, ihr 40-jähriges Bestehen. Vereinsvorsitzender ist seit 31 Jahren Klaus Brodbeck, früherer Bürgermeister von Renchen und ehemaliger Landrat des Ortenaukreises. Im ABB-Gespräch blickt er anlässlich dieses Jubiläums zurück.

Was fasziniert Sie an Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen?

Brodbeck: Grimmelshausen war nicht nur ein Geschichtenerzähler. Er hat sich im Grunde mit allen Fragen der Menschheit beschäftigt. Es beginnt mit dem Knaben, der nicht weiß, wie er heißt. Wenn ihn niemand durch Bildung formt, bleibt er ein einfacher Mensch, ein Simpel – ein Simplicissimus. Grimmelshausen hat es verstanden, um diese Sinnfragen lustige Geschichten zu basteln, um die Leser bei Laune zu halten. Es ging nicht nur um den Dreißigjährigen Krieg. Er schrieb unter anderem über die Bedeutung von Geld, von Sitte und Moral, den Berufsstand der Ärzte. Es gibt ein Kapitel „Verkehrte Welt“ in dem er die aus den Fugen geratene Welt beschreibt. Alle Themen, die er abgehandelt hat, sind auch im 21. Jahrhundert noch hochaktuell. Das ist das Faszinierende an Grimmelshausen.

In einem Aufsatz über die Grundsteinlegung des Hauses schreiben Sie, dass in dieser Zeit das Grimmelshausen-Fieber ausbrach – wie sah das damals in Renchen aus?

Brodbeck: 1976 beging man feierlich den 300. Todestag von Grimmelshausen, das war ein riesiges Stelldichein von Grimmelshausen-Forschern aus aller Welt. Damals besann man sich in Renchen auch, was es heißt, Grimmelshausen-Stadt zu sein. Als ich 1985 das Amt des Bürgermeisters antrat, war das Haus schon erworben und stand leer. Es gab Pläne, die aber nicht brauchbar waren, und wir machten nach einem Architektenwettbewerb das daraus, was wir heute vorfinden.

Wie ging es dann weiter?

Brodbeck: Wir vereinbarten mit der Stadt Renchen, dass der Umbau von den Grimmelshausen-Freunden organisiert wird. Es gab zwei private Sponsoren, die jeweils 300 000 Mark gaben, nicht der Stadt, sondern dem Verein, dessen Vorsitzender ich war. Die Stadt gab dem Verein dann auch noch 300 000 Mark, so konnten wir den Umbau umsetzen. Weitere Unterstützung erfuhren wir von der Agentur für Arbeit in Offenburg, dem Schiller-Nationalmuseum in Marbach am Neckar und der Denkmalstiftung Baden-Württemberg. Das Haus ist mein schönstes Baby aus der Bürgermeisterzeit. Planung und Realisierung haben 13 Jahre gedauert.

Klaus Brodbeck
Seit 30 Jahren ist Klaus Brodbeck Vorsitzender der Grimmelshausen-Freunde. | Foto: pr

Die Grimmelshausen-Freunde feiern morgen ihr 40-jähriges Bestehen. Was war Ihr persönlicher Höhepunkt?

Brodbeck: Die Simplicissiumus-Ausstellung 1990, die wir in dem noch alten Gebäude mit minimalem Aufwand im Erdgeschoss gezeigt haben. Da haben wir nur ein paar Teppiche reingelegt und die Wände weiß getüncht. Die Eröffnung 1990 war ein absolutes Highlight, auch das Rahmenprogramm, das Martin Bircher (Barockforscher) damals mit Christian Juranek (Birchers Assistent) entwickelte, war einer der Höhepunkte meines Schaffens in Renchen überhaupt. Dann 1998 natürlich die endgültige Einweihung nach unnötigen und zugleich lästigen Auseinandersetzungen mit der Stadt Oberkirch und Privatpersonen. Auch der Entstehungsprozess des Hauses, das war eine Zeit, die ich nicht missen wollte. An fast jedem Nagel, jeder Schraube war ich – bildhaft gesprochen – in irgendeiner Form beteiligt: Das schafft natürlich eine besonders emotionale Bindung zu dem Haus.

Waren diese Streitigkeiten auch die größte Herausforderung?

Brodbeck: Ich kam 1985 ja als Unbefangener und musste den Streit befrieden und neue Lösungen finden. Das ist mir auch rasch gelungen, bald waren die Streitigkeiten vergessen. Manchmal flackern sie noch auf: Wo hat Grimmelshausen nun seine Werke geschrieben? Das ist so was von unwesentlich, entscheidend ist, dass sie herausgegeben worden sind. Was man sagen kann: Renchen ist die Zeit seiner dichterischen Ernte gewesen. Den Roman hat er ja zehn, vielleicht sogar 20 Jahre geplant.

Das Haus ist nach eigenen Angaben das erste rezeptionsgeschichtliche Literaturmuseum in Deutschland. Warum diese Form?

Brodbeck: Das hat schlicht und ergreifend mit der Tatsache zu tun, dass wir zu wenige Originale besitzen, um damit eine komplette Ausstellung füllen zu können. Die rezeptionsgeschichtliche Konzeption beschäftigt sich mit der Wirkungsgeschichte und geht der Frage nach, welche Bedeutung dieses Werk, das vor 350 Jahren erschienen ist, in der heutigen Zeit hat. Das ist ja viel spannender als nur die Historie zu zeigen. Wenn das, was Grimmelshausen geschrieben hat, nur für die damalige Zeit wichtig gewesen wäre, würde sich heute niemand mehr mit seinem Werk beschäftigen. Deshalb ist das die modernere Form der Präsentation von einem literarischen Werk – bislang einmalig in Deutschland. Und das Besondere an der Ausstellung ist: Jeder Künstler hat denselben Text gelesen, aber jeder hat davon eigene Bilder im Kopf entwickelt, und die sehen bei jedem Menschen je nach seiner Prägung ganz anders aus.

Wie entstand die Sammlung des Simplicissimus-Hauses?

Brodbeck: Wenn irgendwo auf der Welt etwas zu Grimmelshausen verkauft wurde, ging das Angebot auch über den Schreibtisch von Bircher. Er rief mich dann immer an und fragte, ob wir kaufen wollen. So haben wir die Sammlung in wenigen Jahren aufgebaut. Wir haben die weltweit größte Sammlung von künstlerischen Interpretationen zu Grimmelshausens literarischem Werk und zeigen nur Originale.

Wie geht es mit den Grimmelshausen-Freunden weiter?

Brodbeck: Ein aktuelles Projekt ist das Thema „Museum als außerschulischer Lernort“. Gemeinsam mit der PH Karlsruhe entwickeln wir ein Konzept für den Museumsbesuch von Schülern. Die Ungerer-Ausstellung zum 900. Stadtjubiläum zusammen mit der Stadt Straßburg geht auf meine Initiative zurück, und es soll nicht das einzige Mal bleiben: Auch 2017 soll es eine gemeinsame Ausstellung geben. Wir haben damit den kulturellen Brückenschlag über den Rhein hinbekommen. Die Stadt soll das unbedingt fortsetzen. Nun sind es 30 Jahre, dass ich Vorsitzender der Grimmelshausen-Freunde bin. In zwei Jahren endet meine Amtszeit. Bürgermeister Bernd Siefermann hat mir zugesichert, dann für die Übernahme des Amtes zur Verfügung zu stehen.