Kirche von Dutch Harbour.
Kirche von Dutch Harbour. | Foto: wit

Alaskas unbekannte Inseln

Lockruf der Wildnis

 

„Nome?“ Der junge Mann am Flughafen von Vancouver blickt reichlich skeptisch auf das Flugticket. Was irgendwie auch verständlich ist, denn das lausige Räubernest an der Beringstraße, wo Russland nur noch einen Steinwurf von Alaska entfernt ist, wird nur selten von Kanadas Westküstenmetropole aus angeflogen. Hätte der skeptische Bursche vor 120 Jahren gelebt, die vier Buchstaben hätten ihn wohl buchstäblich elektrisiert. Damals zu Beginn des 20. Jahrhunderts war der abgelegene Ort mitten im Nirgendwo der Tundra die größte Siedlung des US-Anhängsel, das Sehnsuchtsland Abertausender Glückritter und Abenteurer. Schuld daran waren drei glückliche Schweden, deren Namen in jedem Geschichtsbuch über den 50. US-Bundesstaat verewigt sind: Jafet Lindeberg, Erik Lindblom und John Brynteson. Die drei hatten doch tatsächlich jenes glänzende Edelmetall gefunden, das Männer und Frauen gleichermaßen um den Verstand brachte. Und das an den leicht erreichbaren Stränden der Seward Halbinsel, die per Dampfschiff sehr viel leichter zu erreichen war wie die abgelegenen Golddigger-Gründe am Klondike.

Dorado für Glücksritter: In Nome schlummert das Gold in der Erde.
Dorado für Glücksritter: In Nome schlummert das Gold in der Erde. | Foto: Look

Wer heute nach Nome kommt, um per Schiff die Inselwelt des nördlichen Pazifiks zu entdecken, kann sich kaum vorstellen, dass in diesem gottverlassenen Flecken mit seinen staubigen Straßen und den heruntergekommenen Häusern einst der Bär steppte. Zu Tausenden kamen die goldgierigen Männer und Frauen vom Yukon herüber, zu einem Ort weit abseits jeglicher Zivilisation. Hütten aus Holz in der baumlosen Landschaft? Fehlanzeige. Stattdessen entstand an dem flachen Küstenstreifen eine Zeltstadt, die kaum Schutz gegen eisigen Wind und mörderische Kälte bot. Überall am Fluss wurden Claims abgesteckt, und Nome entwickelte sich zur Boomstadt mit Saloons und Bordellen, wo mancher Glücksritter sein gerade gemachtes Vermögen in Liebesdienste investierte. Doch die Glanzzeit war so schnell vorüber, wie sie heraufgedämmert war, auch wenn die Frontstreet in dem 2000-Seelen-Ort noch immer das „Last frontier“-Feeling jener Jahre widerspiegelt. Schummrige Kneipen, die als Kulisse eines Western-Filmes dienen könnten, reihen sich an der „Hauptverkehrsader“ auf; Bronzestatuen vor der ehemaligen Kirche erinnern an die mutigen Männer und Frauen; die gewaltige Baggerschaufeln, mit denen dem Permafrostboden zu Leibe gerückt wurden, rosten in dem salzhaltigen Ostwind vor sich hin. Nur die PS-starken Allradfahrzeuge, die röhrenden Quads und die Satellitenschüsseln auf den Dächern wollen nicht so ganz ins Bild vergangener Tage passen.
Für Männer wie Bill ist der schmucklose Flecken unweit des Polarzirkels ein magischer Ort. Vor Jahrzehnten kam er wegen der ungezähmten Wildnis, der grenzenlosen Weite und wegen des Lockrufs des Goldes in den hohen Norden. Denn im Sediment der Flüsse, im Sand der meeresumtosten Strände schlummern weiterhin schimmernde Stäube und glitzernde Nuggets , weshalb Glücksritter aus aller Welt im kurzen Sommer hier ihre Zelte aufschlagen. „Der Goldrausch ist noch nicht vorüber“, betont der Aussteiger, der selbst einen anderen Weg gegangen ist. Weil er keine ergiebige Goldader gefunden hat, steht die Waschpfanne in der Ecke, und der ungehobelte Kerl verdient als Gastronom seine Brötchen und lebt von jenen Zeitgenossen, die den Traum von unermesslichem Reichtum nicht aufgegeben haben.
Alaska ist wie eine prall gefüllte Schatzkiste. Gold, Pelze, Erdöl, dazu die fettesten Elche, die gefährlichsten Bären und Flüsse starrend vor Fisch – kein Wunder, dass sich die Geschichte des 50. Bundesstaates wie eine Chronik der Ausbeutung liest.

Abertausende von Seehunden räkeln sich an der steinigen Küste der Prybiloff-Inseln.
Abertausende von Seehunden räkeln sich an der steinigen Küste der Prybiloff-Inseln. | Foto: wit

Wer heute das Glück hat, auf die Pribilof-Inseln zu kommen, winzige Punkte in den Weiten der Beringsee, kann sich nicht vorstellen, welche Tragödien sich an der scheinbar so friedlichen Küste abgespielt haben, wie blutgetränkt jeder Zentimeter des jungen vulkanischen Eilandes ist. Auf den ersten Blick ist die Hauptinsel St. Paul, wo der russische Navigator Gawriil Pribylow 1788 landete, so rau wie das Wetter in diesem Winkel der Welt, wo Meteorologen schon mal 300 Nebeltage im Jahr verzeichnen: ziemlich kahl, kein Baum soweit das Auge raucht, nur wogender Strandhafer und tänzelnde Lupinen, die sich mit ihrem leuchtenden Lila tapfer gegen das Einheitsgrau stemmen. Die paar Trampelpfade verlieren sich in der Tundra; der winzige Ort mit seiner russisch-orthodoxen Kirche wirkt wie ausgestorben. Trotzdem zählt der Flecken Jahr für Jahr Hunderttausende Besucher, die fast ausschließlich auf dem Seeweg kommen. 99 Prozent fallen allerdings in die Kategorie „Nördlicher Seebär“, nur das restliche Prozent ist der Gattung Naturtourist zuzuordnen. So unscheinbar St. Paul auch wirken mag, das Eiland zählt zu den wichtigsten Brutplätzen der Robben, die zielsicher wie ein Navi den langen Weg von Kalifornien hinauf zum 60. Breitengrad meistern. Abertausende von Seehunden räkeln sich dann an der steinigen Küste, brachiale Männchen mit 300 Kilogramm Kampfgewicht, zierliche Weibchen, mit 40 Kilo wahre Leichtgewichte. Wie eine wogende Fleischmasse robben die paarungswilligen Tiere über scharfkantige Steine, rutschen unbeholfen über glattgeschmirgelte Felsbrocken, watscheln gemächlich Richtung schäumende See. Andere beäugen neugierig mit ihren dunklen Kulleraugen die seltsamen Eindringlinge, die hinter einem Bretterzaun mit Sehschlitzen das ausgelassene Treiben im Haren der Bullen und deren blutige Revierkämpfe beobachten.
Zu Tausenden wurden die unbeholfen wirkenden Flossenfüßler wegen ihres feinen Felles abgeschlachtet. Die russischen Pelztierjäger, die dem Dänen Vitus Bering in die neuen Kolonien im Fernen Osten gefolgt waren, gingen nicht gerade zimperlich vor, wurden ebenso von rücksichtsloser Profitgier getrieben wie die Kollegen der Hudson Bay Company in der kanadischen Wildnis. Mord und Totschlag waren Mittel zum Zweck, Unterdrückung der Aleutenstämme erste Wahl, die ihre Steuern in Form von Pelzen zu errichten hatten. Die Prybilof-Seebären stehen zwar mittlerweile unter Schutz – nur die 500 Insulaner dürfen eine Handvoll Exemplare pro Familie für den Eigenbedarf jagen –, doch der Bestand geht dennoch dramatisch zurück. „Waren es früher eine Million Tiere, so sind es heute nur noch 500 000“, erzählt die Naturforscherin Kathe. Vermutlich mache die permanente Überfischung der größten Kolonie Alaskas zu schaffen. Denn ohne ausreichend Nahrung seien viele der so unbeholfen und gleichzeitig anmutig wirkenden Tiere zum Hungertod verurteilt.

Vor der Kulisse der grandiosen Gebirgszüge, die sich in der Dämmerung wie ein Schattenriss am Horizont auftürmen, wirkt selbst ein Kreuzfahrtschiff wie ein Winzling, der sich in eine Welt der Riesen verirrt hat. Viele der Siedlungen, die sich an Alaskas Westküste verlieren, sind noch heute nur aus der Luft oder von See aus erreichbar. Wer sich nicht stundenlang in ein unbequemes Wasserflugzeug quetschen möchte, dem bleibt nur die Kreuzfahrt oder die Fähren des Alaska Marine Highway Systems, um beispielsweise die insgesamt 162 Inseln der Aleuten zu erkunden, die sich bogenförmig von der Alaska-Halbinsel bis zu den russischen Kommandeurinseln aufreihen. Bis 1867 gehörten Unalaska, Attu, Kiska und all die anderen „Geburten“ des pazifischen Feuerrings zum Reich des Zaren, wurden von St. Petersburg statt von Washington regiert. Doch irgendwie scheinen beide Machtzentren Lichtjahre von diesen Außenposten der Zivilisation entfernt zu sein, wo die Natur und nicht der Mensch den Takt angibt. Selbst die Menschen des 4700-Seelen-Nestes Unalaska müssen sich tagtäglich neu erfinden. Schneebedeckte Vulkane, undurchdringliche Berge, schroffe Küsten und tief eingeschnittene Fjorde sind hier keine Postkarte, sondern echtes Gegenüber; statt handzahmer Haustiere gibt es Bären, Weißkopfseeadler und Orcas im Überfluss. Das für Menschen wertvollste Meerestier vor Alaskas Küste ist eher unansehnlich. Die Königs- oder Monsterkrabbe wird bis zu zehn Kilo schwer, bringt es auf eine Spannweite von 180 Zentimetern und sieht alles andere als niedlich aus, schmeckt dafür aber wahnsinnig lecker. Spätestens seit dem Erfolg der Doku-Reality-Serie „Deadliest Catch“, die in Deutschland bei einigen Spartensendern zu sehen war, weiß so ziemlich jedes Kind in Amerika, wie gefährlich und hart das Leben der Fischer in der meist tobenden Beringsee ist. Man brauche schon ordentlich Testosteron, um wochenlang auf den von Wind und Wellen gebeutelten Kuttern zu überleben´, erzählt ein Fischer. Doch dafür sei das Leben hier auch nicht so langweilig wie in den „Lower 48“, den übrigen Bundesstaaten der Vereinigten Staaten.